Eriksen-Kollaps bei der EM: Kann das auch Hobby-Sportlern passieren?

Eriksen wird im Spiel gegen Finnland medizinisch versorgt

Eriksen-Kollaps bei der EM: Kann das auch Hobby-Sportlern passieren?

Von Andreas Poulakos

Der Zusammenbruch von Christian Eriksen hat die Sportwelt geschockt. Noch gibt es keine Diagnose, doch Ärzte gehen von einem akutem Herzproblem aus. Ist auch der Amateursport für solche Fälle gerüstet?

Die erste Halbzeit im EM-Spiel Dänemark gegen Finnland ist fast abgelaufen, als Fußball plötzlich keine Bedeutung mehr hat. Millionen Fans vor den Bildschirmen sind am Samstagabend live dabei, als der dänische Spieler Christian Eriksen auf dem Spielfeld zusammenbricht und reglos liegen bleibt. Sofort beginnen Notärzte mit der Reanimierung. Unter den Tränen seiner Teamkollegen wird Eriksen vom Platz getragen.

Erst um 19.30 Uhr kommt die erlösende Nachricht: Eriksen ist bei Bewusstsein, es besteht keine Lebensgefahr. Um 20.30 wird das Spiel wieder angepfiffen: Endstand 1:0 für die Finnen. Wirklich wichtig ist das nicht. Was bleibt, sind viele Fragen: Wie kann ein Spitzensportler - jung und perfekt trainiert - so plötzlich kollabieren? Und wäre so ein Notfall auch im Amateursport gut ausgegangen?

Was hat den Kollaps ausgelöst?

Das weiß noch niemand genau. Dennoch ist sich Tim Meyer, Arzt der deutschen Nationalmannschaft, sicher: "Es war ganz offensichtlich ein kardiales Ereignis" - also ein Herzproblem.

Anscheinend habe Eriksen einen Anfall von akuten Herzrhythmusstörungen erlitten. In solchen Fällen werde das Gehirn nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt. Ohne schnelle ärztliche Hilfe könne so ein Anfall bleibende Schäden verursachen. "Welche Herzerkrankung zugrunde liegt, kann ich nicht sagen."

Auch Kardiologe Christoph Hahnefeld von der Uniklinik Bochum stellt eine ähnliche Ferndiagnose. Ihm zufolge schwebte Eriksen wohl in akuter Lebensgefahr. "Wenn man dort nichts gemacht hätte, wäre der Spieler wohl gestorben", sagte Hahnefeld am Sonntag der "Aktuellen Stunde".

Welche Vorerkrankungen kommen in Frage?

Laut der Deutschen Herzstiftung, die für Aufklärungskampagnen mit dem DFB zusammenarbeitet, ist der häufigste Grund für einen solchen Notfall eine koronare Herzkrankheit. Bei jüngeren Menschen unter 40 könnten aber auch Herzmuskelentzündungen, angeborene Herzfehler sowie genetisch bedingte Erkrankungen die Ursache sein. Tückisch bei vielen dieser Leiden sei, dass sie lange ohne Beschwerden verlaufen können.

Übrigens: Nach den vorliegenden Informationen deutet nichts darauf hin, dass eine Corona-Erkrankung oder eine Corona-Impfung etwas mit dem Anfall von Eriksen zu tun habe, betonte Meyer.

Sind auch Amateurspieler gefährdet?

Grundsätzlich ja. Wahrscheinlich ist das Risiko für Hobbykicker sogar höher als für Profis, weil letztere gewöhnlich eine exzellente medizinische Versorgung haben. Der DFB hat alle Bundesliga-Vereine seit 1999 verpflichtet, ihre Akteure regelmäßig umfangreichen kardiologischen Untersuchungen zu unterziehen. Kein Erst- oder Zweitligaprofi erhält eine Spiel-Erlaubnis, wenn er die Tests nicht besteht. Doch auch für sie bleibt ein Rest-Risiko: Eriksen, der in Italien unter Vertrag steht, wird regelmäßig durchgecheckt - offenbar ohne Ergebnis.

Junge Hobbysportler lassen sich hingegen eher selten intensiv auf kardiologische Probleme untersuchen, wenn sie keine Beschwerden haben. Solche Checks werden von Hausärzten eher Menschen ab 40 empfohlen. Deshalb bleiben viele Erkrankungen unerkannt - bis es zu spät ist.

Wie können Vereine vorsorgen?

Eine so gute medizinische Versorgung wie bei der EM können sich kleinere Vereine in der Regel nicht leisten. Meist sind aber die Sanitätsdienste, die bei vielen offiziellen Wettkämpfen angefordert werden, für Reanimationsmaßnahmen gut ausgebildet. Allerdings mangelt es vielerorts an technischen Hilfsmitteln: So sind zum Beispiel Defibrillatoren bisher nur in Bundesliga-Stadien Pflicht: Das sind Geräte, die Stromstöße abgeben, mit denen man akute Herzrhythmusstörungen beheben kann.

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Und wenn jemand auf dem Bolzplatz zusammenbricht?

Dann muss alles sehr schnell gehen. Im Idealfall hat einer der Mitspieler eine Ausbildung als Ersthelfer absolviert und kann seinem Teamkollegen bis zum Eintreffen der Rettungskräfte Erste Hilfe leisten. Wenn nicht - bloß keine Zeit damit verschwenden, dem Bewusstlosen Wasser einzuflößen. Je länger ein Herzanfall unbehandelt bleibt, desto größer ist das Risiko für bleibende Schäden - oder Schlimmeres.

Stand: 14.06.2021, 14:35

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