Ukraine-Krieg: Wie Anonymous und Telegram-Gruppen Russland online angreifen

Stand: 02.03.2022, 22:08 Uhr

Nach dem Hilfeaufruf von Ukraines Vize Fedorov organisieren über 270.000 Menschen via Telegram Maßnahmen gegen Russland. Nicht alle Cyber-Angriffe sind ungefährlich, erklärt WDR-Digitalexperte Jörg Schieb.

Eins muss man Mykhailo Fedorov lassen, der Vize-Premierminister der Ukraine und gleichzeitig Minister für Digitalisierung des Landes ist: Er ist mit seinen Aufrufen auf Twitter äußerst erfolgreich. Erst vor wenigen Tagen hat Fedorov mit Tweets die Öffentlichkeit um Hilfe gebeten – und bekommt sie massenhaft. Nicht nur von Multi-Milliardären wie Elon Musk oder Konzernen wie Google oder Apple, sondern auch von vielen Menschen.

Der ukrainische Vize-Premier Fedorov nutzt Twitter, um Hilfe zu organisieren und zum Boykott gegen Russland aufzurufen

In einem Tweet hat Fedorov zum Beispiel ganz offen jeden dazu aufgerufen, sich einer "IT-Armee" anzuschließen. Dem extra für diesen Zweck eingerichteten Kanal auf Telegram folgen bereits über 270.000 Menschen aus aller Welt. Hier werden allerlei Strategien diskutiert und mögliche Maßnahmen besprochen. Insbesondere sogenannte "Denial of Service"-Attacken (DDoS), die Online-Dienste lahmlegen können.

Dabei werden bestimmte Server mit einer nicht mehr zu bewältigenden Anzahl gleichzeitiger Anfragen heillos überfordert. Sie gehen durch den Ansturm in die Knie – und sind dann für die Öffentlichkeit nicht mehr erreichbar. Betroffen von solchen Angriffen waren und sind die Webseite des Kreml, aber auch die Onlineangebote der Sberbank, des Staatssenders Russia Today sowie das Gasunternehmen Gazprom. Auch die deutsche Webseite des Konzerns ist aktuell nicht erreichbar.

Aufruf des Hacker-Verbunds "Anonymous"

Die hohe Bereitschaft, an solchen Angriffen mitzuwirken, lässt sich auch mit dem offiziellen Aufruf des Hacker-Kollektivs "Anonymous" erklären. Der hat vor wenigen Tagen Russland in einer Videobotschaft quasi offiziell den Krieg erklärt.

Dadurch - und durch den Aufruf durch den ukrainischen Digital-Minister Fedorov - fühlen sich Hacker in aller Welt berufen, Ziele in Russland anzugreifen, vor allem Ziele, die zur Regierung und dem Machtbereich Putins gehören. So ist es Anonymous nach eigenen Angaben gelungen, das russische Verteidigungsministerium und den belarussischen Waffenhersteller Tetraedr zu attackieren und lahmzulegen.

Der Hacker-Verbund „Anonymous“ hat Russland offiziell den Krieg erklärt und ruft zu gezielten Aktionen auf

Laut Anonymous geht es nicht darum, die russische Bevölkerung zu treffen. "Putin, der Hackertruppen und Troll-Armeen gegen westliche Demokratien einsetzt, bekommt einen Schluck seiner eigenen bitteren Medizin", heißt es in einer Stellungnahme. Neben gezielten Störungen ist ein weiteres Ziel, die IT-Experten und Hackergruppen mit der Abwehr zu beschäftigen, damit sie sich nicht um Angriffe in der Ukraine und des Westens kümmern können. Die Angriffe erfüllen also verschiedene Zwecke.

Angriffe auf russische Infrastruktur sind riskant

Angriffe auf kritische Infrastruktur, etwa Atomkraftwerke oder Verkehr, sind allerdings ein gefährliches Unterfangen, wie auch Vertreter von Anonymous selbst sagen. Daher muss unbedingt vermieden werden, dass relevante digitale Infrastruktur in Russland zerstört wird oder sogar Menschenleben fordert. Denn das wäre nicht nur unvertretbar, sondern würde Putin die nötige Rechtfertigung liefern, ungehemmt zurückzuschlagen – wozu die gut trainierten und finanziell bestens ausgestatteten Hackertruppen aus Russland zweifellos in der Lage sind.

Deshalb engagierten sich Anonymous-Aktivisten auch proaktiv dafür, dass Menschen in der Ukraine trotz akuter Störungen des Internets beständig online bleiben können. Um das zu gewährleisten, werden VPN-Dienste bereitgestellt, die unter Umgehung der ukrainischen Infrastruktur direkt Zugriff aufs Internet bieten.

Erfolgreiche Petition in Russland selbst

Aber auch in Russland regt sich Widerstand gegen den Krieg. Eine russischsprachige Online-Petition des Aktivisten und Oppositionspolitikers Lew Ponomarjow gegen den Krieg in der Ukraine haben bislang mehr als 1,1 Millionen Menschen unterzeichnet. Unter anderem wird ein sofortiger Rückzug der russischen Streitkräfte vom "Territorium des souveränen Staates Ukraine" verlangt.

Keine Apple-Produkte mehr in Russland

Unterstützung gibt es auch von großen Konzernen wie Google oder Apple. Während Google in seinem Videodienst Youtube dem russischen Staatssender "Russia Today" (RT) die Werbeeinahmen gestrichen hat, vermeldete Apple einen vorübergehenden Verkaufsstopp für alle Produkte in Russland. Vorerst sind keine iPhones, iPads oder Macs mehr in Russland erhältlich. Schon vergangene Woche hat der Konzern seine Lieferungen an russische Verkaufskanäle gestoppt. Eigene Apple-Stores hat das Unternehmen in Russland nicht – und der Apple-Store erlaubt in Russland keine Einkäufe mehr.

Damit verzichtet der Konzern aus Solidarität zur Ukraine auf erhebliche Umsätze. Das ist mehr als nur eine symbolische Geste und vermutlich eine Reaktion auf den Hilferuf des ukrainischen Vizepräsidenten.

Über den Autor

Jörg Schieb, WDR-Digitalexperte.

Jörg Schieb, Jahrgang 1964, ist WDR-Digitalexperte und Autor von 130 Fachbüchern und Ratgebern. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Digitalisierung und deren Auswirkungen auf unseren Alltag.

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