Fernfahrer: EU verbietet Wochenend-Übernachtung im Lkw

Fernfahrer: EU verbietet Wochenend-Übernachtung im Lkw

  • Übernachtungsverbot für Fernfahrer am Wochenende
  • EU-Reformvorhaben mit genauen Vorgaben
  • Kritik deutscher Spediteure - bleiben Rastplätze voll?

Von Island in die Türkei und von Spanien nach Finnland: Fernfahrer sind oft monatelang quer durch Europa unterwegs, weit von der Familie und dem eigenen Bett. Stattdessen: Stunden hinterm Steuer und dann eine bescheidene Unterkunft. Viele Fahrer verzichten sogar darauf und übernachten gleich in der Fahrerkabine - wenn sie einen freien Stellplatz erwischt haben. Dann können sie sich noch ein Spiegelei über dem Gaskocher braten. Sonst bleibt nur der Platz irgendwo am Straßenrand.

Gleiche Arbeitsbedingungen für alle Fahrer

Das soll sich jetzt ändern: Das EU-Parlament hat am Donnerstag (09.07.2020) ein "mobility package" genanntes Reformvorhaben verabschiedet. Davon sollen 3,6 Millionen Lkw-Fahrer profitieren, besonders aber die Fahrer aus Osteuropa. Denn sie sind es vor allem, die ihre Nächte im Laster verbringen, schlechter als andere Kollegen in der EU bezahlt werden und eine Fahrt nach der anderen abreißen. Damit wollen die bulgarischen, polnischen und rumänischen Speditionen im Konkurrenzkampf um Fracht und Touren bestehen.

Die Folge sind Arbeitsbedingungen, die nicht nur Gewerkschaften menschenunwürdig finden. Das Gesetzespaket sieht jetzt zum Beispiel Mindestlohn für alle vor und die Pflicht, regelmäßig in die Heimat zu fahren.

Hotelzimmer statt Fahrerkabine

Für die Fahrer besonders einschneidend: Sie dürfen am Wochenende nicht mehr in ihren Fahrzeugen übernachten. Unter der Woche, am Ende einer Tagestour, dürfen sie sich immer noch einen Platz auf der Raststätte suchen. Aber die vorgeschriebene Ruhezeit von 45 Stunden sollen sie im Hotel oder in einer Pension verbringen. Damit will man Missstände auf den überfüllten Rastplätzen in den Griff bekommen, so die Begründung der EU-Verkehrsminister.

Im ersten Anlauf gescheitert

Einen ersten Anlauf hat die EU schon vor zwei Jahren gemacht - allerdings hat sich kaum ein Land daran gehalten. Eine Ausnahme: Frankreich, das streng kontrolliert und Bußgelder sofort eintreibt. Alle anderen taten sich schwer damit: Flächendeckende Kontrollen rund um die Uhr seien kaum drin, heißt es zum Beispiel vom Verband Spedition und Logistik NRW.

Neue Verordnung soll spätestens 2021 greifen

Jetzt macht die EU ernst. Die EU-Verordnung zum Kabinenschlafverbot am Wochenende soll spätestens im nächsten Jahr in Kraft treten und muss dann von den EU-Staaten wie Deutschland umgesetzt und kontrolliert werden. Bereits 2017 hatte der Europäische Gerichtshof Änderungen angemahnt und geurteilt, dass Fernfahrer ihre wöchentliche Ruhezeit nicht in der Kabine verbringen dürfen. Die weiteren Regelungen des Gesetzespaketes werden nach und nach bis zum Jahr 2026 in Kraft treten.

Ravioli aus der Dose und ein Bett unterm LKW

LKW-Fahrer

Feierabend auf dem vollen Platz

Bezahlt werden soll das von den Spediteuren. Das stößt nicht nur den Osteuropäern auf, die sich massiv gegen das ganze Paket gewehrt haben, weil sie um ihre Geschäftsgrundlage fürchten. Auch hiesige Spediteure haben Probleme mit der Regelung. "Natürlich unterstützen wir das", sagt zum Beispiel Benjamin von Cetinich vom Verband Spedition und Logistik NRW. "Es ist nicht gut, wenn die Fahrer unterm LKW schlafen und sich von Ravioli ernähren." Aber: "Das ist alles nicht durchdacht."

"Wo sind die Hotels?"

Von Cetinich zählt auf: "Wo sind die Hotels? Wer bewacht die Fracht? Und wenn sie ein Hotel ansteuern, finden es die Anwohner ganz bestimmt auch nicht toll, wenn 40-Tonner durch ihr Wohngebiet donnern." Stefan Henz von der Kölner Spedition Moeller ergänzt: "Selbst wenn ein Low-Budget-Hotel 40 Euro die Nacht kostet - das sind 320 Euro im Monat, das will kein Auftraggeber übernehmen."

Die Parkplätze bleiben knackevoll

Die Spedition muss dann aber eben auch die Bußgelder zahlen, die fällig werden, wenn der Fahrer doch in seiner Kabine erwischt wird, in der er notgedrungen geblieben ist - nicht nur in Frankreich, sondern EU-weit. "Es wird Bußgelder hageln", sagt von Cetinich, weil es eben an der Infrastruktur fehlt. Bis sich daran etwas ändert, wird es zehn Jahre dauern, "mindestens". Bis dahin gibt es weiter übervolle Parkplätze mit Fahrern, die sich vorm Fahrzeug ihr Essen machen. "Und jetzt", prophezeit von Cetinich "werden sie sich auch noch alle schnell verstecken, sobald ein Kontrolleur auftaucht."

Stand: 10.07.2020, 17:18

Aktuelle TV-Sendungen