Streit mit radikalen Maskengegnern: Wie kann ich reagieren?

Von Christian Zelle

Beschäftigte im öffentlichen Raum sollen darauf achten, dass sich jeder an Corona-Regeln hält - ohne Schulung. Diese soziale Kontrolle kann auf Dauer nicht gut gehen, warnen Experten.

Die Einschränkungen während der Corona-Pandemie haben die Solidarität auf die Probe gestellt - und ausgereizt, manchmal überreizt. Über wenige Dinge wird im Alltag vergleichsweise oft und offen gestritten wie über das Tragen einer Maske. Hauptziel dabei ist es nicht, Regeln zu befolgen, sondern den anderen nicht unbewusst anzustecken.

Die Situation kennt wohl jede und jeder: Haben Sie sich schon mal über jemanden aufgeregt, der im Supermarkt keine oder die falsche Maske trägt? Oder über jemanden, der Ihnen sagt, dass Ihre Maske nicht korrekt sitzt? In den meisten Fällen klärt sich die Situation - wenn auch nicht immer mit guter Laune.

20-Jähriger von Corona-Leugner erschossen

Dieser Streit über die Maske ist inzwischen eingeübt, scheint aber in letzter Zeit gelegentlich unberechenbar zu eskalieren - wie etwa die vermehrten Pöbeleien und Angriffe auf Zugbegleiter zuletzt zeigten. In Idar-Oberstein wurde am Samstag ein 20-jähriger Tankstellen-Mitarbeiter erschossen, weil er den mutmaßlichen Täter auf die Maskenpflicht hinwies, wie sich jetzt herausstellt.

Der Bielefelder Konfliktforscher Andreas Zick stellt eine zunehmende Radikalisierung in der Corona-Leugner-Szene fest. Er sagte dem WDR, von solchen Verschwörungsmythen gehe auch immer eine Handlungsaufforderung aus. Die Anhänger dieser Mythen, die sich oft als Opfer sähen, "haben nun über die Corona-Proteste und Social Media ein Angebot bekommen: 'Wir bewegen uns in den Widerstand gegen das demokratische System.' Und das verfängt auch in der Mitte."

Zu einem ähnlichen Schluss kommt der Bochumer Kriminologe Tobias Singelnstein. Er sagte der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" (Mittwoch): "Das ist ein durchaus diverses Milieu mit oft rechten, teilweise aber auch diffusen Motiven".

Mehr Wutausbrüche in öffentlichen Arbeitsbereichen

Dass die Gefahr für Eskalationen derzeit höher ist, bestätigt Anja Weber, Vorsitzende DGB NRW: "Wir hatten das schon vor der Pandemie, dass zwei Drittel der Beschäftigten in diesen öffentlichen Bereichen beklagt haben, dass sie Beleidigungen, Bespucken, tätlichen Angriffen ausgesetzt worden sind - und das hat sich in der Tat durch die Pandemie noch mal verschärft."

Weber rät, solche Wutausbrüche immer zur Anzeige zu bringen. "Umso wichtiger ist es, dass Kontrollerfordernisse, die diskutiert werden, nicht einfach auf den Beschäftigten abgeladen werden."

Genau das geschehe aber tagtäglich - ohne Schulung, kritisiert Deeskalationstrainer Peter Kuschmierz. Sein Haupteinsatzort: Behörden. Der DGB beklagt, dass die Unterbesetzung in Bürgerämtern eine Ursache für gestiegene Aggressionen dort sei.

Eskalation keinen Raum geben

"Wenn du dafür nicht ausgebildet bist, dann machst du einfach", sagt Kuschmierz. Aber einfach sei es eben nicht immer, da man nicht immer auf einsichtige, verständige Menschen trifft.

Es sei utopisch, jetzt alle in der Gastronomie und im Einzelhandel tätigen Menschen zu schulen, ähnlich wie Polizisten, Ordnungsamtsmitarbeiter und Sicherheitsdienste. Es gebe aber ein paar einfache Verhaltensweisen, die einer Eskalation erst keinen Raum geben: "Lächeln, nett sein und es höflich sagen, auf keinen Fall herablassend oder aggressiv, am besten möglichst offene Fragen stellen", so der Soziologe. "Würde es dir was ausmachen, die Maske aufzuziehen?" sei besser als "Zieh die Maske auf!". Der Angesprochene solle das Gefühl haben, eine eigene Entscheidung zu treffen.

Eigene Sicherheit geht immer vor

"Es ist nicht der Job der Angestellten, die Regeln durchzusetzen", sagt Kuschmierz. Sie könnten aber auf die Einhaltung bestehen und "aufgrund des Jedermannsrechts und des Hausrechts gewisse Zwangsmaßnahmen durchsetzen". Besser sei es aber, die Polizei zu alarmieren.

Der Deeskalationstrainer kritisiert, dass hier eine Aufgabe an Verkäufer, Servicekräfte und viele andere Minijobber delegiert worden sei, für die sie gar nicht geschult seien. Kuschmierz rät daher ausdrücklich, sich auf keine Diskussionen einzulassen.