Interview: Wege aus dem Corona-Lagerkoller

Interview: Wege aus dem Corona-Lagerkoller

Von Lena Sterz

  • Quarantäne bringt Familien in Stress
  • Mehr häusliche Gewalt in Essen
  • Therapeutin Lingnau-Carduck verrät Tricks

Häusliche Quarantäne bedeutet Stress für Familien - man verbringt deutlich mehr Zeit miteinander als sonst, man langweilt sich, man streitet. Die Corona-Pandemie kann auch zu persönlichen Krisen führen.

Wo gibt es schnelle Hilfe für gestresste Eltern?

Wenn Eltern merken, dass die Belastung zu groß ist, sollten sie nicht warten, bis es zu spät ist:

  • Die Jugendämter in den Kommunen informieren auf den Homepages der Städte und Gemeinden über die Erreichbarkeit ihrer Hotlines: zum Beispiel in Köln, Düsseldorf oder Dortmund.
  • Die Hilfsorganisation Nummer gegen Kummer bietet telefonische Beratung für Eltern von Kindern jeden Alters. Alle Nummern und Infos hier.
  • Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr erreichbar und vermittelt Eltern bei Problemen an die richtigen Anlaufstellen: anonym und kostenlos unter 0800-1110-111 oder 0800-1110-222. Weitere Infos hier.

Stand: 27.05.2020

Vorlesen

Familientherapeutin Anke Lingnau-Carduck ist Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für systemische Therapie DGSF. Sie weiß, was man tun kann, damit es nicht eskaliert.

WDR: Frau Lingnau-Carduck, in Essen gab es jüngst deutlich mehr Fälle von häuslicher Gewalt. Überrascht Sie das?

Anke Lingnau-Carduck, Vorsitzende DGSF

Anke Lingnau-Carduck

Anke Lingnau-Carduck: "Nein, tut es nicht. Ich bin seit vielen Jahrzehnten als Beraterin in Familien tätig, die in prekären Lebenssituationen sind, und die Hilfen für diese Familien werden im Moment stark zurückgefahren. Für diese Familien bedeutet das, dass plötzlich alles anders ist. Im Lagerkoller greifen Eltern und Kinder oft auf alte Muster zurück, und ehe sie sich versehen, sind sie in einem negativen Strudel und es kommt zu Überlastung und Streit."

WDR: Was ist ein Lagerkoller eigentlich ganz genau?

Lingnau-Carduck: "Im Prinzip bedeutet es ja, herauszuwollen aus seinem Lager, aus seinem Zuhause, aber nicht raus zu können und sich nicht handlungsunfähig zu fühlen. Was man dann braucht, ist ein Weg, sich von diesem Fokus zu lösen und wieder proaktiv zu werden und zu sagen: Auch in meinem Zuhause kann ich einen Teil der Dinge tun, die ich gerne mache. Die Herausforderung in einer Familie ist dann, dass jeden Tag die Bedürfnisse von allen berücksichtigt werden."

WDR: Wie kann das gehen?

Lingnau-Carduck: "Ich empfehle Familien, sich eine klare Struktur zu geben und auf einem großen Plakat einen 'Corona-Plan' zu entwickeln. Dann überlegen alle zusammen: Was bedeutet Corona für uns? Zum Beispiel, eben nicht so viel unterwegs zu sein. Und dann zusammen zu überlegen, was sind Beschäftigungen, auf die wir Lust haben und die möglich sind. Bei Streit oder Langeweile kann man dann zum "Corona-Plan" gehen und sich inspirieren lassen."

Corona: Allein mit den Eltern

WDR 5 Morgenecho - Interview 21.03.2020 05:08 Min. Verfügbar bis 21.03.2021 WDR 5

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WDR: Sollte man auch feste Zeiten für bestimmte Dinge festlegen?

Lingnau-Carduck: "Ja, man sollte Uhrzeiten vereinbaren für das Aufstehen, für Lernzeiten, fürs Homeoffice der Eltern, aber auch fürs gemeinsame Spielen und Kochen. Es ist auch gut, Rituale wie die Gute-Nacht-Geschichte auf den "Tages-Corona-Plan" zu schreiben. Wenn die Kinder sich an diesem Plan orientieren können, ist es leichter, durch den Tag zu kommen und aus stressigen Situationen rauszukommen."

WDR: Kann diese Zeit auch eine Chance für Familien sein?

Lingnau-Carduck: "Ja, auf jeden Fall. Wir Menschen verändern uns in einer Krise sehr stark, weil wir dann plötzlich unser Leben neu sortieren müssen. Und nicht selten sortieren wir es dann neu besser zusammen, als es vorher war. Man kann diese Zeiten auch dafür nutzen, neue Hobbies zu entdecken oder Dinge voneinander zu lernen: den Krisenbewältigungsgeschichten der Großeltern lauschen, den Kindern Kochen beibringen oder sich selbst vom Teenager ein Computerspiel erklären zu lassen."

Stand: 27.03.2020, 06:00

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