Corona-Maßnahmen: Lockerungen trotz Rekord-Inzidenzen

Stand: 11.03.2022, 15:01 Uhr

Manch einer kann es kaum erwarten, anderen ist eher mulmig: Am 20. März enden die meisten Corona-Maßnahmen - trotz Rekordzahlen bei den Neuinfektionen. Wie es tatsächlich weiter geht, ist ziemlich offen.

Von Nina Magoley

Eigentlich ist es das, was viele sich schon so lange sehnlichst wünschen: Nach zwei Jahren strenger Corona-Schutzregeln sollen die meisten Vorschriften ab 20. März wegfallen. Für manche kommt der langersehnte "Freedom Day" jetzt aber doch zu früh. Mit über 250.000 Neuinfektionen pro Tag scheint das Virus gerade nochmal zu explodieren. Mehr als 250.000 Menschen infizierten sich allein innerhalb der letzten 24 Stunden, die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz stieg am Freitag auf 1.439.

Zustimmung und Ablehnung halten sich die Waage

Und gerade jetzt sollen alle tiefgreifenden Schutzmaßnahmen fallen? Laut einer aktuellen Umfrage des Instituts YouGov finden das zwar 47 Prozent der 2.349 Befragten angemessen. 44 Prozent aber, immerhin nahezu die Hälfte, halten den Zeitpunkt für die neue Freiheit für unpassend.

Das ZDF-"Politbarometer" kam zu einem ähnlichen Ergebnis: 50 Prozent der 1.345 Befragten finden es richtig, dass am 20. März die meisten Corona-Maßnahmen wegfallen. Fast ebenso viele, 47 Prozent, halten es für falsch.

Auch bei einer Mini-Umfrage des WDR in der Kölner Innenstadt bestätigt sich dieser Trend: Ihr persönlich kämen die Lockerungen zu früh, sagt zum Beispiel Ruth Bergkemper-Otte aus Köln. Für die Wirtschaft seien sie aber wichtig - das erfahre sie als Inhaberin einer Schneiderei am eigenen Leib. "Wir werden bei uns die Maskenpflicht auf jeden Fall erstmal beibehalten", ist sie entschlossen, "denn Schutzmaßnahmen sind weiter wichtig".

Vergessen wir Corona?

WDR 5 Tagesgespräch 11.03.2022 46:30 Min. Verfügbar bis 10.03.2023 WDR 5


Download

"Viele sagen, Corona ist nicht so schlimm"

Passant Stefan Otte

"Vorsichtig sein": Stefan Otte

Gerade in Köln schießen nach Karneval die Infektionszahlen auf ein landesweites Rekordhoch. "Ich weiß nicht, ob Lockerungen jetzt der richtige Weg sind", sagt angesichts dessen Stefan Otte am Freitagmorgen. "Viele Leute sagen, Corona ist nicht so schlimm, aber dennoch muss man sich vorsehen", findet er. Und: Bei ihm schleiche sich "eine gewisse Routine ein", öfter mal die Maske zu vergessen.

Er sei vier Mal geimpft, "und hoffe, dass das jetzt wirkt", sagt der 80-jährige Egon, der die Sonne im Eiscafé genießt. Ihn ärgerten aber diejenigen, "die sich nicht impfen lassen und ne große Lippe riskieren und dann die anderen infizieren".

Passantin Claudine Petersen

"Mühsam und schlimm": Claudine Petersen

Und Claudine Petersen wedelt mit ihrem Mund-Nasenschutz: "Mühsam" sei das mit den Masken, "schlimm" - aber sie füge sich der Vernunft. "Wir haben keine andere Wahl." Ein wirkliches Ende der Pandemie sei für ihn trotz Lockerungen noch nicht greifbar, meint Familienvater Holger "aber auch für die Kinder würde es mich freuen, es muss ja irgendwann mal weitergehen".

Lauterbach: "Viele Regionen vor einem Hotspot"

"Die Lage ist objektiv viel schlechter als die Stimmung", sagte Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) am Freitag angesichts rasant steigender Fallzahlen auf einer Pressekonferenz mit dem RKI. Daher soll es in sogenannten Hotspots weiterhin möglich sein, bei besonders hohen Inzidenzzahlen wieder strenger Regelungen einzuführen. Das könne eine Stadt, ein Landkreis oder ein ganzes Bundesland sein.

"Wir sind in vielen Regionen vor einem Hotspot", fügte er hinzu. Klare Grenzwerte könne man aber nicht festlegen: Für die Delta-Variante beispielsweise sei eine Inzidenz von 1.000 von anderer Bedeutung als für Omikron. Lauterbach appellierte an die Bundesländer, das neue Infektionsschutzgesetz so schnell wie möglich umzusetzen, da es vermutlich sehr bald angewendet werden müsse.

"Köln ist Hotspot"

Köln, sagte Lauterbach, sei bereits ein Beispiel für einen Hotspot. Dort sehe man "ein dynamisches Geschehen" mit sehr hohen Inzidenzen - mutmaßlich im Zusammenhang mit dem Karneval. An der Kölner Uniklinik müssten derzeit Operationen verschoben werden. "Da könnte ich mir schon vorstellen, dass jetzt schon bei der Landesregierung NRW an einer Hotspot-Regelung gearbeitet werden sollte, die das neue Recht dann nutzt."

Lauterbach: Corona-Lage schlechter als die Stimmung

WDR aktuell 11.03.2022 01:08:41 Std. Verfügbar bis 11.03.2023 WDR

"Ganz Deutschland ist ein einziger Hotspot", meint der Epidemiologen Timo Ulrichs von der Akkon Hochschule in Berlin: An den meisten Orten sei die kritische Grenze der Infektionszahlen derzeit überschritten. Und auch, wenn die Hospitalisierungsrate konstant bleibe, sei das Gesundheitssystem am Limit. Wie lange es diesen Zustand aushalte, ohne noch mehr Personal zu verlieren, sei völlig offen. "Außerdem finde ich, dass 300 Coronatote pro 24 Stunden kein Zustand sind, den wir tolerieren sollten."

Die Neuregelung des Infektionsschutzgesetzes ist nötig, weil nach bisheriger Rechtslage alle Schutzmaßnahmen nach dem 19. März auslaufen würden. Das neue Gesetz soll kommende Woche beschlossen werden.

Aktuelle TV-Sendungen