Warum Russland im Ukraine-Krieg jetzt auf Drohnen setzt

Stand: 18.10.2022, 19:55 Uhr

Mit massiven Drohnen-Angriffen hat Russland eine neue Eskalationsstufe im Ukraine-Krieg eingeleitet. Was steckt dahinter?

Mit Drohnen-Angriffen auf die kritische Infrastruktur und Wohngebiete will Russland im Angriffskrieg gegen die Ukraine offenbar den Widerstandsgeist der Zivilbevölkerung brechen und diese zermürben. Was steckt hinter den Attacken mit den sogenannten Kamikaze-Drohnen?

Antworten darauf hat im WDR unter anderem die ausgewiesene Drohnen-Expertin Ulrike Franke. Die Politikwissenschafterin beschäftigt sich mit militärischen Aspekten künstlicher Intelligenz. Sie arbeitet beim "European Council On Foreign Relations" (ECFR), einer Denkfabrik für europäische Außenpolitik.

Welche Drohnen setzt Russland ein?

Drohnen-Expertin Ulrike Franke

Drohnen-Expertin Ulrike Franke

Laut Franke kommen wohl zwei iranische Drohnentypen zum Einsatz. "Besonders relevant ist derzeit die Shahed-136, die Russen haben sie Geran-2 getauft. Dieses System ist nach offizieller Definition eigentlich gar keine Drohne, sondern eine sogenannte Loitering Munition, also lauernde Munition. Das sind Systeme, die in die Luft geschossen werden, da eine Zeit lang kreisen können und sich dann auf ihr Ziel stürzen und mit ihm explodieren. Es sind letztendlich also einmal verwertbare Drohnen."

Auch im Einsatz sollen Mohajer-6-Drohnen sein. Das sind Aufklärungsdrohnen mit Kameras, die auch mit Waffen bestückt werden können.

Wie viel Sprengstoff kann die Shahed-136-Drohne tragen?

Die Shahed-136-Drohne ist laut Franke ein relativ großes System für ihre Art mit einer Länge von über drei Metern und einer Spannweite von über zwei Metern. Das System wiegt knapp 200 Kilogramm und kann bis zu 40 Kilogramm Sprengstoff tragen. Es ist ein relativ neues System, das der Iran erst im vergangenen Jahr auf den Markt gebracht hat.

Sind Drohnen kostengünstiger als Raketen?

Ja, und zwar deutlich. Den Aussagen von Franke zufolge kostet eine Drohne "einige zehntausend Euro", andere sprechen von etwa 20.000 Euro pro Stück. Marschflugkörper wie zum Beispiel Cruise-Missiles kosteten je nach Ausführung bis zu einer Million Euro.

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Bringen die Drohneneinsätze Landgewinne für Russland?

Die in den USA ansässige Denkfabrik "Institute for the Study of War" schreibt, dass die Drohnen keinen nennenswerten militärischen Effekt für Russland haben werden, auch nicht hinsichtlich möglicher Landgewinne. Sie würden aber einen enormen psychischen Terror gegen die Bevölkerung ausüben.

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Warum nennen die Russen die Shahed-136-Drohne Geran-2?

Dabei handelt es sich wohl um ein Täuschungsmanöver. Angeblich produziert Russland diese Drohnen selbst und hat sie mit dem kyrillischen Schriftzug Geran-2 versehen, wobei Geran zynischerweise Geranie bedeutet. Der Iran bestreitet, Russland Drohnen zu liefern. "Die Islamische Republik Iran hat keine Waffen an irgendeine Seite des Krieges exportiert", behauptet Nasser Kanaani, Sprecher des iranischen Außenministeriums.

Deutsche und internationale Fachleute bezweifeln die Darstellung des Iran, dem es wohl in erster Linie darum geht, nicht noch intensiver mit westlichen Sanktionen belegt zu werden.

Tatsächlich sind die von Russland eingesetzten Drohnen annähernd baugleich mit den iranischen. Ein ukrainischer Militärexperte sagte der ARD: "Das ist ein und dieselbe Drohne, aber der Zusammenbau könnte tadschikisch oder syrisch sein. Wir haben sie bis auf die letzte Schraube auseinandergenommen und wissen, dass sie aus zwei Bauteilen bestehen: aus chinesischen Bestandteilen und welchen, die der Iran produziert."

Franke hält den Iran für einen "relativ logischen Kooperationspartner", weil Russland und das Mullah-Regime schon länger im militärtechnologischen Bereich zusammenarbeiten - seit dem Syrien-Krieg. Zudem gebe es nur noch wenige Länder auf der Welt, die überhaupt an Russland liefern wollen.

Warum baut Russland nicht eigene Drohnen?

Offenbar ist die russische Produktion zum Erliegen gekommen oder zumindest nahezu. Das hängt mit den westlichen Sanktionen zusammen, die es Russland fast unmöglich machen, zum Beispiel an notwendige Chips zu kommen. Der Iran hingegen verfügt über jahrzehntelange Erfahrung mit wirtschaftlichen Sanktionen und produziert auch Rüstungsgüter mit frei verfügbarer Technologie.

Franke glaubt dementsprechend, dass Russland "nicht genug eigene Drohnen hatte oder diese sich nicht als besonders fähig herausgestellt haben".

Was bezweckt Russland mit den Drohnen-Einsätzen fernab der Front?

"Das hat einen psychologischen Einfluss, weil Terror weit weg von den Frontlinien verbreitet werden kann. Und natürlich kann man mit diesem System auch gegnerische Truppen oder kritische Infrastruktur angreifen", sagt Franke. Russland nahm mit den Drohnen zuletzt Kraftwerke und Wohngebiete auch in der ukrainischen Hauptstadt Kiew unter Beschuss.

Über dieses Thema berichteten wir am 18.10.2022 auch im WDR Fernsehen in der Aktuellen Stunde.

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