Corona: Die Durchseuchung der Kinder hat begonnen

Corona: Die Durchseuchung der Kinder hat begonnen

Auch bei Kindern und Jugendlichen nehmen die Corona-Infektionen zu. Virologen sprechen von einer beginnenden Durchseuchung. Können wir das zulassen?

In seinem Wochenbericht schrieb das RKI am Donnerstag: "Die vierte Welle nimmt insbesondere durch Infektionen innerhalb der jungen erwachsenen Bevölkerung weiter an Fahrt auf und breitet sich zunehmend auch in höhere Altersgruppen aus." Hohe Sieben-Tage-Inzidenzen - also Corona-Neuinfektionen von mehr als 100 pro 100.000 Einwohner binnen einer Woche - seien zuletzt in der Altersgruppe der 10- bis 24-Jährigen beobachtet worden.

Auch in NRW besonders viele Corona-Fälle bei Jüngeren

Ähnlich sieht die Lage in NRW aus. Das Landeszentrum Gesundheit meldete am Freitag besonders hohe Sieben-Tage-Inzidenzen in der Altersgruppe der 5- bis 19-Jährigen.

Immunologe: Jeder wird mit dem Virus in Kontakt kommen

Prof. Reinhold Förster, Immunologe an der Medizinischen Hochschule Hannover

Immunologe Prof. Reinhold Förster

Zu dieser Entwicklung sagte der Immunologe Professor Reinhold Förster von der Medizinischen Hochschule Hannover dem WDR am Freitag: "Man kann davon sprechen, dass die Durchseuchung der Kinder mit dem Coronavirus begonnen hat. Das sieht man ja daran, dass entsprechende Fälle gemeldet werden. Das gilt allerdings auch für die gesamte Gesellschaft, jeder wird über kurz oder lang mit dem Virus in Kontakt kommen."

"Epidemiologisch können wir uns eine Durchseuchung der Kinder nicht leisten." Prof. Reinhold Förster, Immunologe an der Medizinischen Hochschule Hannover

Quarantäne für Schüler abschaffen?

Da es für Kinder unter zwölf Jahren sowieso keine Impfempfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO) und auch keinen Impfstoff gibt, könnte man auf die Idee kommen, die Pandemie in diesen Altersgruppen einfach durchlaufen zu lassen, also zum Beispiel die Quarantänemaßnahmen in den Schulen abzuschaffen.

Gebauer: Bund muss Entscheidungen herbeiführen

Yvonne Gebauer, Schulministerin,Pressekonferenz am 27.08.2021

NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer

Die Quarantänefrage steht inzwischen auch im Fokus von NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP): "Das RKI muss jetzt mal schauen: Wie kann es sein, dass wir SchülerInnen nach wie vor 14 Tage in Quarantäne schicken, während Reiserückkehrer sich nach fünf Tagen freitesten können. Das ist jetzt Aufgabe des Bundes, hier entsprechend andere Entscheidungen herbeizuführen. Damit diese vielen Quarantänemaßnahmen, die jetzt durch die Gesundheitsämter vollzogen werden, ein Ende finden", sagte sie in der "Aktuellen Stunde" des WDR.

Immunologe Förster warnt vor möglichen Folgen: "Epidemiologisch können wir uns eine Durchseuchung der Kinder nicht leisten. Es gibt zu viele Menschen in Deutschland, die sich nicht impfen lassen wollen. Außerdem gibt es eine Studie der Universität Oxford, die deutlich zeigt, dass auch vollständig Geimpfte, wenn sie sich infizieren, große Virenmengen ausscheiden, ohne selbst zu erkranken."

Keine Herdenimmunität

Die Konsequenz daraus lautet, dass das Virus nicht verschwinden wird. Förster: "Im Endeffekt heißt das, dass wir keine Herdenimmunität bekommen. Das ist eine dramatische Nachricht für alle, die nicht geimpft sind. Delta ist hochinfektiös und mindestens so krankmachend wie die Alpha-Variante."

"Über Long-Covid bei Kindern weiß man noch sehr wenig, so dass nach wie vor Vorsicht geboten ist." Immunologe Prof. Reinhold Förster

Somit können eben auch Kinder und Jugendliche das Virus weiter im Familien- und Freundeskreis verbreiten, auch wenn sie selbst selten erkranken und wenn doch, dann in der Regel nicht schwer. Das sagt auch die Kinder- und Jugendmedizinerin Folke Brinkmann, Oberärztin an der Universitätskinderklinik Bochum.

Kinder und Jugendliche hätten ein etwa einprozentiges Risiko, schwer an Covid zu erkranken. Förster gibt allerdings zu bedenken: "Über Long-Covid bei Kindern weiß man noch sehr wenig, so dass nach wie vor Vorsicht geboten ist."

US-Report: Bis zu 0,03 der infizierten Kinder an Covid gestorben

Die Amerikanische Akademie für Kinderheilkunde (American Academy of Pediatrics) veröffentlichte in einem Report vom 19. August folgende Zahlen: Demnach waren zuletzt 14,6 Prozent der Covid-19-Fälle in den USA Kinder und Jugendliche - knapp 4,6 Millionen. 1,9 Prozent davon mussten im Krankenhaus behandelt werden. Je nach Bundesstaat sind das bis zu 0,03 Prozent der Kinder, bei denen eine Infektion festgestellt wurde, die starben.

Allerdings lassen sich solche Zahlen nicht einfach auf Deutschland und Europa übertragen. "In den USA sind sehr viele Kinder Risikopatienten, weil sie stark übergewichtig sind. Außerdem gibt es dort wenige Kinderstationen mit Beatmungskapazität. EU und USA sind nicht immer vergleichbar", sagte Ruth Schulz von der WDR-Wissenschaftsredaktion. Dazu kommt, dass in den USA die Gesundheitsversorgung in armen, besonders gefährdeten Milieus schlechter ist.

Sehr geringe Sterblichkeit bei Kindern

Die Ständige Impfkommission hat vor wenigen Wochen für Kinder eine Sterberate von 0,001 Prozent angegeben - zwei Kinder waren in der Altersgruppe der Zwölf- bis 17-Jährigen seit Beginn der Pandemie in Deutschland gestorben. Die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) und die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) kamen im April in einer Stellungnahme zu Hospitalisierung und Sterblichkeit von Covid-19 bei Kindern in Deutschland auf einen Wert von sogar nur 0,00002 Prozent.

Die Fachgesellschaften gaben an, dass von den bisher verstorbenen Kindern in Deutschland nur vier an Corona starben - die anderen starben "mit Corona" an ihren schweren Vorerkrankungen.

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version dieses Beitrags hatten wir an dieser Stelle aus einem Tweet von Sebastian Dullien zitiert. Der Professor für Volkswirtschaft an der Internationalen Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin hatte die Zahlen aus den USA auf Deutschland umgerechnet und von bis zu 1.100 möglichen Todesfällen bei Kindern und Jugendlichen gesprochen. Da wir dies verkürzt wiedergegeben haben und dies aufgrund der oben genannten Gründe irreführend sein kann, haben wir das Rechenbeispiel aus dem Beitrag genommen. Wir bitten um Entschuldigung.

Quarantäne für Kinder - letztendlich eine politische Entscheidung

Grundsätzlich sei es ein Abwägen vieler konträrer Überlegungen, ob Quarantäne für Schüler sinnvoll ist, sagt Immunologe Förster: "Unterricht, Ausbildung, soziales Leben, das sind alles hohe Güter, die dafür sprechen, dass wir die Kinder nicht in Quarantäne schicken."

Auf der anderen Seite sei in letzter Konsequenz aber nicht abzusehen, was passiert, wenn man in den Schulen und auch Kitas keinerlei Vorkehrungen mehr trifft - eben auch vor dem Hintergrund, dass auf Dauer eine zweifache Impfung als umfassender Schutz vor dem Coronavirus wahrscheinlich nicht reichen wird. "Das ist letztendlich eine politische Entscheidung", so Förster.

Stand: 30.08.2021, 17:06

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