Nach Missbrauchsgutachten: Münsteraner Bischof Genn räumt Fehler ein

Stand: 17.06.2022, 18:38 Uhr

Am vergangenen Montag haben Wissenschaftler der Uni Münster das Gutachten zu sexueller Gewalt gegen Kinder durch Mitglieder der katholischen Kirche im Bistum Münster vorgestellt. Bischof Felix Genn hat in diesem Zusammenhang Fehler eingeräumt. Er habe sexuelle Gewalt aber nicht vertuscht.

Vier Tage hat sich Bischof Felix Genn Zeit gelassen, die fast 600 Seiten der Studie zu lesen. Aber schon vorher war ihm klar, dass er danach nicht zur Tagesordnung übergehen kann.

Bischof Felix Genn an einem Mikro.

Felix Genn räumte Fehler ein und entschuldigte sich

Den Beginn der Pressekonferenz nutzte Genn zunächst, um sich noch einmal bei allen Opfern von sexueller Gewalt durch Mitglieder der Kirche zu entschuldigen. Zudem bat er auch die Menschen, die Opfer der Vertuschungen wurden, um Entschuldigung.

Gleichzeitig wiederholte er seine Worte vom vergangenen Montag: "Sehr gewiss bin ich mir, dass eine Bitte um Entschuldigung nicht ausreicht. Mit dem Eingeständnis von Fehlern und ehrlicher Reue muss eine wirkliche Umkehr verbunden sein. Konkret heißt das für mich, es müssen über das, was schon geschehen ist, weitere Konsequenzen im Umgang mit sexuellem Missbrauch gezogen werden. Das ist für mich eine Verpflichtung, an der ich mich messen lassen muss", so Bischof Felix Genn.

Fünf Historiker der Uni Münster hatten vor wenigen Tagen das Gutachten zu Fällen sexueller Gewalt im Bistum Münster veröffentlicht - mit einem verheerendem Ergebnis: Mehr als 200 Priester haben in den Jahren von 1945 bis 2020 Kindern sexuelle Gewalt angetan. Mindestens 610 Kinder sind Opfer davon geworden, die Dunkelziffer könnte nach Schätzungen bis zu zehn Mal so groß sein.

Bischof Genn räumt persönliche Fehler ein

Im Verlauf der Stellungnahme ging Genn zunächst auf die Fehler ein, die er persönlich gemacht habe im Zusammenhang mit Fällen sexueller Gewalt in den Bistümern, in denen er tätig war. Beispielsweise sei er in manchen Fällen zu milde bei den Auflagen gewesen, die er als Bischof von Münster den Beschuldigten machte, und diese seien dann auch nicht streng genug durchgesetzt worden.

"Selbstverständlich übernehme ich die Verantwortung für die Fehler. Ich bin Teil des Systems, das diese Taten möglich gemacht hat. Ich trage eine Mitverantwortung für das Leid."

In diesem Zusammenhang betonte Genn aber auch ganz deutlich, dass er nicht glaube, "sexuellen Missbrauch vertuscht" zu haben. Vielmehr betonte er die "schweren Fehler", die seine Vorgänger gemacht hätten. "Ich werde die Toten ruhen lassen, aber die Wahrheit muss ans Licht", so Genn.

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Auch habe er nicht die Interessen der Institution über die Sorge um die Betroffenen gestellt. Daher wolle er auch nicht seinen Amtsverzicht anbieten, sondern seine verbleibende Amtszeit dazu nutzen, Maßnahmen gegen sexuellen Missbrauch zu ergreifen, so der Bischof.

Genn will sich Kirchengericht stellen

Genn kündigte an, sich einem kirchlichen Verwaltungsgericht zu stellen, das sein Verhalten im Zusammenhang mit den Missbrauchsfällen prüfen soll. Zeitgleich soll ihm zufolge die Gremienstruktur im Bistum Münster neu geordnet werden, um die Macht besser zu verteilen.

Darüber hinaus sollen Personalentscheidungen transparenter, nachvollziehbarer und partizipativer gefällt werden. Zudem soll ein unabhängiger Beraterstab eingerichtet werden, der Empfehlungen aussprechen soll. Diesen will sich Genn nach eigener Aussage verpflichten zu folgen. Um die Fälle von sexueller Gewalt aufzuarbeiten will Genn eine Aufarbeitungskommission einrichten, in der auch zwei Betroffene sitzen sollen.

Nach Informationen des stellvertretenden Interventionsbeauftragten Stephan Baumers hat das Bistum bereits 227 Anträge auf Schadensersatz an die Kommission zur Anerkennung des Leids der Bischofskonferenz weitergeleitet. Bislang sei ein Gesamtbetrag von zwei Millionen Euro an Betroffene gezahlt worden. "Darin war alles dabei", so Baumers. "Von Zahlungen zwischen 3.000 und 5.000 Euro bis hin zu 50.000 Euro."

Grabstätten verschlossen

Als erste Reaktion auf das Missbrauchsgutachten hatte der Bischof den Zugang zu den Grabstätten seiner Vorgänger im Paulusdom mit einem schweren Eisentor verschlossen. "Derzeit ist ein Besuch der Grablege nicht möglich", steht auf einem Schild. Die Bischöfe, die dort liegen, haben laut Studie Verbrechen vertuscht und Täter geschützt: Es sind die Bischöfe Michael Keller (verst. 1961), Heinrich Tenhumberg (verst. 1979) und Reinhard Lettmann (verst. 2013).

St.-Paulus-Dom: Ein Zettel weist darauf hin, dass der Besuch der Südturmkapelle und der Grablege derzeit nicht möglich ist

St.-Paulus-Dom: Ein Zettel weist darauf hin, dass der Besuch der Südturmkapelle und der Grablege derzeit nicht möglich ist.

Ihnen allen werfen die Wissenschaftler der Uni Münster vor, von den Taten gewusst, die Kinder aber nicht geschützt zu haben. Das könne nicht mehr verschwiegen werden, "die Wahrheit muss ans Licht", sagt Bistumssprecher Stefan Kronenburg und fordert Betroffene dazu auf, Ideen für den weiteren Umgang mit den Gruften zu entwickeln. Die Totenruhe solle aber nicht gestört werden.

Auch Martin Schmitz aus Rhede war als Kind jahrelang sexueller Gewalt durch Priester ausgesetzt. Er glaubt, dass Genns Versprechen, Macht abgeben zu wollen, in der katholischen Kirche kaum umsetzbar sei: "Wenn Macht abzugeben ist, dann in der Form, dass staatliche Stellen die Aufarbeitung machen. Dass die staatlichen Stellen den Bischöfen sagen, wo es langgeht." Aufarbeitung und Sanktionierung des Missbrauchs finde bislang allein durch die Kirche statt.

"Die Kirche ist Täterorganisation, sie ist Richter, sie ist Aufklärer, sie ist Anwalt für die Betroffenen – alles zusammen geht einfach nicht." Betroffenensprecher Martin Schmitz

Franz N., der als Kind jahrelang von einem heute als Intensivtäter bekannten Priester vergewaltigt wurde, fordert eine radikale Umkehr in der katholischen Kirche. "Ich erwarte, dass diejenigen, die vertuscht haben und Missbrauch betrieben haben, die volle Verantwortung übernehmen und dann auch ihren Hut nehmen. Das erwarte ich."

Neben personellen Veränderungen verlangen die Betroffenen auch grundlegende Reformen im Kern der katholischen Kirche: weniger Hierarchien, Frauen im Priesteramt, Aufhebung des Zölibats.

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