Wieder mehr Besuche in Pflegeheimen?

Symboldbild: Leerer Flur in einem Altenheim

Wieder mehr Besuche in Pflegeheimen?

Von Nina Magoley und Sabine Tenta

  • Bewohner in Pflegeheimen leiden unter sozialer Distanz
  • NRW-Gesundheitsminister will Besuchsverbot lockern
  • Caritas Aachen formuliert Voraussetzungen

"Stopp, Mama, nicht weiter" - so begrüßt eine Tochter momentan ihre Mutter in einem Dortmunder Pflegeheim. Das Pflegepersonal begleitet die Seniorin an eine geöffnete Tür im Erdgeschoss, der Abstand muss gewahrt werden. An einem Sonntagnachmittag würden aus allen Fenstern und Türen alte Menschen herausschauen, um mit ihren Angehörigen draußen zu reden.

"Fenster-Besuche", Videotelefonate oder eine zur Besuchszelle umfunktionierte Ski-Gondel wie in Hückelhoven - all das ist kein Ersatz für das direkte Gespräch, das Handhalten, das ungezwungene Miteinander.

NRW-Regierung will Lockerungen

In einem Gutachten hatte das NRW-Gesundheitsministerium untersuchen lassen, wie eine mögliche Lockerung des Besuchsverbots umsetzbar wäre. "Besuche von außerhalb können in den Außenanlagen der Einrichtungen oder speziellen Besuchsräumen mit geringerem Risiko organisiert werden", heißt es darin.

Vorstellbar seien abtrennbare Areale oder abgegrenzte Einheiten wie Lauben oder ähnliches. Bei Besuchen im Innenbereich eines Hauses müssten die Angehörigen Schutzkleidung anlegen. Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) meint, dass auch Treffen zwischen Bewohnern und Angehörigen in Einzelzimmern möglich sein müssten. Rund 80 Prozent der Bewohner in Altenheimen in NRW leben in Einzelzimmern, der Rest in Doppelzimmern.

Caritas: Besuch ist "Balsam für die Seele"

Jürgen Spicher, bei der Caritas Aachen zuständig für den Fachbereich Altenheime und Hospiz, rät von Einzelzimmer-Treffen ab. Besuchsräume seien deutlich besser zu desinifizieren. Er verweist auf die enorme Verantwortung der Leiter von Pflegeeinrichtungen. Sie müssten Bewohner und Personal davor schützen, dass Besucher das Virus in die Einrichtung bringen.

Anderserseits gelte natürlich auch: "Soziale Kontakte in der letzten Lebensphase sind Balsam für die Seele." Deshalb müsse es eine permanente Güterabwägung geben.

Voraussetzungen für Lockerungen

Voraussetzungen für Lockerungen bei den Besuchen sind für Jürgen Spicher: "Wir brauchen eine Garantie für ausreichend Schutzmaterial und dass dies auch von den Kommunen verteilt werden kann. Und die Testungen der Besucher müssen sichergestellt werden." Besucher sollten über einen Test, der nicht älter als 48 Stunden ist, nachweisen, dass sie nicht infiziert sind. Test-Anlaufstellen könnten die Hausärzte sein.

Ausweitung der Testkapazitäten

Tests sind auch nach Auffassung des SPD-Gesundheitspolitikers Karl Lauterbach zentral in der Bekämpfung der Pandemie. Im WDR sagte er: "Tatsächlich ist das sehr häufige Testen mit Abstandsregelungen und gutem Schutzmaterial, mit Masken höchster Qualität, die einzige Möglichkeit, dass wir die Pflegeeinrichtungen sicher halten." Aus dem Ausland wisse man, "dass Pflegeheime Brandbeschleuniger für die Pandemie geworden sind".

Die große Koalition in Berlin werde noch in dieser Woche ein Gesetz auf den Weg bringen, das die Übernahme der Kosten für einen Corona-Test durch Krankenkassen deutlich ausweite. Auch die Kapazitäten würden erhöht. Bis zum Sommer seien bis zu zwei Millionen Tests pro Woche möglich, schätzt Lauterbach.

Angespannte Personallage

In den Heimen sind unterdessen viele Bewohner auf Telefon- und Videokonferenzen mit ihren Angehörigen angewiesen. Dafür wünscht sich Regina Schmidt-Zadel, Vorsitzende des Verbands Alzheimer NRW, "technikerfahrene junge Leute", die Heime dabei unterstützen. Dafür bräuchten sie aber eine Zutrittsgenehmigung.

Auch Jürgen Spicher von der Caritas plädiert für mehr Assistenzen in der Corona-Krise. Denn Videotelefonie beispielsweise sei in vielen Fällen oft nur möglich, wenn Pflegepersonal Tablets oder Smartphones bedient und für Bettlägrige festhält. Das seien noch mehr Aufgaben in einer ohnehin schon angespannten Personalsituation.

Kein Zutritt – Wie gehen Sie damit um?

WDR 5 Tagesgespräch 02.04.2020 46:02 Min. Verfügbar bis 02.04.2021 WDR 5


Download

Stand: 04.05.2020, 19:29

Aktuelle TV-Sendungen