Flut.Dok: "Zeit hat für mich mehr Wert bekommen."

Portrait von Ferdinand Pfahl, auf einem Stul sitzend. links von Ihm der Schriftzug "Flut.Dok Alles Anders"

Flut.Dok: "Zeit hat für mich mehr Wert bekommen."

In unseren Beiträgen "Flut.Dok – Alles anders" erzählen Betroffene der Flutkatastrophe 2021 ihre persönliche Geschichte. Sie schildern, wie sich ihr Leben nach dem Hochwasser verändert hat.

Heute sind wir bei Ferdinand Pfahl aus Rheinbach. Der Bestatter hat an den Tagen nach der Flut in Euskirchen viele Verstorbene abgeholt. Diese Arbeit hat bei ihm tiefe Spuren hinterlassen und ihm einen neuen Blick auf sein eigenes Leben gegeben – sein Protokoll.

"Wie ich dann abends so im Bett lag, da hab‘ ich nur gedacht: Ab morgen ist alles anders." Ferdinand Pfahl

An dem Tag, wo es so unheimlich geregnet hat, war ich Zuhause. Ich hatte an dem Tag Enkeldienst, die kleine Mia war da. Sie fand das ganz lustig, im Regen zu spielen. Dann kam nachher der Schwiegersohn und hat sie abgeholt. Da haben wir noch gesagt: 'Hier, nimm lieber einen Schirm mit, es regnet so unheimlich.'

Morgens bin ich dann um fünf, halb sechs von einem Mitarbeiter geweckt worden, er war total verstört, aufgeregt. Und hat gesagt: 'Mensch, Herr Pfahl, der Mann unserer Mitarbeiterin, lag die ganze Nacht draußen. Der ist verstorben, er ist im Keller ertrunken.'

"Das ist immer was anderes, wenn man einen selber kennt. Das ist einfach schrecklich." Ferdinand Pfahl

In der Nacht, am nächsten Tag und an den folgenden Tagen haben wir viel Elend gesehen. Bis Sonntag, gab es immer wieder Anrufe, wo Tote abgeholt werden mussten. Das ist ein Job, den macht man. Und persönlich hat man dann abends die Zeit, wo man sich dann damit auseinandersetzt, mit dem Tod.

Zwei trauerkarten mit Foto des verstorbenen Manne und der 19 Jährigen

Ich bin im Endeffekt zweimal betroffen: Einmal der Mann meiner Mitarbeiterin, der verstorben ist. Dann gab es bei uns aus dem Testzentrum ein 19-jähriges Mädchen, das ich auch noch persönlich sehr gut kannte. Sie ist auf der Brücke eingestürzt, ist dann ein paar hundert Meter mitgerissen worden, dann irgendwo wieder hochgekommen und ist vor der evangelischen Kirche gefunden worden. Das ist immer was anderes, wenn man einen selber kennt. Das ist einfach schrecklich.

"Das Schöne an Bestattungen ist: Man kann helfen, man hilft." Ferdinand Pfahl

Kurz war so ein Bereich, wo ich mir die Frage gestellt habe: Warum machst du das überhaupt? Man hat ja früher einen Beruf erlernt, Schreiner, Bestatter. Und wenn es dann an einem selber zehrt und man sich selber überlegt: Was machst du überhaupt? Du gehst ja kaputt. Dann macht man sich natürlich alle möglichen Gedanken. Aber es hilft ja nichts, wegzulaufen.

Das Schöne an den Bestattungen ist: Man kann helfen, man hilft. Die Mutter wollte ihre Tochter zum Beispiel nicht mehr sehen. Und dann habe ich gesagt: 'Tu' mir einen Gefallen. Überlege dir das noch mal und verabschiede dich. Dass du weißt: Das ist meine Tochter. Dass du weißt, dass sie nicht so schlimm aussieht, wie du dir das vorstellst.'

"So eine Naturkatastrophe – die hätte mich ja auch treffen können. Ich bin auch über die Brücke gegangen." Ferdinand Pfahl

Ein Unfall kann immer passieren. Krankheit kann auch passieren. Aber so eine Naturkatastrophe – die hätte mich ja auch treffen können. Ich bin auch über die Brücke gegangen. In dem Moment hätte ich genauso runterfallen können. Also es kann jeden einzelnen treffen und da mache ich mir jetzt so Gedanken drüber.

Mein Vater hat im Krieg mit 13 Jahren seine Eltern verloren und der hat immer gesagt: 'Mensch Ferdi, wenn irgendwas ist, hilf den Leuten. Wenn irgendeine Katastrophe ist, dann hilf den Leuten. Ich wäre verhungert, wenn ich nicht Bauer x gehabt hätte, der mir Essen, Trinken, Milch – all die Sachen gegeben hätte. Ich wäre einfach verhungert.'

Der Bestatter hält ein großes buntes Bild in der Hand

Und da haben wir von der Ahr vier Familien aufgenommen, die nichts bezahlen müssen. Die wissen, dass ich viel Marzipan esse – man sieht es auch schon so ein bisschen – die schenken mir unheimlich viel Marzipan. Ich kann das gar nicht alles essen! Allein diese Geste, dass man sich bedankt, das tut einem dann gut. An den Strukturen hat sich, glaube, ich geändert, dass die Zeit das Wichtigste ist. Dass man sich Zeit nimmt für Enkelchen, für Geschwister, für die Mitarbeiter, ein Lächeln oder irgendwas, auf der Straße, dass man da nicht schnell aneinander vorbeiläuft. Also: Die Zeit hat mehr Wert bekommen für mich.

Stand: 14.01.2022, 12:55

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