Corona und Sprache: Impfzwang und Impfpflicht - "Kampfbegriffe" aus alten Zeiten

Auf einem Tisch mit einem Terminkalender schlägt jemand einen Impfpass auf und hält dabei eine Spritze in der Hand

Corona und Sprache: Impfzwang und Impfpflicht - "Kampfbegriffe" aus alten Zeiten

Von Udo Stiehl

Sprache ist mächtig. In der Corona-Pandemie wird deutlich, wie Begriffe zur verbalen Keule geformt werden. Beim "Impfzwang" hat das schon zu Zeiten des Kaisers funktioniert.

In der Diskussion über Corona ist es wichtig, auf die Sprache zu schauen. Wie wird sie für die eigenen Ziele genutzt? So geht es bei den Impfungen immer wieder um die Frage der Freiwilligkeit. Und da macht es einen Unterschied, ob man von "Impfzwang" spricht – oder von "Impfpflicht". Oder keinen der Begriffe verwendet.

"Bei Zwang schwingt potenzielle Gewaltanwendung mit"

Henning Lobin Direktor des Leibniz-Instituts für deutsche Sprache in einer Videokonferenz

Henning Lobin, Direktor Leibniz-Institut für deutsche Sprache

Warum, weiß Henning Lobin, Direktor des Leibniz-Instituts für deutsche Sprache. Er kennt die Mechanismen der Manipulation. Mit "Zwang" werde die Einwirkung von außen betont, möglicherweise auch verbunden mit Gewalt. "Bei 'Pflicht' hingegen ist eine moralische Ebene im Spiel. Man tut etwas, weil man erkannt hat, dass es wichtig und notwendig ist."

Unendliche Wortkombinationen möglich

DieChefredakteurin des Duden, Kathrin Kunkel-Razum sitzt vor einem Bücherregal, in dem viele Duden stehen

Kathrin Kunkel-Razum, Chefredakteurin des Duden

Die deutsche Sprache hat eine Funktion, alles Mögliche und Unmögliche miteinander zu verknüpfen: Durch zusammengesetzte Wörter, wie die Chefredakteurin des Duden, Kathrin Kunkel-Razum erläutert. "Impfen ist laut Duden die Verabreichung eines Impfstoffes an jemanden. Und Zwang ist die Einwirkung auf jemanden." Ein negativ belegter Begriff wird mit dem Wort kombiniert, der schlecht gemacht werden soll.

"Unwörter" entstehen

Ein vergilbtes Buch, mit dem Titel "Der Impfzwang"

Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Gerade erst wurde "Corona-Diktatur" von Sprachwissenschaftlern zum Unwort des Jahres 2020 gekürt. Neu ist diese Form der manipulativen Sprache hingegen nicht. Eine Impfpflicht und entsprechende "Kampfbegriffe" gab es schon, als in Deutschland noch ein Kaiser regierte. Damals hatten zwei große Pocken-Ausbrüche hunderttausende Menschen getötet. Aus dieser Zeit stammen Bücher wie "Der Impfzwang" und die Zeitschrift "Der Impfgegner".

Politiker bemühen sich um andere Sprache

"Ich gebe Ihnen mein Wort: Es wird in dieser Pandemie keine Impfpflicht geben", sagt Bundesgesundheitsminister Spahn. Kanzlerin Merkel sowie viele weitere Regierungsvertreter sprechen ganz gezielt von "Impfangeboten", um jegliche Gedanken an eine Pflicht zu zerstreuen. Merkel weist aber durchaus darauf hin, dass es Folgen haben könnte, wenn sich jemand nicht impfen lassen will: Ohne Impfung "kann man vielleicht bestimmte Dinge eben nicht machen."

Beispiel Masernimpfung

Jüngstes Beispiel ist die Impfung von Kindern gegen Masern. Kindertagesstätten machen sie zur Bedingung: Keine Impfung - keine KiTa-Betreuung. Ähnliche Vorgaben könnten auch Fluggesellschaften oder Restaurants in ihren Geschäftsbedingungen festlegen. Die Unternehmen sind frei in ihren Entscheidungen. Auch ohne gesetzliche Vorschriften des Staates können solche Regeln aufgestellt werden. Das ist dann zwar keine Impfpflicht, in den jeweiligen Situationen – also wenn z.B. jemand Fliegen will, kommt sie ihr aber letztlich sehr nahe.

Stand: 15.02.2021, 06:00

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