Der große Zuhörer: Zum Tod von Alfred Biolek

Alfred Biolek (2012)

Der große Zuhörer: Zum Tod von Alfred Biolek

Von Marion Kretz-Mangold

Talkmaster, Fernsehkoch, Talentscout: "Bio" und seine Ideen haben das deutsche Fernsehen verändert. Heute ist Alfred Biolek im Alter von 87 Jahren in Köln gestorben

Das haben sich seine Eltern eigentlich anders gedacht: Alfred, das Nesthäkchen, sollte Anwalt werden und die Kanzlei des Vaters übernehmen. Der Sohn studiert auch brav Jura, bringt alle Prüfungen und Promotion mit Erfolg hinter sich – und beschließt: "Das ist nicht meine Welt."

Ein Entschluss mit Folgen: Statt in der Provinz Ehen zu scheiden und Nachbarschaftsstreitigkeiten zu schlichten, macht sich Biolek daran, das Fernsehen immer wieder neu zu erfinden. "Am laufenden Band", "Boulevard Bio", "Alfredissimo": "Bio" ist die "Kurzformel für intelligentes und trotzdem unterhaltsames Fernsehen", wie die "Abendzeitung" feststellt.

"Er war immer im Mittelpunkt"

Seine allerersten Auftritte auf großer Bühne hat Biolek, der am 10. Juli 1934 in Freistadt (Tschechoslowakei) geboren wird, als Messdiener. "Ich stand als Ministrant ja ganz vorne, vor Publikum. Das hat mir damals schon gefallen."

Ob Schultheater oder später im Studentenkabarett: Der junge Biolek spielt gerne den Entertainer. "Er war immer im Mittelpunkt, da war immer was los", erinnert sich ein Schulfreund. Ein bunter Vogel sozusagen, besonders im beschaulichen Waiblingen, wohin es die Familie nach der Vertreibung verschlagen hat.

Ein begnadeter Witzeerzähler

Dass das Leben mehr bereit hält als Paragraphen und Sonntagsbraten, ahnt Biolek schon, als er mit 16 als einer der ersten Austauschschüler überhaupt in die USA geht. Eine fremde Welt, großzügig und offen für Neues, ganz anders als das Nachkriegsdeutschland, das von Hüfthalter und Heinz Erhardt geprägt ist.

Danach heuert er zwar als Jurist beim neuen Sender ZDF an. Aber weil er abends beim Wein so viele Witze erzählen kann, schicken ihn die Redakteure vor die Kamera. "Schön war ich nicht, aber das spielte damals im Fernsehen nicht so die Rolle", so Biolek später.

Alfred Biolek

Braver Blick, strenger Scheitel

Strenger Scheitel, dunkler Anzug, leichtes Lächeln: So spricht Biolek seine "Tipps für Autofahrer" ins Mikrofon. Schon ein halbes Jahr später ist er Chef der Vorabend-"Drehscheibe".

Radikaler Bruch mit dem bürgerlichen Dasein

Es hätte der Beginn einer soliden Karriere werden können. Aber es ist das Jahr 1969, und Biolek fängt an, "ein anderes Leben zu leben". Er kündigt und zieht nach München, in die "heimliche Hauptstadt".

Helmut Kohl prostet in der Sendung "Boulevard Bio" Talkmaster Alfred Biolek

Premiere für Kanzler Helmut Kohl.

Vor allem macht er seinem Versteck-Spiel ein Ende: Von nun an lebt er offen schwul. Der "Schwulen-Paragraph" 175 ist gelockert worden, und Biolek bricht radikal mit seinem bürgerlichen Dasein: Rolli statt Krawatten, Koteletten statt Scheitel. "Ich habe wild gelebt", erinnert er sich, "und mich angezogen wie ein Hippie."

Auf dem Olymp der Fernsehunterhaltung

Wild sind auch seine Ideen fürs Fernsehen, die er mit seiner eigenen Firma umsetzt. Er holt Monty Python, die Großmeister des absurden Humors, für den WDR nach Deutschland – und es ist ihm ziemlich egal, dass die mit ihren Sketchen überhaupt nicht gut ankommen.

Alfred Biolek

Höchstes Lob vom Meister-Entertainer.

Neu auch "Am laufenden Band" mit Rudi Carrell als ARD-Showmaster, der "Olymp der Fernsehabendunterhaltung". Das Publikum staunt, die Fernsehkritiker sind begeistert: für Biolek der endgültige Durchbruch als Fernseh-Macher.

Nichts war zu verrückt

Danach wechselt er aus den Kulissen vor die Kamera – und landet wieder einen Quotenhit. Bei "Bio’s Bahnhof" ist nichts zu verrückt: Jagdhornbläser treffen auf Avantgarde-Musiker, Nana Mouskouri singt mit Udo Lindenberg.

Sammy Davis Jr. spendet allerhöchstes Lob: Das sei die "einzigartigste und wunderbar gemischte Fernsehshow”, zu der er jemals eingeladen worden sei.

Einfühlsam und diskret

Nicht alles, was er anfasst, gelingt. Aber er setzt gleich zwei Meilensteine der Fernsehgeschichte: Die Ur-Talkshow "Boulevard Bio", das sich der "Welt" zufolge zum "Hochamt gepflegter Unterhaltung" entwickelt, und "Alfredissimo", nur der Form nach eine Koch-Show.

Ihr Markenzeichen: Gute Gespräche mit einem aufmerksamen Gastgeber. Biolek legt Wert darauf, dass seine Gäste nur das erzählen, was sie wollen. Im Fall des Kanzlers Kohl, der zum ersten Mal überhaupt in eine Unterhaltungsshow geht, wird ihm das angekreidet: Er sei viel zu unterwürfig gewesen.

Fotos aus Alfred Bioleks Leben

"Grandseigneur der Fernseh-Unterhaltung“, "fleischgewordene Diskretion" und "Mutter aller Glotzenbrutzler": Alfred Biolek hat sich viele Ehrentitel verdient. Kein Wunder: Vier Jahrzehnte mit "Bio" haben die Fernsehlandschaft verändert. Jetzt ist der Mann mit den vielen Ideen in Köln gestorben.

Alfred Biolek als Kind

Geboren wird Alfred am 10. Juli 1934 in Freistadt (Tschechoslowakei) als Sohn eines Anwalts und einer Laienschauspielerin. Seine Kindheit ist "das reine Paradies", schwärmt er später. Daraus wird die Familie aber nach dem Krieg vertrieben - eine traumatische Erfahrung für den jungen Alfred. Das Elternhaus sieht er erst 70 Jahre später wieder.

Geboren wird Alfred am 10. Juli 1934 in Freistadt (Tschechoslowakei) als Sohn eines Anwalts und einer Laienschauspielerin. Seine Kindheit ist "das reine Paradies", schwärmt er später. Daraus wird die Familie aber nach dem Krieg vertrieben - eine traumatische Erfahrung für den jungen Alfred. Das Elternhaus sieht er erst 70 Jahre später wieder.

Die Bioleks lassen sich in Waiblingen nieder. Die kleine Stadt wird Alfred bald zu klein. Als gehorsamer Sohn studiert er zwar Jura, aber es zieht ihn immer wieder auf die Bühne. Mit seinem Kabarett "Das trojanische Pferdchen" geht er am Wochenende auf Tour.

Dort erlebt ihn auch der spätere Generalbundesanwalt Kurt Rebmann, ein Mann mit Beziehungen. Und als er Biolek, mit Examen, aber ohne Job, wieder trifft, schickt er ihn gleich weiter zum neuen Sender ZDF. "Was macht der in der Verwaltung? Der gehört vor die Kamera!", heißt es bald: Denn Biolek hat eine Menge Witze auf Lager. "Tipps für Autofahrer", "Urlaub nach Maß" und die ZDF-"Drehscheibe" werden allesamt Erfolgsformate. Aber Biolek hat Ideen, die er selbst umsetzen will. Er kündigt, geht nach München und wird Produzent.

"Bio’s Bahnhof" ist eine dieser Ideen. Eine verrückte Show, auf die das Etikett "Musik-Sendung" gar nicht passt, mit außergewöhnlichen und hochkarätigen Gästen – wie den singenden und tanzenden Kessler-Zwillingen.

Biolek  hat auch ein Näschen für Talente. Ob Dirk Bach, Helen Schneider oder die 15-jährige Anke Engelke, die "Mama und Papa" besingt: Der Produzent holt sie in seine Shows und macht sie damit bekannt.

Sein Gespür für Innovatives beweist Biolek auch in der "Show-Bühne", die 1983 auf Sendung geht. Der Videokünstler Nam June Paik hat hier 1984 seinen allerersten TV-Auftritt überhaupt.

Nicht alles, was Biolek anfasst, gelingt: Manche Versuche gehen schief, wie die Spielshow "Mensch Meier".

Mit Dieter Thoma lädt er beim "Kölner Treff" auf die Couch. Vorher hat er schon im "Senftöpfchen" das Talk-Show-Format erprobt – mit großem Erfolg, aber noch jenseits der Kamera.

"Boulevard Bio" startet 1991 – und läuft 12 Jahre und 485 Sendungen lang. Biolek lädt alles ein, was Rang,  Namen und eine interessante Geschichte hat: Bundeskanzler, Modedesigner, Hollywood-Stars und den Dalai Lama.

Gastgeber ist die Rolle seines Lebens, und Kochen seine Leidenschaft. Was liegt näher, als das Fernsehpublikum zusehen zu lassen? "Alfredissimo" läuft ab 1993, keine Koch-Show, sondern eine Genuss-Show, wie Biolek betont.

Schnippeln, brutzeln und ganz viel plaudern: Das ist "Bio‘s" Erfolgsrezept. Prominente wie Helmut Berger, Alice Schwarzer, Guildo Horn bringen ein einfaches Rezept mit und verraten ganz nebenbei Persönliches.

2006 zieht Biolek einen Schlussstrich und beendet seine Fernsehkarriere. "Das Fernsehen ist nicht schlechter, nur anders", sagt er. Aus der Öffentlichkeit verschwindet er aber nicht – nicht zuletzt wegen seiner vielen Kochbücher, die sich verkaufen wie geschnitten Brot.

Warum Biolek sich in Rot-Weiß hüllt und mit Udo Lattek posiert, wissen wir nicht. Leidenschaft kann es nicht sein. "Ich weiß noch nicht mal, ob man Fußball mit F oder V schreibt", sagt er im WM-Jahr 2014. Andere Hobbys, außer Kochen und Reisen, hat er auch nicht.

Dafür ist Biolek viel zu umtriebig. Er kämpft für "Linda", die Speisekartoffel, setzt sich für mehr Entwicklungshilfe ein und lässt für Afrika trommeln. Biolek ist der erste Deutsche, der zum UN-Sonderbotschafter der Weltbevölkerung wird.

2005 gründet er eine Stiftung, die seinen Namen trägt und Jugendliche in Afrika unterstützt. 2013 bekommt er dafür den "Kaiser-Augustus-Orden" – eine von vielen Auszeichnungen, die Biolek für seine Ideen, sein Engagement und seine ganz besonderen Interviews bekommt.

Sein Leben ist eine Mischung aus Genuss und Disziplin gewesen, hat Biolek gesagt. Jetzt ist er im Alter von 87 Jahren gestorben.

Biolek nimmt es sich nicht zu Herzen, liest fortan einfach keine Kritiken mehr und lädt weiter alle ein, die Rang und Namen haben.

Der Dalai Lama, Wladimir Putin und Günter Grass auf der Bühne, Alice Schwarzer als Mayonnaise-rührende Köchin am Herd: Alfred Biolek befragt sie mit einer Mischung aus Neugier und Diskretion, die ihm viel Lob und viele Auszeichnungen einbringt.

Zwangs-Outing vor laufender Kamera

Umso härter trifft es ihn, dass er selbst Opfer einer Indiskretion wird: Der Filmemacher Rosa von Praunheim outet ihn 1991 vor laufender Kamera.

"Ich habe einen Schlag bekommen, der sehr weh getan hat", sagt Biolek, der seine Homosexualität bis dahin "offen, aber nicht öffentlich" gelebt hat. "Aber irgendwo hat dieser Schlag eine Verspanntheit gelöst, die danach weg war."

"Besser konnte es nicht werden"

Nach vier Jahrzehnten vor und hinter der Kamera macht "Bio" im Jahr 2006 Schluss: "Besser konnte es nicht werden." Jetzt will er sein Leben genießen, Freunde bewirten, reisen. Er zieht von Köln nach Berlin, wo er ein großes Haus führt, mit Essen für den Bundespräsidenten, den Bürgermeister und die Berlinale-Jury.

Ganz ohne Bühne mag er nicht sein: Er geht mit Talkshows auf Tour, tritt im Musical der Monty Pythons auf, kocht vor Kreuzfahrt-Passagieren. Er engagiert sich auch weiter, für mehr Entwicklungshilfe und gegen Aids.

Katastrophen-Jahr 2010

Aber dann kommt das Katastrophen-Jahr 2010: die Produktionsfirma insolvent, die langjährige Beziehung zerbrochen, schließlich der schwere Treppensturz mit Arm- und Schädelbruch. Wochenlang liegt er im Krankenhaus – und hat Zeit, über sein Leben nachzudenken.

Das Ende der rauschenden Feste

Und so zieht Biolek zurück nach Köln und ordnet sein Leben. Keine Stars mehr, keine rauschenden Feste, stattdessen Freunde, gute Bücher und Zwiebeln schneiden, wenn Gäste zum Essen kommen. Eine "Mischung aus Genuss und Disziplin" sei sein Leben gewesen, sagt er.

Jetzt ist der "Grandseigneur der deutschen Fernsehunterhaltung" gestorben. Er sei in seiner Kölner Wohnung friedlich eingeschlafen, sagte sein Adoptivsohn Scott Biolek-Ritchie der dpa. Biolek war seit Längerem gesundheitlich angeschlagen gewesen. Er wurde 87 Jahre alt.

Stand: 23.07.2021, 09:58

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