Studie: Corona bremst Inklusion im Job

Miniatur Figuren zweier Rollstuhlfahrer stehen vor dem Logo der Bundesagentur fuer Arbeit

Studie: Corona bremst Inklusion im Job

Von Alexa Godbersen

Wer als Mensch mit Behinderung eine Arbeit sucht, hat es ohnehin schwer. Seit Beginn der Corona-Pandemie ist es noch komplizierter geworden: In NRW sind über elf Prozent mehr Menschen mit Schwerbehinderung arbeitslos als vor einem Jahr.

Vor einem Jahr klang es noch wie eine Erfolgsgeschichte: Ende 2019 waren mehr Menschen mit Behinderung auf dem Arbeitsmarkt integriert als je zuvor. Aber dann kam die Corona-Pandemie – und die Bemühungen um die Eingliederung dieser Arbeitskräfte wurden um Jahre zurückgeworfen. Das zeigt das neue Inklusionsbarometer, das die "Aktion Mensch" und das Handelsblatt Research Institute jetzt gemeinsam veröffentlicht haben.

11,2 Prozent mehr Arbeitslose

Demnach waren im Oktober in NRW 11,2 Prozent mehr Menschen mit Schwerbehinderung arbeitslos als ein Jahr zuvor – und das war noch vor den neuen Corona-Beschränkungen, die im November wieder zur Schließung von Gastronomie-, Kultur- und Tourismusbetrieben geführt haben.

Ein junger Mann im Rollstuhl

Johannes Grassers berufliche Pläne wurden durch Corona gestoppt

Einer, dessen Pläne in den vergangenen Monaten jäh über den Haufen geworfen wurden, ist Johannes Grasser aus Köln. Der 31-Jährige leidet seit seiner Geburt an einer Spastik der Beine und Arme und sagt, er habe das immer eher als Herausforderung, denn als Problem betrachtet: Er hat sich nicht entmutigen lassen, als er – mit einem Master in Sportwissenschaften in der Tasche - auf mehr als 900 Bewerbungen keine einzige Zusage bekam.

Mit der Pandemie sprangen die Geldgeber ab

2020 sollte deshalb das Jahr sein, in dem Grasser sich selbstständig machen wollte – mit einer von ihm entwickelten Sport- und Gesundheitskleidung, die mit Sensoren zu einer besseren Körperhaltung beitragen sollte. Grasser hatte Sponsoren gefunden, eine Münchner Firma sollte die Prototypen produzieren. Doch als mit der Pandemie die wirtschaftliche Unsicherheit kam, sprangen die Geldgeber ab.

"Denen war ein Start-up dann einfach zu riskant", sagt Grasser. Auch auf sein zweites berufliches Standbein – er hält Vorträge als Motivationscoach – kann Grasser derzeit nicht mehr setzen: Alle elf Einladungen für dieses Jahr wurden ersatzlos gestrichen.

Corona hat Erfolge zunichte gemacht

Eine bittere Erfahrung, die gerade viele Menschen mit Behinderung machen, weiß Prof. Bert Rürup, der mit seinem Team das Inklusionsbarometer erarbeitet hat: "Die rasant negative Entwicklung in diesem Corona-Jahr macht in kürzester Zeit die Erfolge der vergangenen vier Jahre zunichte."

Die "Aktion Mensch" sieht diese Entwicklung mit Sorge, denn: "Wenn Menschen mit Behinderung erst einmal ihren Job verloren haben, finden sie sehr viel schwerer in den ersten Arbeitsmarkt zurück als Menschen ohne Behinderung", sagt Sprecherin Christina Marx. Dabei liegt die Arbeitslosenquote von Menschen mit Schwerbehinderung ohnehin deutlich höher als im Durchschnitt - im Jahr 2019 in NRW bei 13,7 Prozent.

Inklusionsbetriebe von Corona hart getroffen

Dazu kommt die Sorge, dass viele Inklusionsbetriebe die Pandemie wirtschaftlich nicht überleben: Mehr als die Hälfte der rund 650 gemeinnützigen Firmen deutschlandweit ist in Branchen angesiedelt, die von den Corona-Beschränkungen betroffen sind, vor allem in der Gastronomie.

Hoffnungen setzt die "Aktion Mensch" auf die Digitalisierung: Gerade Menschen mit körperlichen Behinderungen könnten von der Möglichkeit zum Home Office profitieren. Auch Johannes Grasser sieht diese Chancen. Ihm ist aber wichtig, dass Menschen mit Behinderung damit nicht abgeschoben werden: "Home Office kann nur funktionieren, wenn es auch persönliche Begegnungen gibt, damit der Arbeitgeber weiß, welches Potenzial seine Mitarbeiter haben."

Stand: 01.12.2020, 08:49

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