Eine Hand auf dem Regler einer Heizung

Wenn Heizen arm macht - und wie der Staat helfen kann

Stand: 10.03.2022, 12:37 Uhr

Die Energiepreise steigen stark, auch wegen des Ukraine-Krieges. Das trifft vor allem jene, die ohnehin schon wenig haben. Doch bislang hat Deutschland die Augen vor dem Problem Energiearmut verschlossen. Was man tun kann.

Von Claudia Wiggenbröker

Wenn Frauke Mayer einer Freundin einen Geburtstagsgruß schicken möchte, tut sie das nicht unbedacht. Sie gönnt sich auch nicht im Vorbeigehen eine Zeitschrift oder kauft einfach Zutaten für ein besonderes Abendessen ein. Denn wenn sie dafür Geld ausgibt, muss sie überlegen, wo sie es an anderer Stelle einsparen kann. Die Rente von Frauke Mayer, die Erzieherin war, ist knapp. Auch die ihres Mannes ist nicht viel höher.

"Kalte Füße" kriegt die Detmolderin schon, wenn sie nur an die Heizkostenabrechnung denkt, die ihr ins Haus flattern wird, weil Energie durch den Ukraine-Krieg so teuer geworden ist. Dabei sind die Mayers, die eigentlich anders heißen, sparsam. Geheizt wird nur dort, wo sie sich gerade aufhalten. Das ist vor allem in ihrem Wohnraum, wo zusätzlich ein kleiner Holzofen steht. "Wir schauen schon genau: Wie lange sitzen wir jetzt noch hier? Eine halbe Stunde? Gut, dann legen wir noch ein Stück Holz nach." Trotzdem gehen mit Frauke Mayer die Sorgen durch, wenn sie an die gestiegenen Preise denkt. Manchmal befürchtet sie sogar, dass sie und ihr Mann das Dach über dem Kopf verlieren werden.

Elf Prozent leider unter "Energiearmut"

In der EU sind rund elf Prozent der Bevölkerung von "Energiearmut" betroffen. Konkrete Zahlen für Deutschland gibt es nicht. "Energiearmut ist eine Benachteiligung, über die wir in Deutschland viel zu wenig reden", sagt Katrin Großmann. Die Professorin für Stadt- und Raumsoziologie forscht seit langem zu dem Thema. "Unsere Regierung weigert sich seit Jahren, Energiearmut als eigenen, sozialen Tatbestand anzuerkennen. Dabei kann man sie nicht einfach unter Einkommensarmut subsummieren." Sie sei eine eigene Form der Armut. "Eine, die an die Substanz geht."

"Energiearmut ist eine eigene Form der Armut. Eine, die an die Substanz geht." Katrin Großmann, Professorin für Stadt- und Raumsoziologie

Wie viele Forschende kritisiert die Soziologin, dass es hierzulande bislang keine Versuche der Politik gibt, eine eigene Definition festzulegen. Viele Länder sind Deutschland da voraus. Ihre Ansätze beinhalten meist drei Faktoren:

  • steigende Energiepreise
  • einen hohen Energieverbrauch
  • geringe Einkommen

Steigende Energiepreise belasten vor allem Menschen mit geringem Einkommen

"Schon in den vergangenen Monaten sind Öl und Gas teurer geworden", sagt Almut Balleer. Sie ist Professorin für Empirische Wirtschaftsforschung an der RWTH Aachen. "Und es ist zu erwarten, dass die Preise noch weiter steigen." Denn das Angebot könnte im Zuge des Krieges noch knapper werden - weil Deutschland sich entscheidet, weniger der Rohstoffe zu importieren oder Russland seine Lieferungen stoppt. Auch bei den Strompreisen sieht es nicht besser für deutsche Verbraucher aus: Die Bundesrepublik hat die höchsten in der EU – vor allem wegen Steuern und Abgaben.

Hohe Energiepreise treffen vor allem jene, die ohnehin schon wenig haben: Rentner, Azubis, Alleinerziehende. Sie müssen einen hohen Anteil ihres Haushaltseinkommens für Strom- und Heizkosten aufbringen. "Es gibt Überlegungen, diese Entwicklungen für einkommensschwache Haushalte abzufedern", sagt Balleer. Eine sind Preisdeckelungen. Die Ökonomin betrachtet diese allerdings kritisch. "Preissignale sind für Konsumentscheidungen relevant", sagt sie. Das sollte man nicht beeinflussen. Sinnvoller wären Transferzahlungen, um Haushalte zu unterstützen.

Das können sich auch Florin Vondung und Johannes Thema vorstellen. Sie beschäftigen sich am Wuppertal Institut mit der Erfassung von und Lösungsansätzen für Energiearmut. Die Forscher kritisieren, dass die Unterstützungsmaßnahmen, die von der Bundesregierung bisher beschlossen wurden, "in keiner Weise ausreichend" sind - und auch nicht zielgerichtet. So würden beispielsweise von der Erhöhung der Pendlerpauschale eher einkommensstärkere Vielverbraucher profitieren.

Eine elektrische Speicherheizung steht im Zimmer eines Einfamilienhauses

Alte Heizsystem sorgen für einen hohen Verbrauch

Doch auch energiearme Haushalte haben oftmals einen hohen Verbrauch. Das liegt allerdings nicht daran, dass sie nicht sparsam mit den Ressourcen umgehen würden. Vielmehr leben sie oftmals in schlecht isolierten Wohnungen mit alten Heizsystemen. Sie können sich zudem keine neuen, energieeffizienten Haushaltsgeräte leisten.

Maßnahmen gegen hohen Energieverbrauch

Um Stromfresser aus Haushalten zu verbannen, kann ein Stromspar-Check helfen. Bei der kostenfreien Energieberatung wird ermittelt, wo noch Einsparpotentiale herrschen. "Aber die Möglichkeiten, die Verbraucher haben, sind hier begrenzt", sagt Johannes Thema. Man müsse an die Gebäude ran.

"Die Möglichkeiten, die Verbraucher haben, sind hier begrenzt." Johannes Thema vom Wuppertal Institut

Ein wichtiges Thema sind daher energetische Sanierungen. "In Schottland und England beispielsweise dürfen Wohnungen erst gar nicht vermietet werden, wenn sie nicht eine festgelegte Energieeffizienz-Klasse erreichen", erläutert Vondung. "Der Standard wird mit der Zeit verschärft. Damit Vermietende den Anreiz haben, mehr als das Nötigste zu tun."

Würde so in Deutschland verfahren, hätte das nicht nur in punkto Klimaschutz Vorteile für die Kommunen. Sie könnten durch den geringeren Verbrauch auch bei den Heizrechnungen sparen, die sie für Arbeitslose begleichen, so die Wissenschaftler. Ein anderer Ansatz sei hier ein Klimabonus, so wie er etwa in Duisburg und Paderborn eingeführt wurde. Die Städte erlauben Sozialhilfeempfängern höhere Mieten, sofern die ausgewählte Wohnung einen höheren energetischen Standard hat. 

Stadtsoziologin Katrin Großmann fordert, die Steuern und Abgaben auf den Strompreis zu senken. Eine andere Idee wären Sozialtarife: Die ersten Kilowatt-Stunden auf der Stromrechnung wären kostenlos. Alles, was darüber hinausgeht, würde als Luxus-Verbrauch stark zur Kasse gebeten. "Wir müssen etwas daran ändern, dass die Belastung für denjenigen am stärksten ist, der wenig hat", sagt Großmann. "Denn hat man nur ein geringes Einkommen und sehr hohe Ausgaben für Energie, muss man Einsparungen an anderen Stellen machen. An Stellen, die wehtun."

Kommentare zum Thema

13 Kommentare

  • 13 Sybille V. 12.03.2022, 09:43 Uhr

    Ich muss die Heizung leider aus lassen und wasche mich mit kaltem Wasser, weil ich meinen Lebensunterhalt und hohe Miete von nur 1220 Euro Nettoeinkommen bewältigen muss :..( LEIDER kann ich gar keine Transferleistungen wie Wohngeld erhalten, weil mein Bruttogehalt nur ganz knapp die Einkommensgrenze überschreitet WARUM setzt der Gesetzgeber die Einkommensgrenzen für Sozialleistungen nicht mal endlich etwas höher, damit auch ich diese Hilfe in Anspruch nehmen kann und nicht mehr aus Not frieren muss???

  • 12 Sybille V. 12.03.2022, 09:41 Uhr

    Ich muss die Heizung leider aus lassen und wasche mich mit kaltem Wasser, weil ich meinen Lebensunterhalt und hohe Miete von nur 1220 Euro Nettoeinkommen bewältigen muss 😥 LEIDER kann ich gar keine Transferleistungen wie Wohngeld erhalten, weil mein Bruttogehalt nur ganz knapp die Einkommensgrenze überschreitet WARUM setzt der Gesetzgeber die Einkommensgrenzen für Sozialleistungen nicht mal endlich etwas höher, damit auch ich diese Hilfe in Anspruch nehmen kann und nicht mehr aus Not frieren muss???

  • 11 Heike 11.03.2022, 15:12 Uhr

    Ich erinnere an die Bundestagsdebatte, als der Inflationsausgleich bei Hartz IV / Sozialhilfe von der Ampel abgelehnt, und direkt im folgenden Tagesordnungspunkt eine Diätenerhöhung beschlossen wurde. Das sagt alles. Es wird nichts gegen Armut getan. Punkt.

  • 10 HeinzII 11.03.2022, 14:13 Uhr

    Mal eine "doofe" Frage an alle: Gäbe es nicht die Möglichkeit, daß der Staat eine Obergrenze einzieht für Kilowattstunde/ Strom und für Sprit und Ausgleichzahlungen an die Firmen leistet? Könnte der Staat da nicht gut prüfen, daß die Firmen sich nur nach Börsenstand ( Strombörse und Heizöl-/Gaspreise am Weltmarkt ) gerechnet nicht bereichern und nur daß bekommen, was ihnen zustände? Wäre es nicht sogar angemessen, Firmen ab einem bestimmten Preis sagen wir mal 1,90 Euro pro Liter dann nur noch kostendeckend abzurechnen. Warum sollen die reichen Mineralölfirmen eigentlich nicht auch einen Soli-Beitrag leisten?! Bitte nicht über mich herfallen! Ich frage einfach mal "naiv". Wär das nicht leichter als Senkung von Stromsteuer, Mineralölsteuer, EEG usw. ?

  • 9 Michael 11.03.2022, 10:25 Uhr

    Ich meine, wir sollten mit Strom heizen und den aus Wind- Wasser- und Sonnenenergie holen. Dann tun wir was für die Umwelt und diese Quellen können wir auch im eigenen Land anzapfen, sind also umabhängig von Putin und seinen Artgenossen. Ich plane schon mir für kommenden Winter Elektroheizungen aus dem Baumarkt zum im Zimmer aufstellen zu holen denn beim Klopapier haben wir gesehen, wie schnell Sachen ausverkauft sein können. Und wer weiß, vielleicht dreht Putin doch den Gashahn zu um DE unter Druck zu setzen. Dann ist es gut mit Elektroheizungen vorgesorgt zu haben. Und die kann man ja nur in die Räume stellen, wo man es gerade warm haben will. Und im Sommer für den Winter sparen. Mein Stromanbieter bietet auf Nachfrage auch 6-monatige Abrechnung an, damit die ggf. anfallende Nachzahlung nicht so viel auf einen Schlag ist.

  • 8 Andrea Mertens 11.03.2022, 09:20 Uhr

    Ein besonderer Dank an unsere weitsichtigen Politikers die alles so super organisiert haben . Dafür Haftbar gemacht zu werden brauchen sie ja nicht zu befürchten, ich friere gern für ihr Missmanagement, danke !

  • 7 Jan Neh 11.03.2022, 08:05 Uhr

    Bloß nicht, der Staat "hilft" schon mehr als er kann. Der Gaspreis hat sich verdoppelt. Steuern, Netzentgelte, CO2 Abgabe. Alles gleich für jede Kundinin. Oder: 19% MwSt. Die Arminnen können nicht so hohe Steuern und Abgaben zahlen wie die Reichinnen. Hein Blöd würde sagen, Rechenschwäche. Unsere Heizung bleibt aus. Wir vertragen die trockene Heizungsluft nicht

  • 6 George 10.03.2022, 23:40 Uhr

    Wir können uns drehen und wenden wie wir wollen, ohne fossile Energien wird es auf absehbare Zeit nicht funktionieren, wie wir es jetzt schmerzhaft fühlen. Das Problem ist, dass wir uns vom Ausland abhängig gemacht haben. Unter unseren Füßen liegt Energie. Nur kommt man jetzt so leicht nicht mehr ran. Mit Kohle kann man nicht nur heizen, sondern daraus auch Sprit herstellen. Wenn man die Kohleenergie sauber gemacht hätte, was gut funktioniert, wenn man es denn will, hätten wir genug Spielraum, bis man erneuerbare Energien so weit ausbaut, dass man genug davon hat. Nun sehen wir, wohin Abhängigkeit führt.

    Antworten (1)
    • kein Naturwissenschaftler 11.03.2022, 15:10 Uhr

      Hallo George! Gehören Sie zu der Generation, die sich an den Kohlepfennig erinnert? Kleine Hilfe: Die Kohle unter der Ruhr wird nicht mehr angetastet, da der Abbau mit hohen Summen subventioniert wurde. Oder anders formuliert: Die Energieträger aus dem Ausland (nicht nur Russland) konnten über Jahrzehnte viel preiswerter importiert werden. Thema Sprit aus Kohle: Recherchieren Sie doch mal, wie giftig dieser Sprit ist (das kommt z.B. dann heraus, wenn gesunkenen deutschen Kriegsschiffen aus dem 2. Weltkrieg der Treibstoff abgepumpt wird)

  • 5 Thomas Gemmer 10.03.2022, 22:10 Uhr

    Wir sollten uns mit der Tatsache vertraut machen, daß Bundesregierung die Nöte des kleinen Mannes vollkommen gleichgültig sind! Wenn eine Frau Baerbock uns mitteilt, daß die Freiheit kein Preisschild hat, sollte sie sich die Frage gefallen müssen, ob sich diese Freiheit auch jeder leisten kann.

  • 4 Reiner Reuber 10.03.2022, 18:38 Uhr

    Es ist richtig den Ukrainern zu helfen die zu und kommen. Wir dürfen aber nicht unsere Armen vergessen, in England heißt es Wohltaten beginnen zu Hause.

  • 3 Rentner 10.03.2022, 18:15 Uhr

    Höhere Energiekosten ergibt beim Staat höhere Steuereinnahmen. Bundestag hat so nette Volksvertreter? Murkshaufen!!

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