Mediziner kritisieren Corona-Politik: "Komplett falsche Signale gesetzt"

Stand: 13.11.2021, 19:08 Uhr

35 Wissenschaftler und Mediziner haben in einem Aufruf an die Politik appelliert, klare Corona-Maßnahmen zu ergreifen. Einer der Initiatoren, der Kölner Klinikchef Michael Hallek, erklärt warum.

Gerade hat die Corona-Inzidenz in Deutschland einen neuen Höchstwert erreicht, da schlagen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Alarm. Drei Seiten lang ist der öffentliche Brief, den 35 namhafte Fachleute, Medizinerinnen und Mediziner unterschrieben haben. Die Tonlage in dem Appell, der auch dem WDR vorliegt, ist alarmierend, verärgert bis fassungslos.

Der Kölner Internist Michael Hallek von der Uniklinik Köln sagte zur Motivation des Aufrufs am Samstagabend in der Aktuellen Stunde: "Der Anlass ist die Geschwindigkeit der Pandemie. Es ist ja alles schon mal dagewesen, nur schneller. Die Politik hat die komplett falschen Signale gesendet. Das hat dazu geführt, dass die Menschen weniger vorsichtig werden."

Niedrige Impfquote, hohe Infektionszahlen

Zur Zeit wüte die Pandemie am stärksten in Regionen mit geringem Impfschutz, da sei auch die Gefährdung der Intensivpatienten am stärksten. Hallek: "Die Politik muss jetzt einheitlich mit den Bürgern kommunizieren." Sein Katalog an dringenden Maßnahmen: "Klare Kommunikation, so schnell wie möglich die Impflücke schließen, notfalls auch mit mildem Zwang. Man kann mit Regeln wie 2G, wenn sie klar durchgesetzt werden, natürlich dafür sorgen, dass die Menschen sich impfen lassen."

In dem Appell der Wissenschaftler und Mediziner wird vor allem das "passive Abwarten" der Regierungen von Bund und Ländern kritisiert. Zahlreiche Empfehlungen der Wissenschaft seien nicht umgesetzt worden.

"Jeder Tag kostet Menschenleben"

"Jeder Tag des Abwartens kostet Menschenleben", heißt es in dem Text unter Federführung von Hallek und der Braunschweiger Virologin Melanie Brinkmann. "Schon jetzt sterben in unserem Land 700 Menschen pro Woche - Tendenz steigend."

In ihrem Aufruf fordern die Forscherinnen und Forscher auch die Einrichtung eines nationalen Krisenstabs mit Fachleuten aus Virologie, Medizin und Gesundheit, aber auch Praktikern mit Leitungserfahrung, etwa aus Kliniken oder Unternehmen. Und sie sagen, was sie keinesfalls wollen: "Für nicht zielführend halten wir es hingegen, nicht sachlich begründete Zeitpunkte als Ende der Pandemie zu benennen."

Intensivbetten wieder belegt

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind nicht die einzigen, die öffentlich ein Umsteuern in der Corona-Politik fordern. Auch andere Intensivmediziner warnen: In einigen Bundesländern im Süden und Osten seien die Kapazitäten auf den Intensiv-Stationen nahezu ausgeschöpft.

Laut einer Umfrage der Deutschen Presse-Agentur müssen Patientinnen und Patienten regelmäßig in andere Städte verlegt werden. Der Präsident der Intensivmediziner-Vereinigung DIVI, Gernot Marx, spricht in der Neuen Osnabrücker Zeitung von einer echten "Notsituation". Er fordert härtere Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie.

Söder für Impfpflicht einzelner Berufsgruppen

Und die Politik? Während die Niederlande die Corona-Notbremse ziehen und wieder beim Teil-Lockdown sind, Frankreich jetzt schon die Einreisebedingungen für Ungeimpfte verschärft und sich in Österreich eine breite Zustimmung zu weitreichenden Einschränkungen für Ungeimpfte abzeichnet, ist die Politik hierzulande zurückhaltend. Bislang wird allenfalls der Ton rauer, doch es bleibt vor allem bei Mahnungen, Warnungen, Forderungen und Ankündigungen.

So hat sich Wirtschaftsminister Peter Altmaier dafür ausgesprochen, dass Arbeitgeber den Impfstatus ihrer Mitarbeiter abfragen dürfen und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder sähe am liebsten eine Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen. Das wäre ein wichtiges Signal für besonders gefährdete Gruppen, so Söder in den "Nürnberger Nachrichten". Beschlossen ist aber noch nichts.

3G am Arbeitsplatz

Die möglichen Ampel-Koalitionäre haben sich für eine 3G Regel am Arbeitsplatz ausgesprochen. Das bedeutet: Den Arbeitsplatz aufsuchen darf künftig nur, wer geimpft oder genesen ist oder einen tagesaktuellen negativen Corona-Test vorweist. Wesentliche rechtliche Fragen allerdings sind noch ungelöst. Mit Blick auf 3G am Arbeitsplatz will Arbeitsminister Hubertus Heil erst einmal mit Arbeitgebern und Gewerkschaften ins Gespräch kommen.

Lockdown für Ungeimpfte?

Apropos Ampel: Einer, der dort gehörig mitmischt, ist FDP-Chef Christian Lindner. Der verteidigte gestern Abend in den ARD-Tagesthemen das geplante Ende der epidemischen Notlage.

Der Vorsitzende der FDP, Christian Lindner, gibt in Berlin ein Statement ab

FDP-Chef Christian Lindner

Auch auf Twitter schrieb der Politiker vor wenigen Tagen: "Wir schaffen einen effektiveren, rechtssicheren Maßnahmenkatalog. Potenziell verfassungswidrige Maßnahmen aus dem alten Katalog wie Ausgangssperren entfallen."

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Im Gespräch mit den Tagesthemen sprach sich Lindner gestern gegen einen pauschalen Lockdown mit Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen für Geimpfte aus. Sein Argument: Es gebe wissenschaftliche Untersuchungen über die tatsächliche Wirksamkeit.

Nachdem es bei Twitter viel Kritik an dieser Aussage gegeben hatte, ruderte Lindner heute zurück. Er zweifele an der "Verhältnismäßigkeit von Ausgangssperren", nicht an deren Wirksamkeit. Es müsse schneller geboostert und Geimpfte öfter getestet werden.

Patientschützer fordern tägliche Testpflicht

Der Vorstand der Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, kritisiert die Ankündigungen der Ampel-Parteien zur Bekämpfung der Pandemie als unzureichend. SPD, Grüne und FDP würden die 900.000 Pflegeheimbewohner und eine Million zu Hause professionell versorgten Menschen nicht genug schützen, sagt Brysch dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.

Eugen Brysch, Vorsitzender der Deutschen Stiftung Patientenschutz

Patientenschützer Eugen Brysch

"Dafür braucht es unabhängig vom Impfstatus eine tägliche Testpflicht für Personal, Besucher und Pflegebedürftige. Denn auch Geimpfte können das Virus weitergeben." Impfen schütze vornehmlich einen selbst, Testen vornehmlich andere.

Klinik-Jobs nur für Geimpfte

Wenn die Politik zögert, greifen andere schon mal auf eigene Faust durch. So will die Essener Uniklinik bei der Einstellung von neuem Personal bald nur noch Kandidaten berücksichtigen, die gegen das Coronavirus geimpft sind.

Es gehe bei der Maßnahme vor allem um den Schutz der Patienten, die nicht mit Corona infiziert seien, sagte der ärztliche Direktor Jochen Werner,der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung. Diese Vorgabe gelte nach einer kurzen Übergangszeit für alle Bereiche des Hauses. Die Universitätsklinik Essen zählt zu den größten Corona-Behandlungszentren bundesweit.

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