Kriegsfotograf: "Der Krieg ist nicht vorhersagbar"

Stand: 26.03.2022, 15:06 Uhr

Der Kriegsfotograf Andriy Dubchak ist momentan in der Ukraine. Im WDR-Interview erzählt er, was Fotografieren im Krieg bedeutet.

Der 46-jährige Andriy Dubchak sitzt in seinem Hotelzimmer. Ein Zimmer in der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Es herrscht strahlendes Wetter, der Ausblick aus seinem Fenster sieht friedlich aus. Doch Frieden dürfte mittlerweile, ein Monat nach der russischen Invasion, eine nahezu fremdartige Vorstellung in der Ukraine sein.

Kriegsfotograf Dubchak hat bereits mehrere Städte besucht, seit die Ukraine angegriffen wurde. Im WDR-Interview erzählt er, was Fotografieren in solch einer Situation bedeutet.

WDR aktuell: Herr Dubchak, Sie waren nicht immer Kriegsfotograf. Haben Sie versucht, sich auf die Situation vorzubereiten?

Kriegsfotograf Andriy Dubchack

Andriy Dubchak

Andriy Dubchak: Ich habe verschiedene Trainings für Journalisten absolviert. Dann bin ich in den Krieg gegangen. Aber natürlich war ich nicht vorbereitet. Wenn du eine Kugel direkt neben deinem Kopf hörst - das ist einfach eine völlig andere Erfahrung. Der Krieg ist nicht vorhersagbar. Man sagt: "Ich komme nicht in so eine Situation." Das ist der erste Fehler. Der zweite Fehler ist, zu sagen: "Wenn ich in so eine Situation komme, werde ich vorbereitet sein." Aber du bist die ganze Zeit unvorbereitet.

WDR aktuell: Wir würden gerne über die Situation am 6. März in der Stadt Irpin, bei Kiew, sprechen. Es gab dort einen russischen Granaten-Angriff. Sie und ihre Kollegin, die Pulitzer-Preisträgerin Linsey Addario, waren vor Ort. Können Sie uns die Situation schildern?

Dubchak: Ja, es gab dort einen schweren Angriff. Es gab Explosionen. Aber die waren zunächst noch ein Stück von uns entfernt. Es war nicht unser Plan an diesem Tag, dorthin zu gehen, wo geschossen wird. Wir wollten nicht IN den Beschuss reingehen. Als wir in dem Ort angekommen sind, war es noch komplett ruhig.

Ich habe viele Frauen, Kindern, Ältere gesehen, die versuchten, zu fliehen. Ich sah eine ältere Frau. Sie hatte Atemprobleme, bekam kaum Luft. Ein Arzt ging auf sie zu und fragte sie etwas, aber sie konnte nicht antworten. Weil sie nach Luft rang. Es war schrecklich. Dann rückten die Explosionen in unsere Nähe. Wir warfen uns auf den Boden. Ich wurde von einem Stück Asphalt am Bein getroffen. Es gab viel Rauch. Die Menschen schrien nach einem Arzt, nach Medikamenten. Ich fing an, zu filmen und Fotos zu machen. Dann beschlossen wir, von dem Ort zu fliehen. Mit einer Menge anderer Menschen, mit Zivilisten.

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WDR aktuell: Bei dem Angriff starben eine Mutter und ihre zwei Kinder auf der Flucht. Sie und ihre Kollegin haben sie fotografiert. Das Foto wird auf der Titelseite der New York Times veröffentlicht - unverpixelt. Darf man das aus ethischen Gesichtspunkten überhaupt?

Dubchak: Meine persönliche Meinung ist: Man muss das zeigen. Damit den Menschen geholfen wird. Also habe ich entschieden, die Aufnahmen zu zeigen. Und meine Kollegin Lynsey hat entschieden, ihre Fotos zu veröffentlichen, unverpixelt. Es ist wichtig, der Welt zu zeigen, was hier passiert. Ihr die Kriegssituation zu zeigen. Die Aufmerksamkeit der Welt auf diesen Konflikt zu lenken, auf die Situation in Irpin. Ich weiß nicht, ob das unser Job ist oder nicht. Aber es ist Realität.

Ich weiß nicht, ob das unser Job ist oder nicht. Aber es ist Realität. Kriegsfotograf Andriy Dubchak

WDR aktuell: Wie geht es Ihnen nach dem Angriff in Irpin?

Dubchak: Auch für mich ist es traumatisch. Ehrlich gesagt versuche ich in solchen Situation meinen Fokus auf die Kamera zu lenken, auf die Arbeit. Wenn du anfängst darüber nachzudenken, was gerade passiert, wenn du beginnst deine eigene Angst zu beobachten, dann kommst du damit viel schlechter klar. Wenn du arbeitest, arbeitest du. Aber wenn du anfängst, dich auf deine eigene Angst zu fokussieren, ist es viel schlimmer.

Die Fragen stellte Susanna Zdrzalek.

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