Cybergrooming: Mehr Rechte im Kampf gegen Kindesmissbrauch

Cybergrooming: Mehr Rechte im Kampf gegen Kindesmissbrauch

Von Jörn Seidel und Timo Meerkamp

  • Cybergrooming: Bundestag gibt Behörden mehr Rechte
  • Polizei will mit Kinderpornografie-Fakebildern ermitteln
  • Konkrete Umsetzung der Befugnisse noch unklar

Ermittler bekommen im Kampf gegen Kindesmissbrauch neue Möglichkeiten. Wie der Bundestag am Freitag (17.01.2010) beschloss, dürfen sie sich künftig mit künstlich am Computer erzeugten Missbrauchsvideos in Internetforen einschleichen.

Zugang zu solchen Tauschbörsen bekommt man oft nur, wenn man selbst Bilder oder Videos mit Missbrauchsszenen hochlädt. Bisher konnten die Ermittler in diese Kreise nicht eindringen, da sie dazu selbst eine Straftat hätten begehen müssen.

Anbahnung sexueller Kontakte strafbar

Zugleich wird künftig schon der Versuch strafbar, in sozialen Medien sexuelle Kontakte zu Kindern anzubahnen. Anders als bisher sollen auch Täter bestraft werden können, die zwar glauben, sie kommunizierten mit einem Kind - tatsächlich antwortet ihnen aber ein verdeckter Ermittler, der sich als Kind ausgibt.

Was ist Cybergrooming?

Den Begriff "Cybergrooming" könnte man wortwörtlich als "virtuelles Vorbereiten" übersetzen. Er bezeichnet im deutschsprachigen Raum die Handlung, wenn Erwachsene im Internet Kinder oder Jugendliche ansprechen, um sexuelle Kontakte anzubahnen.

Das Ziel der Täter kann zum Beispiel sein, an kinderpornografische Bilder oder Videos der Minderjährigen zu gelangen. Oft streben Täter aber auch an, die Minderjährigen real zu treffen und dann sexuell zu missbrauchen.

Wie die Polizei NRW informiert, geben sich die Täter in Chats oder Online-Communities gegenüber Kindern oder Jugendlichen oft als gleichaltrig aus, um so zunächst das Vertrauen der Minderjährigen zu gewinnen und sie im weiteren Verlauf zu manipulieren.

"Wenn eine Kontaktaufnahme im Netz zum Ziel hat, eine minderjährige Person real zu treffen und sie zu sexuellen Handlungen zu bewegen, dann ist das möglicherweise eine strafbare Vorbereitungshandlung", so die Polizei. Auch in diesen Fällen spreche die Justiz bereits vom sexuellen Missbrauch von Kindern.

Antrieb: Geschehnisse von Lügde und Bergisch Gladbach

"Die erschütternden Geschehnisse in Lügde und Bergisch Gladbach" hätten die Union in ihrem Gesetzesvorstoß bestärkt, sagte der Kölner Bundestagsabgeordnete Heribert Hirte (CDU), stellvertretender Vorsitzender des zuständigen Rechtsausschusses, dem WDR.

Die neuen Ermittlungsbefugnisse für die Polizei würden Kinder und Jugendliche künftig deutlich besser vor sexuellem Missbrauch schützen als bisher, so Hirte. "Niemand, der Kinderpornografie produziert, damit handelt oder konsumiert, soll sich sicher fühlen!"

Landeskriminalamt NRW für Gesetzentwurf

Auch die Ermittler in Nordrhein-Westfalen befürworten die neuen Möglichkeiten. "Das Landeskriminalamt begrüßt das sehr", sagte ein Sprecher dem WDR. Allerdings sei noch völlig unklar, wie die Beamten die erweiterten Befugnisse konkret umsetzen würden.

Cyber-Grooming: "Es muss für die Täter gefährlicher werden"

WDR 5 Morgenecho - Interview 17.10.2019 06:58 Min. Verfügbar bis 15.10.2020 WDR 5

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Fakebilder mittels Computertechnik?

Fakebilder müssen her – so viel steht fest. Denn für die Ermittlungen sollten die Opfer nicht noch ein weiteres Mal missbraucht werden, sind sich Experten einig. Aber genau das würde geschehen, wenn Kinderpornografie zu Ermittlungszwecken ein weiteres Mal geteilt würde.

Die Computertechnik sei da schon sehr weit, sagte der Sprecher des Landeskriminalamts. Man könne bereits täuschend echte Gesichter als Bilddateien erzeugen. Kinderpornografische Fakebilder herzustellen, damit habe die Polizei in NRW jedoch noch keine Erfahrung.

Kritik am Gesetzentwurf

Trotz breiter Zustimmung gibt es auch Kritik am Gesetzentwurf. Der Deutsche Anwaltverein lehnt ihn ab: Eine Straftat müsse eine tatsächliche Straftat bleiben. Die sei bei "Scheinkindern" eben nicht gegeben.

Stand: 17.01.2020, 20:00

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