"Klatschen hilft nicht": Gewerkschaften fordern mehr Geld für Pflege

"Klatschen hilft nicht": Gewerkschaften fordern mehr Geld für Pflege

Von Anne Basak

In der Corona-Krise gab es viel Applaus für Pflegekräfte. Viel geändert hat das nicht: Ein Grund, warum die Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst wohl hitzig werden.

"Das war Schwerstarbeit", sagt Klaus Keller. Und meint die Belastungen in der Corona-Zeit. Der 55-Jährige arbeitet in Kölns größter Pflegeeinrichtung, den Sozial-Betrieben-Köln, also eine der vielen kommunalen Einrichtungen, um die es in den Verhandlungen jetzt geht. Am härtesten war für Keller in den vergangenen Monaten die Arbeit im Isolierbereich für positiv getestete Bewohner.

Zum einen körperlich, auch wegen der Schutzkleidung. Hinzu komme die psychische Belastung. "Viele waren traurig und unruhig, weil sie ihre Angehörigen nicht sehen konnten", sagt Keller. "Man musste sie auffangen und trösten." Und dann sei da auch immer wieder der Druck in der Verwaltung, schnell neue Corona-Maßnahmen umzusetzen und Schutzkleidung zu besorgen.

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WDR 5 Morgenecho - Interview 01.09.2020 06:49 Min. Verfügbar bis 01.09.2021 WDR 5


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Für Pflegekräfte ist Geld längst nicht alles

Klaus Keller ist auch Betriebsrat. Dass die Gewerkschaften für die 2,5 Millionen Beschäftigten im öffentlichen Dienst von Bund und Kommunen jetzt 4,8 Prozent mehr Gehalt und mindestens 150 Euro mehr im Monat verlangen, findet er gut. Doch auch die Arbeitsbedingungen müssten sich ändern: "Die Leute brauchen mehr Freizeit und Erholung."

Oft habe es in letzter Zeit nur ein freies Wochenende im Monat gegeben: Eine große Belastung für das Familienleben. Keller wünscht sich auch mehr Geld fürs kurzfristige Einspringen:  "Wenn das teurer würde, würden Arbeitgeber auch über mehr Personal nachdenken."

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Mehr Gehalt = höhere Kosten für Bewohner?

Auch Beate Linz-Eßer von den Seniorendiensten der Stadt Hilden will unbedingt mehr Geld für die Pflegekräfte. Allerdings befürchtet sie, dass das letztlich an den Bewohnern hängen bleibt.

Denn während der Betrag aus der Pflegeversicherung gleich bleibe, würde bei höheren Personalkosten der Eigenanteil der Bewohnern weiter steigen – was viele in die Sozialhilfe treibe. "Eigentlich müssen die Bewohner ein Interesse daran haben, dass Pflegekräfte mehr verdienen. Doch gleichzeitig müssen sie das fürchten", sagt Linz-Eßer. "Es wird dringend Zeit, dass der Eigenanteil gedeckelt wird."

Arbeitgeber sehen kaum Spielräume

Der Bund und die Vereinigung der kommunalen Arbeitgeber haben die Gewerkschaftsforderungen erstmal zurückgewiesen. VKA-Präsident Ulrich Mägde nennt sie völlig überzogen. Er spricht von Mehrkosten von mindestens 5,7 Milliarden Euro – und das in der schlimmsten Rezession der Bundesrepublik: "Die Kassen sind leer, einen Verteilungsspielraum sehe ich nicht."

Ist ein Kompromiss die Lösung?

Und nun, wie geht es weiter? "Es wird auf einen Kompromiss hinauslaufen", glaubt der WDR-Wirtschaftsjournalist Wolfgang Landmesser. Er schließt nicht aus, dass es eine "leichte Lohnerhöhung" geben könnte. Die Frage sei auch, ob die Gewerkschaften ein weiteres wichtiges Thema durchsetzen können: Mehr Freizeit für besonders belastete Mitarbeiter in den Kommunen. Auch wegen Corona.

Schwierig sei das, weil natürlich nicht alle Beschäftigten gleichermaßen belastet waren. Zu den Mitarbeitern im öffentlichen Dienst von Kommunen zählen beispielsweise Kindergärtnerinnen, Pflegerinnen im kommunalen Krankenhaus oder auch Museumswärterinnen. Oder jemand, der in einem städtischen Schwimmbad arbeitet. Also ein sehr breites Spektrum an Beschäftigten.

Zusätzlich zu mehr Gehalt und Freizeit verlangen die Gewerkschaften für Gesundheit und Pflege einen gesonderten Verhandlungstisch. Verdi-Chef Werneke betont: "Klatschen allein hilft niemandem."

Beschäftigte im öffentlichen Dienst in NRW

In NRW arbeiten nach Angaben der Gewerkschaft Verdi im öffentlichen Dienst schätzungsweise 400.000 Beschäftigte. Ein Großteil - 278.000 Frauen und Männer - sind in kommunalen Einrichtungen tätig. Weitere 70.000 Beschäftigte arbeiten in kommunalen Krankenhäusern sowie 30.000 im Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV). Hinzu kommen noch Beschäftigte im Versorgungsbereich (zum Beispiel Stadtwerke und Wasserversorgung) sowie im Entsorgungsbereich (Abwasser).

Kümmern, Trösten, Pflegen – Vom Wert der Care-Arbeit Planet Wissen 03.12.2020 58:06 Min. Verfügbar bis 31.08.2025 ARD-alpha

Stand: 01.09.2020, 20:00

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