Corona-Teststelle: Bürgertest-Zahlen zehnfach überhöht

Corona-Teststelle: Bürgertest-Zahlen zehnfach überhöht

Stand: 23.05.2022, 18:02 Uhr

Dem Mäzen des Drittliga-Clubs Viktoria Köln gehört eine Teststelle, die an mehreren Tagen zehnmal mehr Bürgertests gemeldet hat, als WDR, NDR und SZ vor Ort gezählt haben. Ermittler der Polizei gehen bei Bürgertests bundesweit inzwischen von einem Schaden von mehr als einer Milliarde Euro aus.

Franz-Josef Wernze gehört zu den reichsten Deutschen. Bekannt ist der Chef der größten Steuerkanzlei mit dem Namen ETL aber vor allem als Sponsor des Fußballclubs Viktoria Köln in der Dritten Liga. Zu seinem Firmenimperium gehört auch das Unternehmen, das seit vorigem Jahr beim Stadion von Viktoria Köln ein Schnelltest-Center betreibt.

Dieses Testzentrum ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert: Einerseits meldet es jeden Tag eine extrem hohe Zahl von angeblichen Bürgertests ans NRW-Gesundheitsministerium, andererseits scheint die Teststelle aber viel weniger Infizierte zu entdecken als der Durchschnitt der übrigen Teststellen im selben Zeitraum.

Kunden gezählt

NDR, WDR und Süddeutsche Zeitung haben die Teststelle überprüft und an mehreren Tagen von Öffnung bis Schließung die Menschen gezählt, die sich dort testen lassen wollten. Am Freitag, den 13. Mai, wurden zum Beispiel 52 Fußgänger und 101 Autos gezählt, die zum Testen vorbeikamen. Gemeldet hat die Teststelle ans Ministerium für diesen Tag jedoch 2.670 Bürgertests. Am Montag, den 16. Mai, kamen insgesamt 55 Fußgänger und 123 Autos zur Teststelle, gemeldet wurden für diesen Tag ans Ministerium 2.186 Bürgertests.

Die Frage, wie diese enormen Unterschiede zu erklären sind, beantwortete der Geschäftsführer der Teststelle auch nach mehreren Tagen nicht. Stattdessen schrieb er, um die Testzahlen für die beiden Tagen "vernünftig und belastbar zu recherchieren" brauche man "einen längeren Zeitraum".

Testzahlen gehen plötzlich stark zurück

Dafür gingen die gemeldeten Testzahlen nach der Anfrage von WDR, NDR, SZ schlagartig um etwa 90% zurück. Ein von Wernze beauftragter Anwalt teilt schließlich mit, dass Wernze "sich schon länger aus dem operativen Geschäft zurückgezogen habe. Sollten sich allerdings die von Ihnen angedeuteten Vorwürfe bestätigen, wird mein Mandant nicht zögern, die gebotenen rechtlichen, insbesondere dienstvertraglichen Konsequenzen zu ziehen."

Trotz Verdachts passiert nichts

Der Fall wirft auch ein Licht auf die unzureichenden Kontrollen der Behörden. Dem Gesundheitsamt der Stadt Köln kam die Teststelle nämlich nach eigenen Angaben schon seit Oktober 2021 merkwürdig vor. Aufgrund von "Auffälligkeiten" habe man die Teststelle schon im Januar und April 2022 an die Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein (KVNO) gemeldet, teilt die Stadt auf Anfrage mit.

Doch trotz der Verdachtsmeldungen passierte offenbar nichts. Allein in diesem Jahr meldete Wernzes Teststelle mehr als 234.000 Tests an das Ministerium, was Einnahmen von rund 2,8 Millionen Euro ermöglicht. Pro Bürgertest bekommen Testbetreiber derzeit nämlich 11,50 Euro vom Staat erstattet. Was wurde seit Oktober unternommen? Konnte der Verdacht ausgeräumt werden? Auf Anfrage teilt die Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein nur mit: "Zu einzelnen Teststellen geben wir öffentlich keine Auskunft."

Ermittler: "Kontrolle durch Behörden funktioniert nicht"

Ermittler, die sich mit möglichem Abrechnungsbetrug von Teststellen befassen, beklagen, dass die Kontrolle durch die Behörden nicht funktioniere. KVen und Gesundheitsämter schöben sich die Verantwortung gegenseitig zu. Dazu komme, dass die Kassenärztlichen Vereinigungen von jedem abgerechneten Bürgertest 3,5 Prozent Honorar für Auszahlung und Kontrolle erhalten. Jörg Engelhard, der im Landeskriminalamt (LKA) Berlin ein Ermittlungskommissariat zu Abrechnungsbetrug im Gesundheitswesen leitet, hält das für einen "Fehler im System". Wenn die KVen viele fingierte Tests entdecken, verringere sich ihr Honorar, sagt Engelhard. Ein Anreiz, besonders kritisch zu prüfen, sei das nicht.

Dabei kosten die Bürgertests enorm viel Geld - bis Ende April wurden aus Steuermitteln des Bundes rund 10,3 Milliarden Euro für Bürgertests ausgegeben. Weil die Kontrollen so lasch organisiert seien, schätzt LKA-Ermittler Engelhard den Schaden durch Betrug bundesweit auf "bis zu eineinhalb Milliarden Euro".

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