Pflege-Notstand: "Wir haben keine Zeit für das Zwischenmenschliche"

Pflege-Notstand: "Wir haben keine Zeit für das Zwischenmenschliche"

Am Deutschen Pflegetag betont die Branche, dass sich der Notstand verschärft. Intensivkrankenpfleger Dominik Stark erzählt im Interview von erschöpfenden Schichten unter Zeitdruck.

Zum Auftakt des Deutschen Pflegetages hat der Deutsche Pflegerat davor gewarnt, dass sich die Situation in der Pflege in den nächsten Jahren weiter verschlechtern könnte. Vertretende der Branche und aus Politik und Wirtschaft beraten bei dem Kongress über die großen Herausforderungen in der Pflege. Wir haben mit dem Kölner Intensivkrankenpfleger Dominik Stark gesprochen – für ihn ist der Notstand Arbeitsalltag.

WDR: Als wie belastend empfinden Sie Ihre Arbeit zurzeit?

Dominik Stark

Dominik Stark ist Intensivkrankenpfleger an der Kölner Uniklinik.

Dominik Stark: Die Arbeit ist für mich gerade ziemlich belastend. Die letzten anderthalb bis zwei Jahre haben Spuren hinterlassen. Immer mehr Kolleg:innen melden sich krank, weil sie einfach nicht mehr können. Und wir müssen dann mit geringerer Besetzung weitermachen. Das ist wahnsinnig kräftezehrend, zuhause bin ich oft einfach nur platt.

"Wir können auf den Intensivstationen kaum mit Angehörigen sprechen und eine angemessene Sterbebegleitung ist häufig auch nicht möglich." Intensivkrankenpfleger Dominik Stark

WDR: Wie wirkt sich diese Dauerbelastung auf Ihre Arbeit aus?

Stark: Manchmal frage ich mich echt selbst, wie wir es immer wieder schaffen, die richtigen Prioritäten zu setzen, damit die Patient:innen überleben. Am meisten stört mich, dass wir keine Zeit für das Zwischenmenschliche haben. Wir können auf den Intensivstationen kaum mit Angehörigen sprechen und eine angemessene Sterbebegleitung ist häufig auch nicht möglich. Aber es gibt zum Beispiel auch Einbußen bei prophylaktischen Behandlungen oder Wundversorgungen. Ich kann dann etwa nicht sorgfältig überlegen, welches spezielle Wundversorgungsprodukt ich benutze.

WDR: Wie gehen Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen damit um?

Stark: Einige versuchen es mit Humor und Sarkasmus. Was mir auch hilft, ist der große Zusammenhalt im Team, dadurch können wir viel kompensieren. Und wir brauchen Freizeit, um Abstand zum Job zu bekommen – das ist aber zurzeit kaum möglich.

WDR: Zu Beginn der Corona-Pandemie stand die "Systemrelevanz" von Pflegekräften im Mittelpunkt vieler Debatten, jetzt wird in der Öffentlichkeit deutlich weniger darüber gesprochen. Wie schauen Sie auf diese Entwicklung?

"Die Situation in der Pflege betrifft die ganze Gesellschaft, jede:r kann pflegebedürftig werden." Intensivkrankenpfleger Dominik Stark

Stark: Das war ein vorübergehender Hype, es hat sich aber nichts dadurch geändert. Dabei betrifft die Situation in der Pflege die ganze Gesellschaft, jede:r kann pflegebedürftig werden. Deshalb hätte ich mehr gesellschaftlichen Druck erwartet. Ich finde es besonders schade, dass es diese Connection zwischen Pflege und Gesellschaft anscheinend nicht gibt.

WDR: Wie blicken Sie in Ihre berufliche Zukunft – haben Sie noch Hoffnung?

Stark: Ich möchte nicht aufgeben, denn wenn alle Pflegekräfte das tun, drehen wir uns im Kreis. Wir müssen in der Pflege auch aufhören mit dem Jammern, denn dann kriegen wir den Personalmangel nicht in den Griff, weil Leute sich den Job dann nicht aussuchen. Wir brauchen mehr Transparenz zum Job und müssen dafür begeistern. Ich denke, dass die nächsten fünf Jahre wegweisend sind. Wir können die Kurve noch kriegen.

WDR: Das heißt, die Pflege müsste Ihrer Ansicht nach selbst mehr machen?

Stark: Ja. Die Pflege könnte viel mehr politischen Druck ausüben. Das geht aber nicht, weil sie nicht organisiert ist – es fehlt das Gemeinschaftsgefühl. Pflegekräfte sollten sich meiner Meinung nach in der Pflegekammer, in Berufsverbänden oder Gewerkschaften einschreiben.

WDR: Was sollte die nächste Bundesregierung Ihrer Ansicht nach für die Pflege tun?

Stark: Sie sollte viel mehr öffentlich über das Problem in der Pflege sprechen. Wir brauchen unter anderem Gelder für Kampagnen, damit junge Leute Lust auf den Job haben. Und die Regierung muss mit langjährigen Pflegekräften - auch mit Aussteigenden - in den Diskurs gehen und fragen, was ihnen wichtig ist: Meistens ist die Bezahlung nicht das größte Problem, sondern es ist eben der Personalmangel. Ganz grundsätzlich sollte die Pflege ein Kernelement in der neuen Regierung sein.

Das Interview führte Anna Palm.

Stand: 13.10.2021, 20:32

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