Corona-Virologe: "Normalbürger müssen keine Angst haben"

Coronavirus unter dem Mikroskop

Corona-Virologe: "Normalbürger müssen keine Angst haben"

  • Sorge in Bevölkerung wächst nach Coronavirus-Fällen im Bayern
  • Virologe Drosten: "Behörden haben Lage gut unter Kontrolle"
  • Experten halten Corona-Sterblichkeitszahlen für zu hoch

Trotz aller Aufmerksamkeit und Vorsicht sieht es so aus, als liefen wir dem Coronavirus hinterher. Teilen Sie diese Einschätzung?

Christian Drosten: In Deutschland haben die Behörden das gut unter Kontrolle. International ist das aber eine zunehmend richtige Sichtweise. Jetzt muss man genau beobachten, wie sich die Situation in den Ländern außerhalb Chinas entwickelt, in denen schon Fälle aufgetreten sind. Insbesondere ist dabei auf Australien und die USA zu achten, deren Medizinsysteme ähnlich zu unserem sind. Und man muss sehen, wie es in Wuhan weitergeht. Bei SARS war es so, dass die soziale Distanzierung der Bevölkerung, die in Wuhan gerade stattfindet, die Ausbreitung gestoppt hat. Dieser Effekt müsste dort jetzt langsam einsetzen.

Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité in Berlin

Christian Drosten (geb. 1972) ist Direktor des Instituts für Virologie an der Charité Berlin. Er arbeitet an Coronaviren und hat das SARS-Virus 2003 mitentdeckt. Dafür wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Was können wir tun, um das Virus einzufangen?

Drosten: Als Normalbürger in Deutschland muss man im Moment keine Angst haben, sich einfach so aus der Umgebung anzustecken. Bei den Fällen, die in Bayern aufgetreten sind, kann man die Kontaktketten gut rekonstruieren. Die Übertragungsketten wird man dort ganz früh finden können.

Erster Corona-Fall in Deutschland - und nun?

WDR 5 Morgenecho - Interview 29.01.2020 05:52 Min. Verfügbar bis 28.01.2021 WDR 5


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Muss das Virus früher erkannt und diagnostiziert werden?

Drosten: Das ist kaum schneller machbar, als wir es derzeit tun. Seit dem 13. Januar wird das Testverfahren international verbreitet, auch viele Labore in Deutschland sind daran beteiligt.

Warum sorgt das Coronavirus für so große Aufregung? Im Vergleich dazu sorgt die Grippe für weitaus mehr Todesfälle.

Drosten: Die Vorstellung, dass man das Coronavirus so mit der saisonalen Grippe vergleichen kann, ist falsch. Im Moment sieht es nach dem chinesischen Zahlen so aus, dass bei Corona eine Fallsterblichkeit von 2 Prozent herrscht. Das ist eine enorm hohe Zahl. Grippepandemien – nicht die saisonale Grippe! – haben eine Fallsterblichkeit von 0,1 Prozent bis hin zur allerschwersten Pandemie im Jahr 1918 von 2,5 Prozent. Das sind die Zahlen, über die wir uns hier Sorgen machen. Allerdings ist es fast sicher, dass die Zahlen aus China derzeit dramatisch überschätzt sind. Viele Experten gehen davon aus, dass es noch viel mehr Corona-Fälle in China gibt, die allerdings milde verlaufen und nicht registriert werden. Das heißt, die Fallsterblichkeit ist wahrscheinlich viel geringer.

Machen wir uns jetzt zu viele oder zu wenige Sorgen?

Drosten: Wir sollten uns keine Gedanken darüber machen, wie viele oder wie wenige Sorgen man sich jetzt macht. Sondern darüber, welche Maßnahmen man treffen muss, um sich im deutschen Medizinsystem auf etwas vorzubereiten, das dann hoffentlich nicht kommt: eine Pandemie.

Das Interview führte Ulrike Römer im WDR 5 Morgenecho. Zur besseren Lesbarkeit ist diese Fassung hier leicht gekürzt.

Stand: 29.01.2020, 09:08

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