Corona und die Folgen: Die Einsamkeit der Alten

Stand: 29.01.2022, 16:57 Uhr

Viele Ältere fühlen sich einsam - das belegt eine Studie im Auftrag der Bundesregierung. Die Corona-Pandemie ist vermutlich nur ein Grund dafür.

Corona hat Einsamkeitsgefühle gerade bei Jüngeren verstärkt - das ist wissenschaftlich gut belegt. Doch auch bei Menschen über 80 ist Einsamkeit ein zunehmendes Problem. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung, die das Forschungszentrum "ceres" der Universität zu Köln durchgeführt hat. Auftraggeber ist das Bundesfamilien- und Seniorenministerium. Roman Kaspar ist Projektleiter und einer der Hauptautoren.

WDR: Herr Kaspar, in Ihrer Studie ist zu lesen: Der Anteil der Menschen über 80, die sich einsam fühlen, hat sich verdoppelt im Vergleich zur Zeit vor der Pandemie. Ist das für Sie ein Alarmzeichen?

Dr. Roman Kaspar, Projektleiter der D80+-Studie zur Lebensqualität hochaltriger Menschen

Dr. Roman Kaspar

Roman Kaspar: Es ist sicherlich ein Alarmzeichen. Wenn wir Studien betrachten von 2017, 2018, und da die Einsamkeits-Raten der Über-80-Jährigen angucken, dann landen wir bei sechs oder sieben Prozent. Wir haben jetzt in der bundesweiten Studie zwölf Prozent. Das sehen wir als deutlichen Hinweis, dass sich in dieser Gruppe etwas verändert hat. Wie stark das aber zum Beispiel auf Kontaktverbote, Besuchsregelungen in Einrichtungen oder selbstgewählte Einschränkungen im privaten Bereich zurückzuführen ist, ist schwieriger zu sagen.

WDR: Welche anderen Gründe könnte die zunehmende Einsamkeit denn haben, wenn es nicht die Corona-Maßnahmen sind?

Kaspar: Es gibt eine Reihe von Dingen, die sich verändert haben. Zum Beispiel müssen wir jetzt viele Dinge digital regeln: Behördengänge, andere Formen des sozialen Austauschs. Die ganz Alten sind aber nur zu 20 Prozent Onliner. Das heißt: 80 Prozent beteiligen sich an diesem System nicht. Digitalisierung kann extrem hilfreich sein für Altersselbstständigkeit, für soziale Kontakte. Aber bei der geringeren Anzahl von hochaltrigen Menschen, die da wirklich mitmachen, ist das auch ein Trend, der Schwierigkeiten mit sich bringt.

WDR: Menschen, die zu Hause wohnen, fühlen sich laut Ihrer Studie zu knapp zehn Prozent einsam. Bei Menschen in Seniorenheimen sind es über 35 Prozent. Das wirkt auf den ersten Blick paradox. Ist das jetzt auch nur das Ergebnis der strengen Corona-Maßnahmen? Oder läuft in den Einrichtungen generell etwas falsch?

Kaspar: Die Vermutung, dass ältere Menschen ins Heim gehen, um nicht einsam zu sein - ich glaube, diese Idee gab es mal. Aber die Realität ist leider, dass eher diejenigen Personen ins Heim ziehen, die ihre Versorgung privat nicht mehr regeln können. Die sind gezwungen und machen das nicht freiwillig, um ihre Kontakte zu pflegen. Die Zusammensetzung von Menschen, die im Heim leben, hat sich gewandelt. Die Bleibezeiten haben sich verkürzt. Es ist deswegen jetzt weniger ein Ort des sozialen Miteinanders, sondern es ist eher ein Ort, an dem man noch versorgt werden kann.

WDR: Was könnte man denn tun, um Einsamkeit bei Älteren zu verhindern?

Kaspar: Eine Möglichkeit wäre, dass man das soziale Umfeld der Hochaltrigen stärkt. Dass man zum Beispiel mehr Gemeinschaft im Quartier fördert. In unserer Studie sagen viele Menschen: Durch die Corona-Zeit habe ich eine andere Einstellung zu meinem weiteren Umfeld entwickelt. Und zwar so, dass ich sogar mehr Vertrauen gefasst habe in die Nachbarschaft, die zum Beispiel ausgeholfen hat mit Einkaufsdiensten während der Pandemie.

Es wäre hilfreich, wenn wir diesen Impuls mitnehmen könnten, auch über die Ausnahmesituation hinaus. Da sehen wir schon auch ein Potenzial für die Förderung von Sorge-Gemeinschaften, die jetzt nicht nur eine Wohngemeinschaft, sondern vielleicht das ganze Quartier berücksichtigen.

Das Interview führte Markus Meyer-Gehlen.

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