WDR-Recherche: Lehrer stemmen Schuldigitalisierung in ihrer Freizeit

Homeschooling in NRW - alles andere als digital. WDR extra 06.10.2020 20:17 Min. Verfügbar bis 06.10.2021 WDR

WDR-Recherche: Lehrer stemmen Schuldigitalisierung in ihrer Freizeit

Von Giulia Maria Mühlhaus und Kathrin Kühn

Millionen Euro fließen gerade in die Digitalisierung der Schulen in NRW. Doch wenn die vielen neuen Geräte dann da sind, kommt das nächste Problem: Wer kümmert sich? Eine exklusive WDR-Umfrage zeigt: An vielen Schulen warten Lehrer die Technik in ihrer Freizeit.

Ein Lehrer wartet die Schulrechner

Ein Lehrer wartet die Schulrechner

Der WDR hat nach den Sommerferien die Schulen in NRW befragt - fast 1.100 allgemeinbildende Schulen haben mitgemacht. Und 55 Prozent der Schulleiter gaben an, dass der technische Support nicht ausreicht und bei ihnen Lehrer in ihrer Freizeit die Geräte warten. So schildert ein Grundschullehrer: „Es nützt nichts, wenn zwar die Technik vorhanden ist, wir aber das digitale Klassenbuch nicht nutzen können, weil ständig WLAN nicht verfügbar ist.“ Vorne liegen die Gymnasien – knapp 74 Prozent der Schulleiter gab hier an, dass die Wartung auch in der Freizeit läuft.

NRW setzt auf Lehrer als Techniksupport

Daniel Weber, Sprecher für den jungen VBE NRW.

Daniel Weber, VBE NRW

Dass Lehrer diese Aufgaben übernehmen, ist in NRW gewünscht. Wenn das Tablet hängt, die Birne des Beamers durchbrennt oder das Internet ausfällt, dann wird der Medienbeauftragte der Schule gerufen. „Die Schule ist quasi auf Personen im Kollegium angewiesen die sich hobbymäßig mit PCs auskennen, sonst wird die Schule abgehangen“ sagt Daniel Weber, Lehrer und Medienbeauftragte an einer Grundschule in Solingen und stellvertretender Vorstand des Verband Bildung und Erziehung in NRW (VBE). Denn ausreichende Fortbildung gebe es in den meisten Fällen nicht.

Gesucht: Hobbytechniker im Kollegium

Schulleiter Ralf Sistermann

Schulleiter Ralf Sistermann

An der Johann Amos-Comenius-Hauptschule in Köln opfert Schulleiter Ralf Sistermann seine Freizeit: „Wir haben im Kollegium keinen, der so technisch affin ist. Daher bleibt das Chefsache. Der Schulleiter kümmert sich nicht nur um das Austauschen und Reparieren defekter Geräten, sondern auch um das Verwalten von Nutzungskonten der Schüler.

Einfache technische Aufgaben gehören zum sogenannten First-Level-Support. Aufgaben wie die regelmäßige Wartung oder der grundlegende Virenschutz organisiert in NRW hingegen die Kommune, die als Schulträger für den Second-Level-Support zuständig ist und dafür auch externe Dienstleister beauftragen kann.

Eine Stunde pro Woche für die Technik

Damit die Lehrer auch Zeit für die Technikaufgaben haben, können von der Schule Entlastungsstunden für besondere Leistungen vergeben werden - in der Regel eine pro Woche. „Die sind allerdings heiß begehrt und man bekommt sie nicht immer", sagt Klaus Köther vom Verband Bildung und Erziehung NRW. Und ein realistischer Ausgleich für die Mehrarbeit sei das nicht. Das sieht auch Lehrer und Medienberater Daniel Weber so: Diese eine Stunde, die reicht vorne und hinten nicht.

Schulen wünschen sich schnellen Support

Auf dem Schulgipfel im Kanzleramt wurde erneut Geld für die Einstellung von IT-Administratoren versprochen. Auch die Landesregierung verfolge das Ziel, den IT-Support an Schulen zu professionalisieren, heißt es aus dem Schulministerium NRW. Die Grundlage für den technischen Support an den NRW-Schulen ist aus dem Jahr 2008. Wird sie den Bedürfnissen der Schulen noch gerecht, angesichts des massiven technischen Ausbaus aktuell?

Grundschullehrer und VBE-Vertreter Daniel Weber sagt - nein: "Das Thema Digitalisierung ist so komplex geworden. Das ist nicht mehr nur der Overheadprojector. Das ist so nicht mehr zu tragen. Das können die Lehrer nicht auch alles machen. Das muss man einfach trennen. Es muss jemand geben, der das professionell macht."

Mangel an IT-Experten für Schulen Problem

Daniel Weber glaubt auch nicht, dass die beim Schulgipfel zugesagten Hilfen für neue Schul-Administratoren schnell ankommen, so wie auch Hauptschulleiter Ralf Sistermann: "Gehört habe ich davon. Aber ich habe von so vielen Sachen gehört. Man muss auch ganz ehrlich sagen - wo sollen sie auch her kommen. Die freie Wirtschaft sucht schon genau diese Leute, die zahlen aber ganz anders als der öffentliche Dienst."

Neue Tablets ungenutzt im Schulkeller

So lange der Support an den NRW-Schulen also so läuft wie zurzeit, könnte womöglich häufiger so etwas passieren, wie es der Duisburger Professor für Mediendidaktik Michael Kerres erlebt hat: „Ich sprach mit einem Lehrer, der sagte, er wäre zuständig gewesen für die komplizierten Antragsformulare für den Digitalpakt. Zum Glück seien die die Tablets jetzt gekommen, er hätte sie erst einmal in den Keller gestellt.

Schlechte Noten für Digitalisierung an Schulen

WDR 2 Das Thema 06.10.2020 02:47 Min. Verfügbar bis 06.10.2021 WDR 2


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Stand: 06.10.2020, 06:00

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