Digitalisierung gibt der Jugend eine Stimme

Digitalisierung gibt der Jugend eine Stimme

Virtuelle Treffen, Online-Events und Chatgruppen. Durch die Digitalisierung können Kinder und Jugendliche ihre Meinungsfreiheit besser ausüben als zuvor. Viele bewegen sich allerdings in sozialen Netzwerken, welche die Demokratie gefährden können.

Die 22 Millionen Kinder und Jugendliche unter 27 Jahren haben große Chancen durch die Digitalisierung - doch sie birgt auch Gefahren. Welche, darüber spricht heute der Deutsche Kinder- und Jugendhilfetag.

Jeanette Hofmann ist Professorin für Internetpolitik an der Freien Universität Berlin. Die Politikwissenschaftlerin am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung ergründet seit Jahren, wie die Digitalisierung die Gesellschaft verändert. Sie sagt, dass junge Leute zwischen online und offline zumeist gar nicht mehr unterscheiden.

WDR: Was sind die konkreten Vorteile für Kinder und Jugendliche?

Hofmann: Der Vorteil ist, dass sie die Meinungsfreiheit, viel besser ausüben können, als es vorher der Fall war. Erstens können sie sich aus viel mehr Quellen informieren und gleichzeitig haben sie heute selbst eine Stimme. Die Kinder und Jugendlichen können aktiv kommunizieren, kommentieren und auf die Politik Einfluss nehmen - nicht nur durch den Wahlakt oder die Beteiligung zum Beispiel in einer politischen Partei.

Sie können sich über alles, was sie interessiert, sehr leicht informieren. Man muss bedenken, dass sich Leute vor 30 Jahren ein Lexikon angeschafft und alles nachgeschlagen haben und was da nicht drin stand, hat sich dem unmittelbaren Zugriff weitgehend entzogen. Es sei denn, man ging in eine Bibliothek. Heute schlagen sie alles durch Suchmaschinen nach und können sich den lieben langen Tag informieren - das ist schlicht großartig.

WDR: Was macht das mit der Kommunikation?

Hofmann: Was wir sehen können ist, dass öffentliche und private Kommunikation immer stärker ineinander übergehen und die strikte Trennung zwischen Privatsphäre und öffentlichem Raum gerade bei jungen Leuten heute nicht mehr in dem Maße vorhanden ist. Das ist eher eine Sorge der Älteren, die noch mit anderen Vorstellungen und von Privatsphäre aufgewachsen sind. Und wir können heute viel grenzüberschreitender kommunizieren und uns auch gesellschaftlich grenzüberschreitender organisieren. Wir sind nicht mehr so der in lokalen Umgebung verhaftet wie es mal war.

WDR: Im Internet kursieren auch Falschnachrichten. Kinder und Jugendliche können schnell in Gruppen landen, die extreme Inhalte ausspielen. Was denken Sie darüber?

Hofmann: Zweierlei. Man hört oft, in der öffentlichen Diskussion, dass das durch die sozialen Netzwerke oder Plattformen verursacht ist. Die Forschung zeigt allerdings, dass Menschen nicht zu Rechtsradikalen werden, es sei denn, sie haben starke Neigungen. Was man sagen kann ist, dass Leute, die so eine Neigung haben, im Internet leichter Zugang zu solchen finden, die auch solche Neigungen haben. Aber das Internet selbst bringt keine Extremisten hervor.

WDR: Stimmt es denn nicht, dass man durch die Algorithmen immer einen Tick radikalere Inhalte in den Feed gespült bekommt?

Hofmann: Youtube etwa und auch Facebook haben darauf reagiert, ihre Algorithmen verändert und sie haben inzwischen auch stärkere Filter, um illegale Inhalte frühzeitig vom Netz zu nehmen. Man muss allerdings sagen, dass das natürlich nicht zur Eliminierung führt, sondern dass Menschen, die rechtsextreme oder linksextreme Inhalte verbreiten wollen, dann einfach in andere Netzwerke - wie derzeit etwa Telegram - abwandern und die dort verbreiten.

WDR: Sehen Sie in solchen Netzwerken wie Telegram eine Gefahr für die Demokratie?

Hofmann: Es ist ein Unterschied, ob ich sage: die Erde ist eine Scheibe und ich tue es in der Öffentlichkeit und mir können andere Leute widersprechen. Oder ob ich es in geschlossenen Räumen tue, wo diese Art von Widerspruch weniger leicht möglich ist. In geschlossenen Öffentlichkeiten wie bei Messengern ist es gar nicht möglich, so etwas wie pluralistische Öffentlichkeit zu schaffen. Das ist auf Dauer gesehen sicher ein Problem für die Demokratie.

WDR: Wie würde Ihre Traum-Utopie einer digital einwandfrei funktionierenden, bereichernden Gesellschaft aussehen und was müsste dafür noch getan werden?

Hofmann: Generell würde ich sagen, bewegen wir uns in einer ausgedehnten Übergangsphase. Wir sehen, dass die Gesellschaft mit dieser neuen Möglichkeit, sich jederzeit ausdrücken zu können, jederzeit öffentlich sprechen zu können, noch nicht so richtig zurechtkommt. Wir brauchen neue gesellschaftliche Normen. Langfristig gesehen wünsche ich mir schon einen öffentlichen Diskurs, der die Verschiedenheit der politischen Meinung in dieser Gesellschaft in einer Weise zum Ausdruck bringt. Die Lebendigkeit einer Demokratie lebt vom öffentlichen Diskurs.

WDR: Was denken Sie, wie wird sich das Leben nach der Pandemie ändern - wie digital werden wir bleiben?

Hofmann: Auf meiner Sicht ist es so, dass wir jetzt einen lange überfälligen Digitalisierungsschub durchleben, den werden wird jetzt vollziehen. Das wird dazu führen, glaube ich, dass wir in Zukunft mehr Handlungsoptionen haben. Das heißt nicht, dass wir darauf verzichten, uns zum Abendessen zu treffen. Inzwischen wissen wir aber, dass, wenn das nicht möglich ist, man sich auch digital zum Abendessen treffen kann. Insofern schaffen uns neue Möglichkeiten der Kommunikation und der Begegnung aber natürlich werden wir auch feiern, wenn wir uns wieder persönlich treffen.

Das Interview führte Damla Hekimoğlu.

Stand: 18.05.2021, 12:31

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