Sandspielzeuge und Mund-Nasen-Schutz liegen am Strand.

Corona-Infektion: Besser im Sommer als im Winter?

Stand: 22.06.2022, 21:21 Uhr

Erst wurde über den Corona-Herbst diskutiert, nun über die Sommerwelle. Aber wie damit umgehen? Ist es besser, sich im Sommer anzustecken als in der kalten Jahreszeit?

Die Corona-Pandemie ist ein Marathon, kein Sprint - darin sind sich Politik und Wissenschaft mittlerweile einig. Weniger einhellig ist man indes darin, wie man im Sommer mit dem Virus umzugehen hat.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) sprach von einer Sommerwelle. Und betonte: "Es ist nicht so, dass man sagen kann: 'Wenn man sich jetzt infiziert, dann ist das vielleicht ein Schutz für den Herbst." Andere Politiker und Experten sehen das anders: Der geeignetere Zeitpunkt für eine Ansteckung sei jetzt.

Streeck: Schleimhautschutz wappnet für kommende Wellen

Hendrik Streeck

Hendrik Streeck

Der Virologe Hendrik Streeck von der Uni Bonn sagt: "Wir werden uns im Laufe unseres Lebens immer wieder mit Corona infizieren." Wenn man geimpft sei und zusätzlich eine Infektion durchmache, baue sich zunehmend ein Schleimhautschutz auf. "Der für eine gewisse Zeit hält. Und uns dann auch besser wappnet für Infektionen in den kommenden Wellen."

Der Virologe Klaus Stöhr sieht das ähnlich. Er ist Mitglied der Kommission zur wissenschaftlichen Beurteilung der staatlichen Corona-Beschränkungen. Stöhr sagte im WDR, erst eine Kombination von Impfung und Infektion bringe einen sicheren Schutz.

Ohne die Infektion werde es keine stabile Immunität geben. Zumal die Ansteckung unvermeidlich sei: "Es ist leider so, dass sich alle infizieren werden." Das Virus werde die nächsten Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte weiter zirkulieren. "Man kann davor nicht weglaufen."

Dieses Element beinhaltet Daten von Twitter. Sie können die Einbettung auf unserer Datenschutzseite deaktivieren.

Stöhr zu Infektion: "Vernünftiger, das jetzt im Sommer zu machen"

Auch wer geimpft und vorbereitet ist, werde sich irgendwann infizieren. "Und da ist es vernünftiger, das jetzt im Sommer zu machen als im Herbst oder Winter." Der Virologe rät davon ab, die Infektionen mit konservativen Maßnahmen zeitlich nach hinten zu schieben. Dann hätte man noch mehr Fälle in Jahreszeiten, in denen es ohnehin eine hohe Infektionswahrscheinlichkeit gebe.

Dass die Ansteckungsgefahr im Winter höher ist, liegt unter anderem daran, dass wir uns in der kalten Jahreszeit eher in geschlossenen Räumen aufhalten. Die Aerosole, durch welche die Viren übertragen werden, verteilen sich in geschlossenen Räumen besonders gut. Wir kommen also mit mehr Viruspartikeln in Berührung. Dadurch wird auch die Wahrscheinlichkeit dafür größer, dass mehr Menschen schwer erkranken.

Stöhr betonte aber, dass es in den Wellen zuvor richtig gewesen sei, Kontakte zu reduzieren. Um die Infektion so weit wie möglich nach hinten zu schieben, vor allem für die vulnerablen Gruppen. Bis zu dem Zeitpunkt, ab dem ein Impfstoff, Medikamente und die Gesundheitsinfrastruktur vorhanden waren.

Watzl: Erkrankungen verhindern, nicht Infektionen

"Dass wir diesmal selbst im Sommer eine Infektionswelle erleben, zeigt, wie ansteckend die aktuellen Virusvarianten sind", sagt Carsten Watzl. Er ist Immunologe an der TU Dortmund.

Aber: "Es muss in der aktuellen Lage darum gehen, Erkrankung und nicht so sehr die reine Infektion zu verhindern. Daher ist eine Sommerwelle zunächst auch erst mal nicht besorgniserregend", so Watzl. Dennoch gelte es, besonders vulnerable Menschen weiterhin konsequent zu schützen.

Watzl nannte als Beispiel die Festivalsaison. "Große Veranstaltungen draußen mit vielen jungen Leuten wie Festivals sind erstmal unproblematisch", sagte er. Denn geimpfte, junge Menschen hätten ein geringes Risiko, schwer zu erkranken. "Daher dürfen solche Menschen die Angst vor dem Virus verlieren. Den Respekt sollte man aber behalten."

Denn schwierig werde es dann, wenn Menschen ein Festival feiern und am nächsten Wochenende ihre Großeltern besuchen würden, ohne sich vorher zu testen. "Da appelliere ich an die Eigenverantwortung der Menschen."

Der Immunologe warnte davor, sich absichtlich zu infizieren. "Eine Corona-Infektion ist wie zu schnell durch eine Kurve fahren." Sie könne zum Unfall, also einer schweren Erkrankung führen. Oder habe einen Trainingseffekt, also Immunität.

Wie entwickelt sich Corona im Herbst?

Eine weitere Welle im Herbst ist laut Watzl höchstwahrscheinlich. Die Frage ist nur: Wie wird diese Welle ausfallen? Wird die Pandemie tatsächlich - so wie die Grippe - zu einer Endemie, also längst nicht mehr so dominant und so gefährlich für viele? Oder wird es nochmals eine Variante geben, die "krankmachender" ist?

Ob eine neue gefährlichere Variante auftreten wird, könne niemand vorhersagen. Sollte dies geschehen, wäre eine flächendeckende vierte Impfung aber sinnvoll, so Watzl.

Der Expertenrat der Bundesregierung nennt drei mögliche Szenarien für die Entwicklungen im Herbst:

  • Im günstigsten Szenario seien neue Varianten weniger gefährlich, so dass Infektionsschutzmaßnahmen "nicht mehr oder nur für den Schutz von Risikopersonen notwendig" seien.
  • In einem "Basismodell" wird angenommen, dass die Zahl der Infektionserkrankungen steigt, die Belastung der Intensivmedizin aber moderat bleibt.
  • Bei einem Negativszenario könnte eine sinkende Immunwirkung mit gefährlicheren Corona-Varianten zusammentreffen, so dass auch vollständig Geimpfte einen schweren Krankheitsverlauf haben könnten. Dann würde das Gesundheitssystem erneut durch Covid-19-Fälle auf den Intensiv- und Normalstationen stark belastet.

Bundesgesundheitsminister Lauterbach sagte, er gehe vom mittleren Szenario aus. Man müsse jedoch auch auf schwerwiegendere Fälle vorbereitet sein. Dafür müssten Impfstoffe beschafft werden und ein Impf- und ein Testkonzept ausgearbeitet werden. Außerdem brauche es schnellere Daten aus Krankenhäusern.

Weitere Themen

Aktuelle TV-Sendungen