Sportpsychologe: Eberls Rückzug ist eine "große Stärke"

Stand: 28.01.2022, 20:57 Uhr

Max Eberl hört aus gesundheitlichen Gründen als Sportdirektor von Borussia Mönchengladbach auf. Der Sportpsychologe Stephan Brauner spricht im Interview über Stress im Fußball - und was dagegen hilft.

Der langjährige Sportdirektor des Fußball-Bundesligisten Borussia Mönchengladbach, Max Eberl, verlässt den Verein aus gesundheitlichen Gründen. Er gab seine Entscheidung am Freitag unter Tränen auf einer Pressekonferenz bekannt. Der Gesundheits- und Sportpsychologe Stephan Brauner arbeitet viel mit Menschen aus dem Profisport, die unter Stress und Belastung leiden. Im Interview erzählt er von seinen Erfahrungen und davon, was gegen den Druck helfen kann.

WDR: Max Eberl sagt wörtlich: "Weil ich einfach erschöpft bin, weil ich einfach müde bin, weil ich keine Kraft mehr habe, diesen Job auszuüben." Das klingt nach Burnout oder Depression - wie würden Sie das deuten?

Stephan Brauner, Diplom-Psychologe, Gesundheits- und Sportpsychologe

Sportpsychologe Stephan Brauner

Stephan Brauner: Bei so einer individuellen Geschichte bin ich vorsichtig. Es könnte sich um chronischen Stress beziehungsweise eine chronische Belastung handeln, der Übergang zum Burnout ist da fließend. Nach einer Depression sieht es für mich nicht aus. Grundsätzlich sehe ich so einen Rückzug nicht als Schwäche, sondern ganz im Gegenteil als große Stärke. Und ich habe da großen Respekt vor. Es geht da um Self-Care, das ist eine gute Entscheidung und Eberl ein Vorbild.

WDR: Welche Erfahrungen haben Sie als Sportpsychologe im Fußball mit Stress und Druck gemacht?

Brauner: Ich habe zum Beispiel mit Trainern gearbeitet, die keine Ruhe haben und nicht abschalten können. Selbst wenn man Trainer beim Dorfclub ist - alle wollen immer was, sogar am Sonntag beim Bäcker. Die Privatheit fehlt, man hat nie Feierabend. Das kann man zumindest ansatzweise mit Eberls Job als Sportdirektor vergleichen.

Bei ihm kommt noch dazu, dass er als Sportdirektor noch weniger Kontrolle über Ergebnisse hat als ein Trainer. Er stellt die Mannschaft zusammen, hat aber auf Spiele und Ergebnisse keinen direkten Einfluss. Wenn sich zum Beispiel ein bis zwei Leute verletzen, steht das ganze Konstrukt infrage. Das alles kann viel Stress auslösen, denn die Verantwortung für die Ergebnisse bleibt ja. Und der Fußball ist extrem ergebnis- und erfolgsorientiert.

WDR: Welche Gründe gibt es noch dafür, dass der Druck im Fußball so groß sein kann?

Brauner: Da geht es vor allem um die mediale Präsenz. Alle Augen sind auf die Sportler gerichtet; selbst wenn man sich nicht viel mit Fußball beschäftigt, kennt man oft viele Spieler. Und die wissen, ständig könnte ein Mikro oder eine Kamera in der Nähe sein. Das ist oft belastend.

WDR: Wie arbeiten Sie mit betroffenen Sportlerinnen und Sportlern, was empfehlen Sie ihnen?

Brauner: Ich arbeite, wenn es um Stress, Druck und Belastung geht, mit einem Drei-Säulen-Programm. In der instrumentellen Säule schauen wir darauf, was Stress auslöst, wie etwa Termine, Konflikte oder die mediale Dauerpräsenz. In der regenerativen Säule geht es darum, wie man den Akku wieder auflädt, etwa durch Bewegung, Entspannung oder Freundschaften. Und in der mentalen Säule besprechen wir Stressverstärker. Da geht es um innere Stimmen und Glaubenssätze, zum Beispiel ein überzogenes Kontrollbedürfnis oder den Zwang, alles perfekt machen zu wollen. Von solchen Anteilen darf man sich aber nicht bestimmen lassen.

WDR: Eberl hat auch gesagt: "Ich beende was, was mein Leben war." Was bedeutet das für Menschen wie ihn, wenn sie sich komplett vom Sport abwenden müssen?

Brauner: Das ist ein großer Bruch, der unterschiedliche Folgen haben kann: Vielleicht hat Eberl jetzt endlich wieder Zeit für Dinge, die er vorher gerne gemacht hat. Man kann durch so eine Veränderung aber auch in ein großes Loch fallen. Ich wünsche ihm auf jeden Fall, dass er nicht allein durch die nächste Zeit geht. Oder: gehen muss. Es gibt ein Problem, wenn jemand sein Hobby zum Beruf gemacht hat. Dann hat man nämlich möglicherweise kein Hobby mehr, wenn man sich nicht ganz bewusst darum kümmert, einen anderen Ausgleich zu finden.

WDR: Wie kann man sich selbst helfen, wenn man im Sport - oder anderen Bereichen - nicht mehr kann? Und wie kann man anderen helfen?

Brauner: Das ist natürlich individuell und ein Patentrezept kann ich nicht ausstellen. Eine Idee möchte ich aber gerne anbieten: Mein Ratschlag für Betroffene ist, sich zu fragen, was sie einem guten Freund oder einer guten Freundin raten würden, die genau in der Situation sind wie sie selbst gerade. Das sorgt für eine positive Distanzierung, mit der man eher Zugang zu den eigenen Ressourcen bekommt. Und es ist gut, jemanden zum gemeinsamen Reflektieren zu haben. Das kann ein Freund oder ein Coach sein. Ist jemand im Umfeld betroffen, hilft es unter anderem zu betonen, dass es eine Stärke ist, sich bei Stress und Belastung Hilfe zu holen - so wie es in diesem Fall eine starke Entscheidung von Eberl ist. Symptome von Stress und Burnout sind immer als eine wertvolle Rückmeldung des eigenen Organismus zu werten. Sie sind keine Schwäche, sondern eine Kompetenz.

Das Interview führte Anna Palm.

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