Wann ist Corona vorbei? Das sagen Forscher

Zu sehen ist ein ermüdeter Arzt aufgrund der Corona- Pandemie

Wann ist Corona vorbei? Das sagen Forscher

Wegen der Omikron-Variante droht die fünfte Welle in der Corona-Pandemie. Aber wann ist die Pandemie vorbei? Was Expertinnen und Experten dazu sagen.

Die Corona-Wellen werden nach Ansicht des Jenaer Infektiologen Mathias Pletz im Jahr 2022 abnehmen. "Die Wellen werden immer flacher werden, auch wenn neue Varianten kommen, weil einfach schon eine gewisse Grundimmunität da ist", sagte der Direktor des Instituts für Infektionsmedizin und Krankenhaushygiene am Uniklinikum Jena. Die Spanische Grippe habe etwa gezeigt, dass so ein Virus nie ganz verschwinden werde.

Wann ist Corona zu Ende?

Aber wann ist es geschafft? Wann ist Corona keine Pandemie mehr, in der die Maßnahmen mal sanfter und mal härter ausfallen und es im schlimmsten Fall einen Lockdown gibt? Mediziner und Wissenschaftler anderer Disziplinen haben Mitte November in einem Aufruf, der auch dem WDR vorliegt, die Politik zu klaren Corona-Maßnahmen aufgefordert. Zugleich haben sie darauf hingewiesen, niemand könne "seriös voraussagen, wann die Pandemie enden wird".

Von der Pandemie zur Endemie

Eine Pandemie ist eine Krankheit, die sich über Länder und Kontinente weltweit ausbreitet. Laut Weltgesundheitsorganisation WHO werden Pandemien meistens von neu auftretenden Erregern oder Virustypen verursacht. Würde sich die Krankheit nur in einer bestimmten Region ausbreiten, wäre von einer Epidemie die Rede. Im März 2020, vor anderthalb Jahren, hat die WHO die Coronavirus-Erkrankung Covid-19 als Pandemie eingestuft.

Experten gehen inzwischen davon aus, dass Corona sich nicht ausrotten lässt und deshalb zur Endemie wird. Das bedeutet, dass ein Virus auch künftig für Infektionswellen sorgt - jedoch wegen einer erreichten Grundimmunität deutlich weniger Menschen schwer krank werden als in einer Pandemie oder Epidemie. Es ist kaum absehbar, wann die WHO von einer Endemie sprechen wird - zumal sie gerade erst die neue Variante Omikron als "besorgniserregend" bezeichnet hat.

Lauterbach: Werden vierte Impfung brauchen

Karl Lauterbach (SPD), Bundesminister für Gesundheit, spricht bei einer Plenarsitzung im Deutschen Bundestag.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) sagte am Tag vor Heiligabend auf WDR 2, dass es nicht bei der einen Boosterimpfung gegen Corona bleiben wird: "Wir werden eine vierte Impfung brauchen." Deshalb seien schon an die Omikron-Variante angepasste Impfstoffe bestellt.

Eine Woche zuvor hat der Bundestag mit einer Änderung des Infektionsschutzgesetzes neue Corona-Maßnahmen beschlossen. Lauterbach hatte bei der Debatte seinen ersten Minister-Auftritt - und der Epidemiologe machte dabei Hoffnung, die Corona-Pandemie in den Griff zu bekommen: "Man soll ja nicht sagen: Wir schaffen das. Aber wenn ich ganz ehrlich sein soll: Ich glaube nicht nur, sondern ich weiß, dass wir das schaffen werden."

Drosten: Corona wird normales Erkältungsvirus

Christian Drosten, Direktor Institut für Virologie, Charité Berlin

Virologe Christian Drosten

Der Virologe Christian Drosten von der Charité Berlin geht davon aus, dass das Coronavirus endemisch wird - wann genau, kann er allerdings auch nicht konkret vorhersagen: "In absehbarer Zeit: Nächstes, übernächstes Jahr, vielleicht in drei Jahren." Drosten sagte in den ARD-Tagesthemen weiter, Corona werde dann zu einem normalen Erkältungsvirus, "das wie andere Erkältungsviren im Kindergarten auftritt und die Erwachsenen infizieren sich immer wieder mal mit". Die Älteren müssten dann wie bei der Influenza-Grippe mit einer Impfung geschützt werden.

Karagiannidis: Omikron hat auch Vorteile

Intensivmediziner Christian Karagiannidis

Intensivmediziner Christian Karagiannidis

Der Kölner Intensivmediziner und Lungenspezialist Christian Karagiannidis kann in der sich aufbauenden Omikron-Welle sogar Vorteile sehen, die helfen könnten, aus der Pandemie zu kommen. "Natürlich haben wir jetzt noch einmal schwierige Wochen vor uns", sagte er dem WDR. "Aber dann wird ein großer Teil der Bevölkerung entweder geboostert oder infiziert worden sein." Es sei dann also mit einer Grundimmunität in der Bevölkerung zu rechnen. Für Karagiannidis, der auch Mitglied des Corona-Expertenrats der Bundesregierung ist, bedeutet das "ein bisschen Licht am Ende des Tunnels".

Priesemann: Wenn Vorsichtsmaßnahmen selbstverständlich werden, ist es vorbei

Dr. Viola Priesemann (Forschungsgruppenleiterin am Max-Planck-Institut fuer Dynamik und Selbstorganisation) in der ARD-Talkshow ANNE WILL am 01.11.2020 in Berlin.

Physikerin Viola Priesemann

Die Physikerin Viola Priesemann wertet seit Beginn der Corona-Pandemie die Daten für die Entwicklung in Deutschland aus. Sie will in einem aktuellen Interview mit dem "Spiegel" kein genaues Datum für ein Ende der Pandemie nennen, weil weitere Virusvarianten kommen könnten. Priesemann sagt aber: "Die Pandemie ist vorbei, wenn Vorsichtsmaßnahmen wie Masken, Luftfilter und, falls notwendig, auch Impfen künftig selbstverständlich geworden sind."

Schularick: In Risiken und Wahrscheinlichkeiten denken

Laut dem Ökonom Moritz Schularick können nicht nur Menschen, sondern auch die Wirtschaft an Long Covid erkranken. "Die deutsche Wirtschaft wird sich nachhaltig nur dann von der Pandemie erholen, wenn wir die Gesundheitsrisiken im Griff haben", sagte Schularick der FAZ.

Er kritisiert, dass der deutsche Staat bislang zu zögerlich vorgegangen ist. Man müsse mehr in Wahrscheinlichkeiten denken - statt immer erst zu reagieren, wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen sei. "Man fragt sich: Wie viele Virus-Mutationen müssen noch am Frankfurter Flughafen ankommen, bevor ihr versteht, dass Impfungen in Afrika auch unsere Wirtschaft schützen? Auch da ist das Grundproblem vorausschauende Risikosteuerung."

Neumann-Volmer: Ende der Pandemie nur weltweit

Ähnlich argumentiert die Ärztin und Vorstandsvorsitzende von "Ärzte ohne Grenzen" in Deutschland, Amy Neumann-Volmer. Die Priorisierung der Impfstoffverteilung in Deutschland sei beispielhaft gewesen, weltweit aber nicht.

Wieder einmal habe die Politik zugelassen, dass die Hersteller von Medikamenten alleine entscheiden, wer für wie viel Geld in welchen Mengen Impfstoffe bekomme - "und damit auch, wer sie nicht bekommt". Medizinischer Verstand und Ethik dürften nicht an deutschen Grenzen halt machen. Die Pandemie sei erst vorbei, wenn sie weltweit vorbei sei.

Dolsten: Pandemie-Verlauf regional unterschiedlich

Chefwissenschaftler Mikael Dolsten

Pfizer-Chefwissenschaftler Mikael Dolsten

Etwa zwei weitere Jahre Corona-Pandemie, bis 2024 – das schätzt ein Forscher des Biontech-Partners Pfizer. Chefwissenschaftler Mikael Dolsten sagte, in einigen Regionen werde es im kommenden Verlauf weiter hohe Fallzahlen geben. In anderen dagegen würden sie so weit zurückgehen, dass von einer endemischen Lage gesprochen werden könne. Damit schließt er sich der Einschätzung von Virologe Drosten an. Wann und wie genau dies geschehe, hänge unter anderem davon ab "wie effektiv die Gesellschaft Impfstoffe und Behandlungen einsetzt". Auch neue Varianten würden die weitere Ausbreitung und Eindämmung des Virus beeinflussen.

Streeck: Virus wird 2022 jeden treffen

Professor Hendrik Streeck, Direktor des Institut für Virologie an der Uniklinik in Bonn.

Professor Hendrik Streeck

Nach Einschätzung des Bonner Virologen Hendrik Streeck sollte sich jeder Bürger darauf vorbereiten, in seinem Leben mal positiv auf das Coronavirus getestet zu werden. "Wir müssen uns - so glaube ich - damit abfinden, dass jeder in Deutschland mit dem Virus in den nächsten Jahren immer mal wieder in Kontakt kommen wird", sagte Streeck, der auch Mitglied im Corona-Expertenrat der Bundesregierung ist. "Eine Infektion nach einer Impfung stellt die Immunantwort gegen das Virus auf eine noch breitere Basis", erklärte der Virologe. Das solle kein Aufruf dazu sein, sich zu infizieren. Man werde aber auch nicht jeden schweren Verlauf verhindern können.

Pletz: Jetzt Zeit fürs Boostern kaufen

Nach Einschätzung des Infektiologen Mathias Pletz muss akzeptiert werden, dass durch Kontaktbeschränkungen nach Weihnachten die Ausbreitung von Omikron langfristig nicht verhindert werden könne. "Das wird nicht möglich sein", sagte der Direktor des Instituts für Infektionsmedizin und Krankenhaushygiene am Uniklinikum Jena. "Aber wir können die Ausbreitung verlangsamen. Und wir müssen uns natürlich die Zeit, die wir uns damit erkaufen, nutzen, um so viele Menschen wie möglich zu boostern."

Stand: 27.12.2021, 11:01

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