3G und Lockerungen: Was erwartet uns im Corona-Herbst?

Eine Fotomontage zeigt einen Mundschutz mit Coronavirus-Symbol auf Herbstlaub

3G und Lockerungen: Was erwartet uns im Corona-Herbst?

Die Infektionszahlen steigen, aber es gibt auch mehr Lockerungen - bei 3G. Während immer mehr Kinder und junge Erwachsene erkranken, sinkt die Impfbereitschaft. Wie wird es im Herbst weitergehen?

Die Inzidenzen steigen - allen Bundesländern voran in NRW. Gleichzeitig sind deutlich mehr Menschen gegen Corona geimpft als zu Beginn der letzten Wellen - aber längst nicht so viele, wie einmal geplant. Die Impfkampagne stockt, vielerorts bleibt der Impfstoff ungenutzt liegen.

Und es gibt neue Freiheiten: In Köln und anderswo luden am Wochenenden einige Clubs erstmals wieder zum Tanzen, Fitnesstudios bieten wieder Kurse, auch im Restaurant und in Kneipen kann man sitzen. Mit der neuen 3G-Regel bleiben auch bei hohem Infektionsgeschehen alle Einrichtungen geöffnet und viele Veranstaltungen erlaubt - vorausgesetzt, Besucher oder Teilnehmer sind geimpft, genesen oder negativ getestet.

Jetzt sind die Jungen dran

Offensichtlich nimmt sich das Corona-Virus jetzt gezielt die Jüngeren vor: Die meisten Fälle in NRW sind derzeit bei Menschen zwischen 20 und 39 zu verbuchen, auch bei den unter den 10- bis 24-Jährigen nimmt die Inzidenz rasant zu. Der Immunologe Reinhold Förster von der Medizinischen Hochschule Hannover vermutet den "Beginn einer Durchseuchung" bei Kindern und Jugendlichen. Er warnte im WDR davor, das einfach so geschehen zu lassen, da man über Long-Covid bei Kindern bislang sehr wenig wisse.

Was erwartet uns im Corona-Herbst?

Darüber gehen die Prognosen auseinander. Der Virologe und Epidemiologe Klaus Stöhr geht davon aus, dass sich die Pandemielage in Deutschland im nächsten Frühjahr deutlich entspannt haben wird. Schwere Erkrankungen bei Menschen, für die Corona ein echtes Risiko ist, würden dann wohl nur noch für die Über-60 Jährigen ein Thema sein, meint Stöhr.

Für den Sommer 2022 gibt er Entwarnung: Corona-Infektionen werde es dann zwar immer noch geben, aber sie blieben "weitgehend unerkannt". Selbst Reinfektionen würden dann im allermeisten Fall nur noch als leichte Erkrankungen daherkommen – bei denen wohlgemerkt, die geimpft oder genesen sind.

Das alles, betont Stöhr aber, sei nur dann zu erwarten, wenn die Impfungen in der Risikogruppe weiter fortschritten: Wenn sich die derzeit rund vier Millionen ungeimpften Über-60-Jährigen nicht noch impfen lassen, würden die Krankenhäuser im Herbst noch einmal voll werden, fürchtet er. Und: Über-60-Jährige sollten künftig regelmäßig eine Auffrischungsimpfung bekommen.

Kinder durchseuchen lassen wie bei der Grippe

"Bei Kindern unter 12 dagegen ist eine natürliche Immunisierung alternativlos", sagt der Virologe, der lange für die WHO gearbeitet hat. Sie funktioniere ähnlich wie bei vielen anderen Atemwegsinfektionen, zum Beispiel der Grippe.

Immunologe Reinhold Förster ist da eher skeptisch: Eine Durchseuchung der Kinder könne man sich nicht leisten, solange noch so viele Menschen in Deutschland sich nicht impfen lassen, sagte er im WDR.

Impfquote muss steigen

Die Virologin Viola Priesemann vom Göttinger Max-Planck-Institut hat in einer Forschungsgruppe zwei Pandemie-Strategien diskutiert, mit denen die europäischen Ländern in den Herbst gehen könnten: Entweder Lockerungen der Maßnahmen in der Hoffnung, dass die erreichte Impfquoten plus natürlich erworbenen Resistenzen ausreichen, um einer vierten Welle entgegenzuwirken. Oder: Schrittweise Öffnungen angepasst an den europaweiten Impffortschritt, um die Inzidenzen weiter niedrig zu halten.

Die Forschenden waren sich einig, dass die zweite Strategie die bessere sei, weil die Impfquoten in Europa noch nicht hoch genug seien, um gezielte Maßnahmen gegen die Verbreitung der Infektionen aufzuheben.

Sie sagen, dass die Pandemie noch nicht überwunden sei, aber ein Ende denkbar wäre. Die Beschränkungen könnten aufgehoben werden, wenn eine hohe Durchimpfungsrate erreicht wird und wenn die Impfstoffe weiterhin hochwirksam gegen neu auftretenden Varianten sind.

Jüngere müssen zur Impfung

In einer anderen Untersuchung hatten Wissenschaftler um den Intensivmediziner Christian Karagiannidis ausgerechnet, wie sich die Belegung der Intensivstationen im Herbst entwickeln wird, wenn die Impfkampagne so weiterläuft, wie bisher. Ergebnis: Mit steigender Inzidenz wird es auch auf den Intensivstationen wieder voll - allerdings nicht ganz so schnell wie im vergangenen Jahr. Schon ab einer Inzidenz von 200 könnten die Intensivstationen wieder stark belastet werden - es sei denn die Impfquote steigt.

Entscheidend sei die Impfquote bei den Über-35-Jährigen. Würden hier nur zehn Prozent mehr Menschen geimpft, als derzeit zu erwarten ist, bliebe die Zahl der Schwerkranken deutlich niedriger, trotz hoher Inzidenzen.

Am Sonntag hatte die Zahl der Covid-19-Patienten auf Intensivstationen bundesweit erstmals wieder die 1.000 überschritten. Knapp jeder zehnte ist zwischen 30 und 39 Jahren alt. Gut einen Monat zuvor hatte die Intensivbettenbelegung noch bei 354 gelegen.

Einig sind sich wohl die meisten Wissenschaftler darin, dass uns das Virus auch künftig erhalten bleiben wird. Virologe Stöhr meint aber, dass die Menschen in Zukunft viel weniger schwer daran erkranken werden.

Stand: 29.08.2021, 18:28

Weitere Themen

Aktuelle TV-Sendungen