Eine Krankenversicherung für alle = niedrigere Beiträge? Ein Faktencheck

Aufnahme von mehreren übereinander liegenden unterschiedlichen Krankenkassenkarten

Eine Krankenversicherung für alle = niedrigere Beiträge? Ein Faktencheck

Von Sabine Meuter

Die gesetzliche und private Krankenversicherung fusionieren - die Forderung ist nicht neu. Eine Studie ergab nun, dass dadurch die Beiträge für aktuell gesetzlich Versicherte spürbar sinken könnten. Ein Faktencheck.

Die Ausgangslage:

Im Schnitt 145 Euro pro Jahr an Beiträgen zur gesetzlichen Krankenversicherung sparen. Das könnten rein theoretisch alle derzeit in einer gesetzlichen Kasse versicherten Mitglieder gemeinsam mit ihrem jeweiligen Arbeitgeber, wie aus einer am Montag (17.02.2020) vorgestellten Studie des Berliner Iges-Instituts im Auftrag der Bertelsmann Stiftung hervorgeht.

Dieser Spareffekt sei aber nur möglich, wenn die private Krankenversicherung in der gesetzlichen aufgeht - also alle Mitglied einer einheitlichen Bürgerversicherung würden. Wäre dies der Fall, könnte die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) jährlich ein finanzielles Plus in Höhe von rund neun Milliarden Euro erzielen. In der Folge könne der Beitragssatz entsprechend um 0,2 bis 0,6 Prozentpunkte sinken.

Der Check - Teil 1: 145 Euro pro Jahr sparen?

Durchschnittlich 145 Euro pro Jahr an GKV-Beitrag sparen, das klingt auf den ersten Blick verlockend. Doch diese Ersparnis wird nicht für alle gleich hoch sein. Die tatsächliche Beitragshöhe hängt vielmehr vom Verdienst des Versicherten ab. "Das heißt, für geringer Verdienende wird die Ersparnis deutlich geringer ausfallen", stellt der Sozialexperte Jochen Pimpertz vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Köln klar.

Eine weitere These in der Studie: Würden die Honorarverluste der Ärzte, die bislang gegenüber der Privaten Krankenversicherung (PKV) mehr abrechnen können, ausgeglichen, läge die Ersparnis für Kassenpatienten bei 48 Euro jährlich. "In der Tat würde ein Ausgleich der Honorarverluste bei privat versorgenden Ärzten für eine deutliche Reduktion der Ersparnis in der GKV sorgen", sagt Pimpertz dazu. Den konkreten Betrag von 48 Euro hält er indes nicht für nachvollziehbar.

Der Check - Teil 2: Mehr medizinische Leistungen für wen?

In der Studie heißt es auch, dass Privatversicherte im Schnitt 56 Prozent mehr als Kassenpatienten verdienten. Sie könnten bei einer Fusion zu einem deutlich höheren Beitragsaufkommen beitragen. Allerdings: Privatversicherte haben zwar im Durchschnitt höhere Einkommen - aber nicht alle. Gerade bei den Selbständigen gibt es eine große Gruppe von Personen mit unterdurchschnittlich hohen Verdiensten. Der Anteil der gutverdienenden Arbeitnehmer in der privaten Krankenversicherung macht laut PKV-Verband gerade einmal 18 Prozent aus.

Laut der Studie nehmen zudem Privatpatienten im Vergleich medizinische Leistungen weniger in Anspruch. So suchen sie der Studie zufolge nicht so oft den Arzt auf wie GKV-Versicherte und werden deutlich seltener stationär behandelt. "Der PKV-Verband argumentiert genau gegenteilig", sagt Pimpertz. Der IW-Sozialexperte hält es für fragwürdig, allein aus der "subjektiven Gesundheitseinschätzung ableiten zu wollen, dass die bislang privat krankenversicherten Personen auch tatsächlich gesünder sind."

Das Fazit:

Die Studie hat keinen praktischen Wert, sie basiert auf Schätzungen und Aussagen, die unrealistisch erscheinen.

Patient Krankenkasse Planet Wissen 20.04.2018 59:23 Min. Verfügbar bis 20.04.2023 SWR

Stand: 17.02.2020, 19:43

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