Medizinisches Personal in Schutzkleidung versorgt einen Patienten auf der Intensivstation.

Ausgebranntes Pflegepersonal: Bis zu 30 Prozent wollen aussteigen

Stand: 25.08.2021, 20:30 Uhr

Seit Beginn der Corona-Pandemie arbeiten Pflegekräfte auf den Intensivstationen bis zur Belastbarkeitsgrenze und darüber hinaus. Jetzt sind viele ausgebrannt: Viele Intensiv-Krankenpfleger wollen aus dem Beruf aussteigen.

Von Frank Menke

Corona und kein Ende und jetzt auch noch das: Professor Christian Karagiannidis, Intensivmediziner und wissenschaftlicher Leiter des DIVI-Melderegisters für Krankenhäuser, twitterte am Mittwoch folgendes: "Die Zahl der betreibbaren Intensivbetten mit Beatmungsmöglichkeit geht von Monat zu Monat zurück auf jetzt etwa 9000. Viele Kliniken melden uns Personalprobleme. Das Personal ist müde und wird weniger."

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Strukturelle Überbelastung

Steigen jetzt viele Intensivpflegekräfte aus ihrem Beruf aus? "20 bis 30 Prozent der Pflegekräfte auf Intensivstationen wollen ihren Beruf verlassen, weil es zu anstrengend geworden ist", sagte Karagiannidis am Mittwoch dem WDR.

Das hat seiner Meinung nicht nur mit Corona zu tun, sondern auch mit struktuellen Bedingungen. Während in Deutschland eine Pflegekraft tagsüber zwei Intensivpatienten und nachts drei betreue, sei das Verhältnis zum Beispiel in den Niederlanden oder den skandinavischen Ländern eins zu eins.

"Es wird irgendwann eng werden. Die Entlastung des Personals ist das einzige, was hilft, um aus der Krise herauszukommen." Prof. Christian Karagiannidis, wissenschaftlicher Leiter des DIVI-Melderegisters

Krankenhäuser reduzieren High-Care-Betten

Als Folge der permanenten Überbelastung des Intensivmedizin-Personals und dem bereits bestehenden Mangel an Fachkräften würden die großen Krankenhäuser ihren Bestand an Intensivbetten mit invasiver Beatmungsmöglichkeit, sogenannnten High-Care-Betten, reduzieren.

"Mitte Dezember gab es davon in Deutschland noch rund 12.000, nun sind es nur noch rund 9.000", so Karagiannidis. Er sieht nur einen Ausweg, um den Trend zu stoppen: "Es wird irgendwann eng werden. Die Entlastung des Personals ist das einzige, was hilft, um aus der Krise herauszukommen."

"Viele Pflegekräfte haben mir erzählt, dass sie das Zumachen der Leichensäcke, dieses Geräusch, nicht mehr hören konnten. Das spiegelt wider, was da in den Wochen passiert ist von Jahresanfang bis Mitte Mai." Prof. Michael Hallek, Uniklinik Köln

Erschütternde Zustände

Mit welchen erschütternden Zuständen das Pflegepersonal auf Intensivstationen konfrontriert war und womöglich wieder wird, schilderte Prof. Michael Hallek von der Uniklinik Köln dem WDR: "Es gab auch bei uns einmal eine Situation, in der wir gar nicht mehr genug Kühlschränke für die Leichen hatten. Wir mussten dann improvisieren. Viele Pflegekräfte haben mir dann erzählt, dass sie das Zumachen der Leichensäcke, dieses Geräusch, nicht mehr hören konnten. Das spiegelt wider, was da in den Wochen passiert ist von Jahresanfang bis Mitte Mai."

Keine Möglichkeit zur Erholung

In vielen Gesprächen hätten ihm Intensivpflege-Mitarbeiter erzählt, dass sie nach Hause gingen, nur um zu schlafen, um am nächsten Morgen wieder zu funktionieren - und das über Tage, manchmal Wochen. Sie hätten für nichts anderes mehr den Kopf frei, fühlten sich total leer und hätten überhaupt keine Möglichkeit, sich von ihrem Beruf zu erholen. Hallek befürchtet, dass die vierte Corona-Welle solche Empfindungen erneut heraufbeschwört.

"Die Arbeitsbedingungen im Bereich der Pflege waren schon vor Corona nicht großartig und sie sind nicht besser geworden, ganz im Gegenteil." Katharina von Croy, Regionalverband Nordwest des Deutschen Berufsverbandes für Pflegekräfte

Auch Berufsverband zeichnet düsteres Bild

Alarm schlägt auch Katharina von Croy vom Regionalverband Nordwest des Deutschen Berufsverbandes für Pflegekräfte. Diese litten vor allem darunter, dass die Pandemie schon so lange dauere. Sie bekämen nicht mehr das Gefühl, einfach mal wieder richtig durchschnaufen und zum Normalbetrieb zurückkehren zu können, der ja eh schon belastend genug sei.

Von der Politik im Stich gelassen

Von Croy ergänzte: "Dazu kommen Frustration, Demotivation und das Gefühl, von der Politik im Stich gelassen worden zu sein, dass eben nach irgendwelchen tollen Gesten im letzten Jahr nichts mehr gefolgt ist und noch nicht einmal der Corona-Bonus flächendeckend bei allen angekommen ist."

Ihre einzige positive Erkenntnis: In ihrem Meldebereich seien ihr derzeit keine Krankenhäuser bekannt, in denen der Personalnotstand auf den Intensivstationen ausgebrochen ist. Aber wie lange mag das noch gutgehen? Denn unstreitig ist: Es gibt bereits heute zu wenig Pflegepersonal, und das nicht nur auf den Intensivstationen.

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