Was muss sich in der Fleischindustrie ändern?

Schweinehälften in einem Schlachtbetrieb

Was muss sich in der Fleischindustrie ändern?

Von Katja Goebel

  • Nach Masseninfektionen in der Fleischbranche
  • Blick auf Arbeits- und Wohnbedingungen
  • Gewerkschaft: Folge des Preiskampfes
  • Forderung: Weg von Subunternehmerstrukturen und Billigfleisch

Die Nachricht kam wie ein Paukenschlag. Als NRW in der Coronakrise längst schon wieder über Lockerungen im öffentlichen Leben sprach und bereits jeder beim Einkaufen Mundschutz trug, blickte die Öffentlichkeit plötzlich auf eine Branche, in der es mit den Corona-Sicherheitsmaßnahmen teils gar nicht rund lief: die Fleischindustrie.

In mehreren Betrieben der Firma Westfleisch waren hunderte Arbeiter am Virus erkrankt. Es gab Massentests und eine Betriebsschließung. Doch wie konnte das überhaupt passieren und was müsste sich grundlegend ändern?

Ansteckungsgefahr in Sammelunterkünften

Die Arbeiter leben oft in Sammelunterkünften, mehrerer Personen teilen sich - trotz Ansteckungsgefahr und Verbot seit April - ein Zimmer. Recherchen des WDR-Magazins Westpol zeigen, dass Subunternehmer ihre Arbeiter in Kleinbussen zum Schlachthof fahren, in denen sie dicht gedrängt sitzen. Die hygienischen Umstände in den Unterkünften seien problematisch.

Ausbeuterisches System

Die betroffenen Betriebe weisen eine Schuld von sich, denn Subunternehmer sind für die Unterkünfte zuständig. Ob sich die Arbeiter in den Unterkünften oder im Werk angesteckt haben, ist allerdings noch nicht abschließend geklärt.

Viele Subunternehmer seien nicht am Wohlergehen ihrer Arbeiter interessiert, sagt der Journalist Adrien Peter, der lange im Milieu recherchiert hat, gegenüber dem WDR. Oft steckten hinter den Subunternehmen Menschen mit krimineller Energie. Es sei ein ausbeuterisches System, trotz vieler Selbstverpflichtungen in der Vergangenheit.

Fleischindustrie: "Kriminelle Energie unter Subunternehmern"

WDR 5 Morgenecho - Interview 11.05.2020 04:16 Min. Verfügbar bis 11.05.2021 WDR 5

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Folge des Preiskampfes

Für die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) sind die Corona-Fälle ein "trauriges Resultat des extremen Preisdrucks beim Fleisch". Es sei überfällig "auf Stopp zu drücken und den ruinösen Preiskampf beim Fleisch zu beenden", erklärte Vizevorsitzender Freddy Adjan.

"Westfleisch ist keine Pommensbude"

Außenansicht der Werkshalle von Westfleisch in Coesfeld

Werkshalle von Westfleisch in Coesfeld

Im Umkehrschluss hieße das aber auch - weg von Massenproduktion und Billigfleisch. Ist das überhaupt realistisch? Gewerkschafter Ortwin Bickhove-Swiderski lebt seit 40 Jahren in Coesfeld. "Hier wird ein Schweinestall nach dem anderen gebaut." Westfleisch habe gerade beim Stadtrat einen Antrag gestellt. Die Zahl der wöchentlich 35.000 Schlachtungen nur am Standort Coesfeld will das Unternehmen auf 55.000 erhöhen. Vor dem Hintergrund, dass es laut Verwaltungsgericht vor Verstößen nur so wimmelte, klingt das fest bizarr. "Westfleisch ist keine Pommesbude." Mehr Schlachtungen bedeuten noch mehr Arbeiter mit Leihverträgen.

Mehr Kontrollen, höhere Löhne, teureres Fleisch

Was also tun? "Der Gesetzgeber könnte das alles allein regeln", sagt der Gewerkschafter. "Aber die Politik hat hier in NRW den Arbeitsschutz auf null gefahren. Statistisch wird hier alle 20 Jahre ein Betrieb überprüft". Helfen würden mehr Konrollen und die Anhebung des Mindestlohns. "In Coesfeld arbeiten unter 1.200 Arbeitern nur 250 Stammarbeiter", so Bickhove-Swiderski. Man müsse weg von diesen Subunternehmerstrukturen. Und der Verbraucher müsse sich an höhere Preise gewöhnen. "Es muss nur einer endlich machen."

Stand: 11.05.2020, 14:29

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