Musikfestivals: Wie werden wir in Zukunft feiern?

Konzertzuschauer

Musikfestivals: Wie werden wir in Zukunft feiern?

Von Katja Goebel

Viele abgesagte Live-Konzerte und Festivals, stattdessen kleinere Bühnen, Musikfans auf Stühlen oder in Strandkörben oder Musik per Stream. Verändern sich #nachCorona Festivals für immer?

Eigentlich wären wir jetzt mitten in der Festival-Saison - aber Corona bremst die Mega-Events auch in diesem Sommer reihenweise aus. Ob Rock am Ring, Parookaville, Bochum Total, Ruhr in Love, Köln Summer Jam - alles abgesagt und ins nächste Jahr verschoben.

Doch nicht alle Festivals machen 2021 dicht. Es gibt Veranstalter, die es trotzdem wagen wollen - später im Jahr, teils mit neuen Konzepten in anderen Locations, mit weniger Besuchern.

Aktuelle Konzepte: Welche Festivals finden statt und wie?

"Aufgeben zählt nicht", sagen die Macher des Traumzeitfestivals im Landschaftspark Duisburg Nord. Sie haben die Konzerte in der ungewöhnlichen Industriekulisse des ehemaligen Hüttenwerks auf September 2021 verschoben.

Sänger auf einer Bühne vor Industriekulisse

Traumzeitfestival: Auftritt vor Industriekulisse

"Es gibt für die Traumzeit kein neues Konzept, da wir auf die wesentlichen Merkmale und Eigenschaften des Festivals nicht verzichten möchten", sagt Ralf Winkelns vom Landschaftspark Duisburg Nord. Auch strebe man an, die Besucherzahlen unverändert zu lassen - allerdings nur geimpft, getestet oder genesen. 90 Prozent der Käufer hatten ihre Tickets behalten. Aber natürlich bleibe die Unsicherheit, das Festival duch noch kurzfristig absagen zu müssen. "Die Genehmiguingsvoraussetzungen ändern sich ja fast stündlich", so Winkels.

Auch das Haldern Pop Festival steigt im August 2021 in abgespeckter Version mit maximal 300 Besuchern am Tag - getestet oder geimpft, verteilt auf verschiedene Gruppen. Musiker spielen nicht auf dem eigentlichen Festivalgelände. "Wir kümmern uns wieder um die Kunst der Begegnung, einer kleinen erlaubten Welt", so der Veranstalter. Geplant sind Einzelkonzerte in einer Kirche, auf einer Radtour, einer Wandertour , auf dem Marktplatz oder in Haldener Gärten

Besucher auf Stühlen auf einer Wiese vor einer Bühne

Juicy Beats Park Sessions

Aus dem Juicy Beats Festival in Dortmund, das jährlich 50.000 Besucher hatte, wird alternativ die Juicy Beats Park Sessions anbieten. Klein, aber mit großer Besetzung. Das Hygienekonzept: Bestuhlt, maximal 980 Besucher pro Konzert, Sitzplatzreservierung mit Namen und Kontaktdaten, Zutritt nur für Genesene, Geimpfte oder Getestete.

Das ausgefallene und 2022 verschobene Sunset-Beach-Festival in Haltern bietet eine kleinere Alternative mit der Sunset-Beach-Bar: Gleiche Location, nur dass ein DJ an der Bar auflegt. Livemusik ist auch geplant.

Zukunftsmusik: Werden sich Festivals verändern?

"Natürlich hoffen wir, dass auch in der Zukunft wieder Festivals mit den Besucherzahlen aus den früheren Jahren stattfinden können", erklärt Ralf Winkelns vom Landschaftspark Duisburg Nord. Im Arrangement mit dem Virus werde es sicherlich Anpassungen geben. Festivals mit weniger Besuchern seien nur der Versuch, für einen treuen Teil der Besucher zurück zu einem normalen Geschehen zu finden - der Aufwand bleibe der gleiche. Er ist überzeugt, "dass die Menschen nach der Pandemie auf jeden Fall wieder lieber live vor Ort auch fühlen, schmecken und riechen möchten. "

Und die digitale Alternative? Für Martin Königmann, der das Sunset-Beach-Festival veranstaltet, wäre eine "Hybridlösung" aus normalem Festival und digitalem Stream denkbar, zum Beispiel bei großen Festivals - auch um dem Ansturm der letzten Jahre entgegenzuwirken. Doch auch er ist überzeugt, dass einige immer das Feiern vor Ort bevorzugen. Außerdem rät er Künstlern teils davon ab, Streamingkonzerte zu geben, da sich das Format schnell abnutze und das Interesse sinke.

1LIVE Moving Parookaville Spezial

Parookaville-Festival: Verschoben auf 2022

"Pandemiebedingte Änderungen können wir für uns nicht planen. Wir planen Großveranstaltungen wie bisher", erklärt auch Bernd Dicks, Kopf hinter dem Parookaville-Festival, dem größten Festival für elektronische Musik in Deutschland mit 210.000 Gästen. "Wir brauchen neun Monate Planungszeit, die Politik entscheidet im Wochenrhythmus. Das geht für so ein großes Festival nicht, das wollen auch die Gäste nicht. Da wollen 40.000 vor der Bühne tanzen, schwitzen und knutschen." Ein Festival mit Abstand, Sitzplatz und Maske wäre für Dicks undenkbar.

Blick über den Tellerrand: Wie machen es die anderen?

Schon im Sommer 2020 staunte man nicht schlecht, als mitten in der Pandemie im britischen Newcastle ein Konzert vor 2.500 Leuten stattfand. Es war bis dahin das größte Social-Distancing-Konzert - mit 500 kleinen Tribünen für die Gäste.

Ein digitales Konzept gab es 2020 für das Tomorrowland in Belgien, das weltweit größte Festival für elektronische Musik. Dort wurde der Festivalraum digital nachgebaut, und während die DJs in Studios performten und auf die virtuellen Bühnen projiziert wurden, konnten sich die Fans drei Tage lang ebenfalls virtuell auf dem Festival bewegen. Das kam so gut an, dass es auch 2021 ein virtuelles Festival geben soll.

Feiernde Zuschauer vor einer Festivalbühne

Cruilla-Musikfestival 2021 in Barcelona

Als eine der ersten Städte nach der dritten Corona-Welle preschte Spanien bei der Festivalplanung voran. So ging am 8. Juli 2021 in Barcelona das riesige Musikfestival "Cruilla" mit 18.000 Zuschauern am Tag über die Bühne - trotz drastisch gestiegener Corona-Zahlen. Alles also wie vor Corona? Nicht ganz: Alle Teilnehmer mussten sich unmittelbar vor dem Eintritt einem Corona-Schnelltest unterziehen. Dafür standen 180 Testplätze zur Verfügung. Und die Musikfans mussten Masken tragen, dafür aber keinen Abstand halten. Vorangegangen war übrigens ein Testkonzert mit wissenschaftlicher Begleitung.

Nicht ganz so gut ging allerdings das Open-Air-Festival "Verknipt" (zu deutsch "durchgeknallt") Anfang Juli 2021 im niederländischen Utrecht aus: Von den 20.000 Besuchern steckten sich rund 1.000 mit Corona an. Auch hier mussten Festivalbesucher eigentlich nachweisen, dass sie geimpft oder negativ getestet waren.

Stand: 04.08.2021, 17:09

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