Jugendämter sehen immer öfter Kindeswohl gefährdet

Eine junge Mutter in einem leeren Kinderzimmer

Jugendämter sehen immer öfter Kindeswohl gefährdet

Von Henry Bischoff

  • Die Zahl der Verfahren steigt stetig an
  • Jugendämter müssen bei der Inobhutnahme strenge Regeln beachten
  • Beim Streit mit dem Jugendamt sollten Eltern einige Dinge beachten

Jugendämter werden immer wieder kritisiert, wenn sie Kinder zu spät oder gar nicht aus Familien herausgenommen haben und ihre Untätigkeit schlimme Folgen hat. Aber auch das Gegenteil ist oft der Fall: Kinder werden in Obhut genommen, obwohl es keinen ausreichenden Grund dafür gibt. Das kann Familien zerreißen und ebenfalls zu einer schweren Belastung für Kinder werden.

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Wie können sich Eltern wehren, wenn sie die Entscheidung für falsch halten?

"Natürlich ist es sinnvoll, sich in einer solchen Auseinandersetzung von einem Anwalt oder einer Anwältin beraten zu lassen", rät der Kölner Rechtsanwalt Oliver Abel, "besonders wenn es bereits ein gerichtliches Verfahren gibt." Das bedeute aber auch ein finanzielles Risiko. Bei einer Niederlage drohten hohe Kosten.

Wenn Gutachten bestellt werden, könne das in die Tausende gehen. Eine Rechtschutzversicherung tritt laut Abel hier in der Regel nicht ein.

Grundsätzlich rät der Rechtsanwalt am Samstag (25.01.2020) im WDR zum Umgang mit dem Jugendamt: "Zeigen Sie Bereitschaft zu Zusammenarbeit. Auch wenn das in einer solchen Ausnahmesituation sicher schwerfällt." Wer als unkooperativ gelte, habe schlechtere Chancen, seine Erziehungsfähigkeit zu beweisen.

Wenn mit bestimmten Mitarbeiterinnen oder Mitarbeitern keine Verständigung mehr möglich sei, könne es helfen, Vorgesetzte hinzuzuziehen. Hilfreich sei es auch, zu Gesprächen mit dem Jugendamt eine Vertrauensperson mitzunehmen.

In Zukunft soll sich die Situation für Eltern verbessern. Eine Gesetzesänderung ist vom Familienministerium geplant. Dann sollen Ombudsstellen in Streitfällen für Ausgleich sorgen.

Wie sind die Zahlen – reagieren Jugendämter schneller als früher?

Zwei Hände und mehrere Papiere unf Formulare auf dem Tisch

Jugendämter erkennen immer öfter Kindeswohlgefährdung

Noch nie gab es so viele Gefährdungs-Einschätzungen und Kindeswohl-Gefährdungen wie im Jahr 2018. Nach Angaben der Dortmunder Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik listeten die Jugendämter bundesweit 157.271 Fälle auf. Das ist eine Zunahme um 9,8 Prozent in nur einem Jahr. Aber: Die Zahl der Inobhutnahmen ist mit 52.600 gesunken.

Das sei so zu erklären: 2018 wurden deutlich weniger unbegleitete Flüchtlinge von Jugendämtern in Obhut genommen. Aber die Zahlen für Inobhutnahme aus anderen Gründen sind gestiegen. So wurden nach Angaben des Statistischen Bundesamtes wegen des Verdachts auf körperliche oder psychische Misshandlung ein Viertel mehr Kinder als im Vorjahr aus ihren Familien genommen.

Welche Regeln müssen die Jugendämter einhalten?

Grundsätzlich gilt: Die Inobhutnahme darf nur das letzte Mittel sein. Nur im Fall einer akuten Gefährdung darf ein Jugendamt ein Kind ohne richterlichen Beschluss aus einer Familie holen. Diese Maßnahme muss dann in einem Eilverfahren von einem Familienrichter bestätigt werden.

Anwalt Oliver Abel

Anwälte empfehlen, dass Eltern sich kooperationsbereit verhalten.

Eine Kindeswohl-Gefährdung kann aus sehr unterschiedlichen Gründen vorliegen – zum Beispiel wegen psychischer oder körperlicher Gewalt, Überforderung der Eltern oder Vernachlässigung. Ein Problem ist laut Rechtsanwalt Oliver Abel: In den Eilverfahren wird die Situation der Familie meist nur oberflächlich, zum Teil nach Aktenlage geprüft. Erst in der nächsten Instanz - vor dem Oberlandesgericht - ist eine tiefer gehende Prüfung möglich.

Stand: 01.02.2020, 06:49

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