Cybergrooming: Anzeigen muss einfacher werden

Reporterin Lisa Altmeier im Gespräch

Cybergrooming: Anzeigen muss einfacher werden

Von Lisa Altmeier

Es passiert auf Social-Media-Plattformen, in Online-Games und in Chat-Apps: Cybergrooming, also das Anbahnen von sexuellen Kontakten zu unter 14-Jährigen im Internet. Doch zu wenige betroffene Kinder wenden sich an die Polizei.

Als Johanna (Name von der Redaktion geändert) 13 Jahre alt ist, lädt sie sich eine Chat-App aufs Handy. Ihr geht es damals nicht gut, die Eltern lassen sich scheiden, in der Schule wird sie gemobbt. In der App lernt sie "Christine" kennen. "Sie machte auf mich den Eindruck, dass sie sehr empathisch ist und sehr viel Verständnis hat. Sie war wie eine große Schwester für mich."

Täter:innen verlangen Fotos und Videos

Doch dann fängt die Chat-Partnerin an, merkwürdige Dinge zu schreiben. Sie will plötzlich Nacktfotos von der Schülerin und ein Video, in dem sie stöhnt. Johanna kommt das damals nicht falsch vor, es ist für sie eher wie ein Spiel. Erst Jahre später, mit 18, begreift sie, was ihr da eigentlich passiert ist. Und zwar in dem Moment, in dem "Christine" ihr offenbart, dass sie gar nicht Christine heißt und in Wahrheit ein älterer Mann ist.

Strategien beim Cybergrooming

Beim Cybergrooming gibt es verschiedene Täter:innen-Strategien. Eine ist es, sich über lange Zeit das Vertrauen der Opfer zu erschleichen. Eine andere ist, möglichst viele Kinder mit Nachrichten zu bombardieren – in der Hoffnung, dass ein Teil davon auf Anfragen nach Fotos oder Treffen reagiert.

Großes Dunkelfeld

Cyberkriminologe Thomas-Gabriel Rüdiger

Cyberkriminologe Thomas-Gabriel Rüdiger sagt, es muss einfacher werden, Anzeige zu erstatten.

Johanna hat sich damals nicht bei der Polizei gemeldet, weil sie sich zu sehr schämte. Und auch ihrer Mutter erzählte sie zunächst nichts. Und das ist typisch, denn die Kinder sprechen häufig nicht darüber, was ihnen passiert ist – weder mit ihren Eltern noch mit der Polizei.

Entsprechend groß ist die Dunkeziffer der Opfer meint Cyberkriminologe Thomas-Gabriel Rüdiger von der Hochschule der Polizei Brandenburg: "Dunkelfeldstudien deuten darauf hin, dass wir von Millionen betroffener Kinder jährlich sprechen. Ich gehe davon aus, dass jedes Kind heutzutage im Laufe seines Lebens im Netz einmal mit so einem Täter, oder auch einer Täterin, konfrontiert wird." Betroffenen rät er, sich unbedingt an die Polizei zu wenden.

Die Polizei im Netz

Die Auftritte der Polizei auf Social Media Plattformen wie Instagram seien allerdings für Kinder oft nicht ansprechend gestaltet – Anzeigen oder Hinweise kann man dort auch nicht abgeben. Der Cyberkriminologe wünscht sich deshalb mehr Anlaufstellen für Kinder im Netz. "Wir müssten dafür sorgen, dass viel mehr Menschen bereit sind, Anzeigen durchziehen in diesen Zuammenhängen. Und dafür müssten zum Beispiel die Sicherheitsbehörden sagen: Ja, egal was ihr anzeigt, wir kümmern uns drum. Es ist nicht lächerlich, wenn ihr ein unerwünschtes Dickpic anzeigt." Das LKA NRW weist auf die Seite polizeifürdich.de hin. Dort finden Kinder Informationen zum Thema Cybergrooming.

Tipps für Eltern und Kinder

Julia von Weiler engagiert sich bei Innocence in Danger gegen Cybergrooming und gibt Eltern diesen Tipp: "Die allerwichtigste Botschaft an die Mädchen und Jungen ist: Mache nichts, womit du dich nicht wohlfühlst, und wenn du es gemacht hast und dich damit schlecht fühlst, dann suche dir Hilfe. Ich stehe als Elternteil an deiner Seite und unterstütze dich."

Hinweis: In diesem Film geht es um sexualisierte Gewalt an Kindern

Im neuen YouTube-Film von unseren Kollegen von reporter geht es um das Thema Cybergrooming. Reporterin Lisa Altmeier hat mit Betroffenen geredet und ist auch der Frage nachgegangen, wie man in solchen Fällen am besten reagieren soll. Hier geht es zur Reportage von reporter.

Stand: 15.09.2021, 17:28

Aktuelle TV-Sendungen