100 Jahre Kriegsende: Ein Soldat aus Witten erzählt

Portrait eines jungen Mannes in einer deutschen Uniform aus dem Ersten Weltkrieg

100 Jahre Kriegsende: Ein Soldat aus Witten erzählt

Von Jörn Kießler

  • Vor 100 Jahren endete der Erste Weltkrieg
  • Blog mit Tagebucheinträgen eines Soldaten aus Witten
  • Urenkel will Vermächtnis bewahren

Als am 11. November 1918 im französischen Compiègne der Waffenstillstand unterschrieben wird, ist Ernst Pauleit schon wieder zurück in Witten. Im März 1918 hatte ein Granatsplitter den damals 25-Jährigen an Hand und Oberschenkel verletzt.

Neben der Verletzung brachte er auch zehn Tagebücher mit in die Heimat, die er während seiner fast vier Jahre an der Front geschrieben hatte.

Vier Jahre an der Front: Fotos von Ernst Pauleit

Als Ernst Pauleit im März 1918 verletzt aus dem Ersten Weltkrieg heimkehrte, brachte er neben seinen Tagebüchern auch Fotos von der Front mit.

Historische Schwarzweiß-Aufnahme der zerstörten Stadt Lille in Frankreich

In den ersten Monaten nach Kriegsbeginn konnte das Deutsche Heer vor allem Erfolge vermelden. Am 20. Oktober 1914 fotografierte Ernst Pauleit das besetzte und stark zerstörte Lille.

In den ersten Monaten nach Kriegsbeginn konnte das Deutsche Heer vor allem Erfolge vermelden. Am 20. Oktober 1914 fotografierte Ernst Pauleit das besetzte und stark zerstörte Lille.

Doch der Vormarsch stockte, und Ende 1914 mussten sich die deutschen Truppen wieder weit nach Norden zurückziehen. Während dieser Zeit wurde Pauleit (r.), damals 22 Jahre alt, oft als Beobachter eingesetzt.

Trotz des Kriegs versuchten die Soldaten, besondere Tage auch an der Front festlich zu begehen. 1914 feierte Ernst Pauleit Heiligabend mit den anderen Soldaten der Infanterie in Französisch Flandern.

Auf den Tag ein Jahr später bekam er die Österreichische Tapferkeitsmedaille verliehen. Pauleit war das unangenehm, da er zu dieser Zeit in der Schreibstube arbeitete. Dennoch reiste Erzherzog Josef am 2. Januar 1916 an den Isonzo im heutigen Slowenien, um die Ehrungen zu überreichen.

Zwischen den so genannten Isonzoschlachten, bei denen Deutschland Österreich-Ungarn beim Kampf gegen Italien unterstützte, entstanden auch die Aufnahmen, die Pauleit von seinen Kameraden vor einem Geschütz an der Front machte.

Doch noch bevor die Kampfhandlungen im Osten komplett beendet waren, wurde Pauleit wieder nach Frankreich abgezogen, wo er schließlich auf den Schlachtfeldern von Verdun landete.

Am 21. März 1918, sieben Tage vor seinem 26. Geburtstag, treffen Pauleit die Splitter einer explodierenden Granate und verletzen ihn an Hand und Oberschenkel. Pauleit darf daraufhin zurück nach Deutschland und verbringt ein halbes Jahr im Lazarett in Thüringer Hof in Göttingen.

Seit 2014 hat sein Urenkel Julian Finn die Einträge kontinuierlich in seinem Blog "1914-1918 – Die Entwicklung der Dinge" veröffentlicht - auf den Tag genau 100 Jahre, nachdem sein Urgroßvater sie schrieb.

Der hatte seine Notizen aus dem Krieg bereits 1930 noch einmal zusammengefasst und mit einer Schreibmaschine abgetippt.

Der WDR hat vier Tagebucheinträge von Ernst Pauleit einsprechen lassen. Die Audios finden Sie auf dieser Seite. Zum Teil wurden die Textstellen gekürzt.

"Für meinen Urgroßvater war das auch ein Weg, seine Erlebnisse aus dem Krieg zu verarbeiten", sagt Finn. "Heute würde man von einer posttraumatischen Belastungsstörung sprechen."

Doch noch wichtiger war es Pauleit offenbar, dass seine Erinnerungen als mahnendes Beispiel für die Nachwelt erhalten blieben.

"Überzeugter Kriegsgegner"

"Mein Urgroßvater war bis zu seinem Tod ein überzeugter Kriegs- und Militärgegner", sagt Finn. "Und das, obwohl er 1914 mit der gleichen Überzeugung und Euphorie in den Krieg zog wie viele andere Männer." Die Wandlung Pauleits lässt sich Seite für Seite, Blogeintrag für Blogeintrag nachvollziehen.

Abmarsch, 1. August 1914, Tagebucheintrag von Ernst Pauleit

01:47 Min.

Seine Reise mit der Fußartillerie führt Pauleit von Köln durch Belgien, den Norden Frankreichs bis hinunter in die Champagne. Von dort wird Pauleits Division ins heutige Slowenien abkommandiert und nimmt an mehreren der so genannten Isonzoschlachten teil.

Rückzug von der Marne bis zur Aisne, 8. September 1914, Tagebucheintrag von Ernst Pauleit

01:58 Min.

Danach kehren die Soldaten nach Frankreich zurück und landen auf den Schlachtfeldern von Verdun. Minutiös notiert Pauleit währenddessen in seinem Tagebuch die Verluste und Siege, aber auch das Elend, das er erlebt.

Verdun, 20. August 1917, Tagebucheintrag von Ernst Pauleit

02:11 Min.

"Auf die Idee mit dem Blog bin ich gekommen, nachdem ich einen Artikel über das Attentat von Sarajewo gelesen habe", erzählt Finn. Während der vier Jahre, die er die Einträge veröffentlichte, wurde ihr Inhalt aktueller denn je.

Ein anderer Weg der Verständigung

"2014 ahnte noch keiner, dass Donald Trump US-Präsident werden, die Zustände in der Türkei noch autokratischer und Großbritannien aus der EU austreten würden", sagt Finn. "Viele Schilderungen meines Urgroßvaters zeigen, dass diese Entwicklungen alles andere als wünschenwert sind."

Ernst Pauleit mahnt in seinem letzten Tagebuch-Eintrag, zu überlegen ob es "nicht doch einen anderen Weg der 'Verständigung' zwischen den Völkern geben müsste."

Wieder in der Heimat, 16. August 1918, Tagebucheintrag von Ernst Pauleit

02:09 Min.

Stand: 10.11.2018, 08:00

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