Flüchtlinge in Bosnien: "Es ist wie eine Sackgasse"

Flüchtlinge in Bosnien: "Es ist wie eine Sackgasse"

"WDRforyou"-Reporterin Isabel Schayani ist mit ihren Kollegen Bamdad Esmaili und Henrik Adamus gerade aus Bosnien und Herzegowina zurückgekehrt. Sie haben sich dort ein Bild von der humanitären Situation an der EU-Außengrenze zu Kroatien gemacht, sind aber am Samstagabend vorzeitig abgereist, da Bosnien und Herzegowina zum Corona-Hochriskiogebiet erklärt worden ist. 

Während die Menschen in NRW am Sonntag aus dem Warmen ins Freie gegangen sind, um entweder Schnee vor der Haustür zu schippen oder einen Schneemann zu bauen, schildert Isabel Schayani im Gespräch mit WDR.de, was die Menschen in Bosnien machen, von denen manche sogar nicht mal ein Zeltdach über dem Kopf, geschweige denn einen Heizkörper neben der Schlafstätte haben.

WDR: Wie ist derzeit die humanitäre Situation in den Lagern an der Grenze zwischen Bosnien und Herzegowina und Kroatien?

Isabel Schayani: Vor allem Lipa habe ich mir im Vorfeld weniger dramatisch vorgestellt. Schließlich wurde ja viel berichtet und hingeschaut. Die Situation erinnert an Verhältnisse, die wir in Lagern in Griechenland erlebt haben. Miese Hygiene, ein Lager weit weg von der nächsten Stadt. Und vor allem eine angespannte Stimmung unter den Bewohnern. Lipa liegt in den Bergen, in der Nähe ist ein Friedhof und ein Steinbruch. 

In dem Lager Lipa, was kurz vor Weihnachten angezündet wurde, leben nach offiziellen Angaben zirka 900 Menschen. Die teilen sich 24 Dixi-Klos. Ich stand gerade vor dem ersten Zelt, da sagte mir ein Mann schon, dass im Lager Menschen ums Leben kommen. Was er meine, hab ich ihn gefragt. Es gebe viel Gewalt unter den Flüchtlingen. 

Flüchtlingslager Lipa: "Die Situation ist bitter"

WDR 5 Morgenecho - Interview 22.01.2021 05:56 Min. Verfügbar bis 22.01.2022 WDR 5


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Es gibt auch offizielle Lager wie Borici in Bihac, in denen viele Familien leben. Vier in einem Zimmer. Allein dort sind es 55 Familien. IOM und NGOs versorgen die Menschen mit dem Nötigsten. Dass dort so viele Kinder sind, hat mich überrascht. 

Allerdings haben bosnische Sicherheitsbehörden ein scharfes Auge auf die Hilfsorganisationen. Man betrachtet sie als möglichen Pull-Faktor, fürchtet also, dass sie Flüchtlinge ins Land locken. Oder sie zu sehr unterstützen. 

Flüchtlinge und Migranten haben wenig Rechte. Und Bosnien gewährt kaum jemandem Asyl. Kroatien schickt viele zurück nach Bosnien. Es ist wie eine Sackgasse: Aus Bosnien kommt man schwer weg. Zum Teil gelangen sie bis nach Italien und werden wieder nach Bosnien abgeschoben. Und nach Kroatien kommen sie schwer rein. Weder legal noch illegal. 

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Wie steht die bosnische Bevölkerung zu ihnen? 

Schayani: Die Bevölkerung war anfangs sehr hilfsbereit, haben viele von ihnen doch noch selbst einen Krieg erlebt. Bosnier sind auch sehr gastfreundlich. Aber das hat sich ins Gegenteil gewendet. Armut und Kriminalität liegen dicht beieinander. Das gilt auch für die Migranten und Geflüchtete. Das ist allerdings oft Folge großer Not. Ein Stadtrat aus Bihac sagte mir: "Wenn ein Flüchtling keine Schuhe mehr hat und vor dem Haus stehen welche, dann nimmt er sie sich. Wenn sie das jahrelang erleben, können sie irgendwann nicht mehr."

Die wirtschaftliche Not in der einheimischen Bevölkerung ist zudem groß. 40 Prozent Jugendarbeitslosigkeit. Ihre Ablehnung ist eine Art Notwehr. Flüchtlinge darf man vor Ort gar nicht mehr im Auto mitnehmen - sonst gilt man als Schlepper. Wenn ein Flüchtling in einem Kiosk einen Kaffee trinken will, dann lässt man ihn nicht rein. Das haben wir mehrfach gehört. 

Was tut die EU, um die Situation der Flüchtlinge zu verbessern?

Schayani: Die EU finanziert humanitäre Hilfe in Bosnien, damit die Menschen irgendwie durchkommen. Und gleichzeitig bezahlt die EU auch die europäische Grenzschutzagentur Frontex an der EU-Außengrenze in Kroatien. Das EU-Mitglied Kroatien geht mit massiver Gewalt gegen Flüchtlinge und Migranten vor, die ja illegal in ihr Gebiet kommen, um dann dort um Schutz zu bitten. Sie schlagen die Eltern auch vor den Augen der Kinder.

Schwierig ist auch die Rolle der für Migration zuständigen UN-Organisation IOM, die sich in Bosnien gleichzeitig um die Versorgung von Flüchtlingen und ihre Abschiebung kümmert. 

Wie gehen die Flüchtlinge mit der Situation um? Schrecken die schweren Lebensbedingungen sie ab?

Schayani: Komischerweise ist eher das Gegenteil der Fall. Je höher die Hürden, desto stärker ist ihr Wunsch, es trotzdem nach Europa zu schaffen. Auf Persisch sagt man dazu: das "Game" spielen: Es über die Grenze schaffen. Ihr Einsatz in dem Spiel ist ihr Leben. Um dann ein sicheres, neues und friedliches Leben zu leben. 

Dafür nehmen sie die teils menschenunwürdigen Lebensverhältnisse in den Lagern oder Bauruinen in Kauf. Etwa die Hälfte der rund 4.000 Flüchtlinge, die in der Grenzregion um Bihac vermutet werden, leben nicht einmal in organisierten Lagern, sondern in Wäldern, leerstehenden Häusern und Ruinen.

Die schlagen sich oft alleine durch, was die Spannungen zwischen Flüchtlingen und einheimischer Bevölkerung verschärft. Wenn die bosnischen Sicherheitsbehörden Menschen finden, die es gerade über die Grenze schaffen wollen, werden sie festgenommen und in ein Lager zurückgebracht. Oft werden ihre Sachen verbrannt. Ich wollte das zuerst nicht glauben, aber wir haben die Flammen gesehen. Ein 16-jähriger Afghane, der sich dort versteckt hatte, sagte uns, die Polizei habe alles verbrannt, was er hatte.

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Das Interview führte Christian Zelle.

Stand: 24.01.2021, 18:26

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