Dänemark beendet Corona-Regeln: Wäre das auch in Deutschland möglich?

Dänemark beendet Corona-Regeln: Wäre das auch in Deutschland möglich?

Von Jörn Kießler

Dänemark verzichtet auf so gut wie alle Corona-Regeln. Grund dafür ist die hohe Impfquote. Aber reicht die allein aus, um Maskenpflicht, 2G- oder 3G-Regel und Co. abzuschaffen?

Impfnachweis? Unnötig! Abstandhalten? Fehlanzeige! Maskenpflicht? Vergangenheit! In der Nacht zu Freitag hat Dänemark die letzten Corona-Beschränkungen aufgehoben.

Selbst bei Großveranstaltungen und Diskothek-Besuchen muss nun kein Impfnachweis mehr gezeigt werden. Und das, obwohl die Maskenpflicht schon vor Wochen an den meisten Orten abgeschafft wurde.

Grund dafür ist neben der geringen Fallzahl vor allem die hohe Impfquote: mehr als 83 Prozent der Über-12-Jährigen in Dänemark sind nach Informationen des Statens Serum Institut (SSI) - dem dänischen Äquivalent zum RKI - vollständig gegen das Virus geimpft. Die dänischen Behörden sind der Meinung, dass das Virus unter Kontrolle ist. Covid-19 gilt offiziell nicht mehr als "gesellschaftskritische Krankheit".

Ist so etwas auch in Deutschland denkbar?

Der Schritt ist drastisch, aber offenbar funktioniert es: Zuletzt hatten die Dänen rund 500 Corona-Neuinfektionen pro Tag registriert.

Ganz anders in Deutschland. Hier liegt die Impfquote bei den Über-12-Jährigen bei 69,4 Prozent. Die Impfkampagne stockt. So sehr, dass die NRW-Landesregierung den Druck auf Ungeimpfte scheinbar erhöht und ihnen den Verdienstausfall während einer Quarantäne nicht mehr erstatten will. Dabei wird nur geltendes Recht angewandt.

Aber was wäre, wenn Deutschland den Impfturbo zünden würde und eine vergleichbare Quote wie Dänemark erreichen würde? Wäre es denkbar auch hier alle Corona-Regeln fallen zu lassen?

Epidemiologe hält Abschaffung der Corona-Regeln "prinzipiell" für möglich

"Ja", sagt der Epidemiologe Timo Ulrichs von der Akkon-Hochschule Berlin. "Bei etwa 85 Prozent Durchimpfungsrate würde die laufende vierte Welle von selbst wieder zurückgehen, und wir könnten die Maßnahmen sukzessive aufheben."

Porträt Klaus Stöhr

Virologe und Epidemiologe Klaus Stöhr

Der Epidemiologe Klaus Stöhr geht noch weiter. "Prinzipiell ist ein ähnlicher Schritt in Deutschland möglich und auch notwendig", sagt er. "Allerdings würde ich zum jetzigen Zeitpunkt noch davon abraten." Grund dafür ist vor allem die verhältnismäßig geringe Impfquote bei den Über-60-Jährigen.

Nach Informationen des Robert Koch-Instituts (RKI) sind in Deutschland aktuell rund 83 Prozent der Menschen über 60 Jahre geimpft. In Dänemark liegt diese Quote laut dänischen SSI bei über 95 Prozent.

Hohe Inzidenz bei Kindern wird riskiert

Timo Ulrichs

Epidemiologe Timo Ulrichs

Unterschiedlicher Meinung sind die beiden Mediziner beim Thema Kinder. Ulrichs rät zu einem vorsichtigen Vorgehen, um die Kinder unter 12 Jahren zu schützen. "Ein zu schnelles Aufheben würde die geschützten Räume Kitas und Schulen möglicherweise gefährden", sagt er.

Auch Stöhr hebt hervor, dass es für Kinder unter zwölf Jahren keinen Impfstoff mit einem positiven Nutzen-Risiko-Verhältnis gibt. "Eine generelle Empfehlung für einen Impfung in dieser Altergruppe ist auch in der ferneren Zukunft eher unwahrscheinlich", so der Epidemiologe. "Zum Glück ist in dieser Gruppe die Zahl der schweren Verläufe extrem gering."

Er verweist auf Dänemark, wo man wegen der geringen Fallzahl hohe Inzidenzen bei den Kindern in Kauf nehme. Damit geht das Land laut Stöhr die notwendigen Schritte in Richtung Normalität - auch im Hinblick auf die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen.

Wissenschaftler, Ärzte und Unternehmen fordern transparente Corona-Politik

Das hält Stöhr für konsequent und folgerichtig. "Die Regierung hatte von Anfang an das Ziel ausgegeben, auf dem Weg zur Normalität die gesundheitlichen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Schäden möglichst gering zu halten", sagt der Epidemiologe.

Ein solches konkretes, langfristiges Ziel vermisst Stöhr in der deutschen Corona-Politik. Auch deshalb hat er gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern, Ärzten und Unternehmern einen offenen Brief an die deutschen Parteien geschrieben, in denen sie diese auffordern, ihr Pläne für die Corona-Politik offenzulegen.

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Stand: 10.09.2021, 15:57

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