Rückansicht von Papst Benedikt

Papst Benedikt entschuldigt sich für Missbrauch - aber bestreitet eigene Fehler

Stand: 08.02.2022, 15:01 Uhr

Seit Wochen steht der emeritierte Papst Benedikt XVI. in der Kritik. Nun hat er reagiert. Die Opfer sexuellen Missbrauchs bittet Benedikt um Verzeihung - konkrete Vertuschungsvorwürfe weist er aber zurück.

Es ist eine doppelte Botschaft, mit der der emeritierte Papst Benedikt nach wochenlanger Kritik am Dienstag an die Öffentlichkeit geht: Zum einen bittet er die Opfer sexualisierter Gewalt in der katholischen Kirchen ganz generell um Verzeihung - wie auch schon in der Vergangenheit. Konkrete Vertuschungsvorwürfe gegen ihn weist der 94-Jährige aber zurück. Er wolle seine "tiefe Scham", seinen "großen Schmerz" und seine "aufrichtige Bitte um Entschuldigung gegenüber allen Opfern sexuellen Missbrauchs zum Ausdruck bringen", schreibt Benedikt in einer am Dienstag veröffentlichten Stellungnahme.

"Ich habe in der katholischen Kirche große Verantwortung getragen. Umso größer ist mein Schmerz über die Vergehen und Fehler, die in meinen Amtszeiten und an den betreffenden Orten geschehen sind." Papst Benedikt

Benedikt, der frühere Kardinal Joseph Ratzinger, steht seit Wochen heftig in der Kritik, weil ihm ein Gutachten zu Missbrauchsfällen im Erzbistum München und Freising Fehlverhalten in vier Fällen vorwirft. Die Gutachter einer Anwaltskanzlei gehen davon aus, dass Ratzinger in seiner Zeit als Münchner Erzbischof Priester, die Kinder missbraucht hatten, wieder in der Seelsorge einsetzte.

Dementi von Anwälten und Beratern

Diese Vorwürfe werden in einem ebenfalls am Dienstag veröffentlichten "Faktencheck" von Ratzingers Anwälten und Beratern kategorisch abgestritten. "Das Gutachten enthält keinen Beweis für einen Vorwurf des Fehlverhaltens oder der Mithilfe bei einer Vertuschung", heißt es darin. "Als Erzbischof war Kardinal Ratzinger nicht an einer Vertuschung von Missbrauchstaten beteiligt." Auch habe er keine Kenntnis gehabt von Taten oder vom Tatverdacht sexuellen Missbrauchs.

Verweis auf Missverständnis

Benedikt äußerte sich auch selbst zu Vorwürfen, er habe über seine Teilnahme an einer Sitzung gelogen, in der es um die Versetzung eines pädophilen Priesters von NRW nach Bayern ging. Dieser Priester soll später in zwei oberbayerischen Gemeinden wieder mehrere Kinder missbraucht haben. Die falsche Angabe, er sei bei der fraglichen Sitzung nicht dabei gewesen, beruhe auf einem Missverständnis, heißt es.

"Bei der Riesenarbeit jener Tage - der Erarbeitung der Stellungnahme - ist ein Versehen erfolgt, was die Frage meiner Teilnahme an der Ordinariatssitzung vom 15. Januar 1980 betrifft". Papst Benedikt

Der Fehler sei "nicht beabsichtigt" gewesen - und "so hoffe ich, auch entschuldbar", schreibt Benedikt. "Dass das Versehen ausgenutzt wurde, um an meiner Wahrhaftigkeit zu zweifeln, ja, mich als Lügner darzustellen, hat mich tief getroffen." Die Stellungnahme wurde auch von Privatsekretär Georg Gänswein in einem Youtube-Video vorgelesen.

Die Teilnahme an der Sitzung belege nicht, dass er von früheren Missbrauchstaten des Priesters aus Essen gewusst habe, betonen Ratzingers Anwälte. Die Akten zeigten, "dass in der fraglichen Sitzung nicht thematisiert wurde, dass der Priester sexuellen Missbrauch begangen hat", schreiben sie.

Kirchenrechtler unzufrieden mit Stellungnahme

In einer ersten Reaktion kritisierte der Münsteraner Kirchenrechtler Thomas Schüller die Erklärung als unzureichend. "Er entschuldigt sich, spricht seine Scham aus - das ist gut und wichtig." Allerdings übernehme Benedikt erneut keine persönliche Verantwortung und ziehe keine persönlichen Konsequenzen. Benedikt spreche zwar von Fehlern und Vergehen, aber er rechne sie sich nicht selbst an. "So als hätten anonym bleibende Mächte und Gewalten im Erzbistum München-Freising diese Fehler gemacht, nicht aber er." Schüller weiter: "Das wird die Überlebenden sexualisierter Gewalt erneut traumatisieren, denn ihnen widerfährt keine Gerechtigkeit."

Ganz anders sieht das der Theologe und Psychiater Manfred Lütz. Er nennt die - aus seiner Sicht etwas spät abgegebene - Erklärung einen "Befreiungsschlag": "Papst Benedikt übernimmt ohne Wenn und Aber die sozusagen politische Verantwortung für das, was in seiner Zeit als Erzbischof von München und Freising dort an Schrecklichem geschehen ist."

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WDR 5 Morgenecho - Interview 01.02.2022 06:20 Min. Verfügbar bis 01.02.2023 WDR 5


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