Corona-Impfstoff für Japan: Vernachlässigt die EU ihre Mitglieder?

Corona-Impfstoff für Japan: Vernachlässigt die EU ihre Mitglieder?

Von Jannik Schlüter

Deutsche Ärzte beschweren sich über zu wenig Impfstoff – Japan kriegt vor den Olympischen Spielen mehr als 100 Millionen Impfdosen aus der EU. Vernachlässigt die EU ihre Mitgliedsstaaten?

Die Europäische Union hat am 27. Mai trotz eigener Engpässe grünes Licht für den Export von mehr als 100 Millionen Impfdosen nach Japan gegeben. Rund zwei Monate vor dem Start der Olympischen Spiele. "Wir unterstützen die sichere Austragung der Olympischen und Paralympischen Spiele in Tokio als Symbol der globalen Gemeinschaft im Kampf gegen COVID-19", sagte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen.  

Laut Reinhard Hönighaus, Sprecher der EU-Kommission in Deutschland, sei die Lieferung der Impfdosen aber nicht speziell für Olympia gedacht. Im Gegenteil baue Japan bereits seit Monaten auf Impfstoffe aus der EU, überwiegend von Pfizer. "Pfizer liefert seit Zulassung des Impfstoffs Ende 2020 kontinuierlich, und es gibt keinen Grund, die Exporte nicht zu genehmigen, da BioNTech-Pfizer seine Verträge mit der EU erfüllt", erklärte Hönighaus.  

Zu wenig Impfstoff in Deutschland  

Einige Ärzte in Deutschland kritisieren den Export, weil sie nun selber mit Engpässen kämpfen müssen. "Mich irritiert, dass wir Impfstoffe nutzen müssen, die zweite Wahl sind. Die Impfstoffe, die eigentlich erste Wahl sind, stehen hier nicht zur Verfügung, weil sie exportiert werden", sagt der Kölner Allgemeinmediziner Dr. Reiner Frenken. Die EU hat sich jedoch von Anfang an bewusst dafür entschieden, Impfstoff auch außerhalb der EU zu exportieren.

Markus Preiß, Leiter des ARD-Studios Brüssel, erklärt, dass es ohne die Möglichkeit des weltweiten Exports sogar weniger Impfstoff geben könnte: "Viele Experten sagen, wenn die EU das angedeutet hätte, wäre es möglich, dass Pfizer gar nicht erst bei BioNTech eingestiegen wäre."

Seit Ende Dezember 2020 wurden 700 Millionen Impfdosen in der Europäischen Union hergestellt, die Hälfte davon wurde in mehr als 90 Länder exportiert. Mit bisher 102,9 Millionen Dosen steht Japan an der Spitze.

Warum Japan?

Dass Japan die meisten Impfdosen erhält, liegt nicht an der EU. Die Pharmaunternehmen erhalten Aufträge und fragen dann nach einer Genehmigung. Wo die Impfdosen hingehen, entscheiden also die Hersteller. Die Genehmigung der Lieferung nach Japan ist keine Ausnahme: Bisher hat die EU erst eine Lieferung des britisch-schwedischen Herstellers AstraZeneca gestoppt.

Ursula von der Leyen, Präsidentin der EU-Kommission, trifft sich mit IOC-Präsident Thomas Bach im Europa-Gebäude

In Japan ist erst ein kleiner Teil der Bevölkerung geimpft. Mit der Lieferung können laut EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen rund 40 Prozent geimpft werden. Bereits im März hatte Japans Impfminister Trao Kono die EU dazu gedrängt, für stabile Exporte nach Japan zu sorgen. Andernfalls drohe Schaden für die freundschaftlichen Beziehungen.

Genau die bekräftigte von der Leyen nun mit der Genehmigung der Impfdosen: "Es ist ein Zeichen der Solidarität und der Freundschaft mit Japan, dass die Europäische Union bisher mehr als 100 Millionen Dosen nach Japan exportiert hat. (…) Und dies spiegelt die sehr engen Bindungen zwischen der Europäischen Union und Japan wider." 

Export gerechtfertigt?

Ob und wie viele der Impfdosen rechtzeitig für die Olympischen Spiele da sind, ist unklar. Die EU habe keine Informationen über die Lieferzeitpläne der Pharmahersteller, hieß es. Klar ist aber: Obwohl die Lieferung von über 100 Millionen Impfdosen nach Japan vor dem Hintergrund der Olympischen Spiele unverständlich wirkt, ist die Exportpolitik der EU nicht ungerechtfertigt.

Stand: 11.06.2021, 17:49

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