Gefährden Hör-Implantate die Gehörlosenkultur?

Schülerin mit Hörprothese

Gefährden Hör-Implantate die Gehörlosenkultur?

Von Jörn Kießler

  • Diskussion um Cochlea-Implantate nach WDR-Beitrag
  • Verband befürchtet Verlust der Gehörlosenkultur
  • Elternverband will mehr Förderung bei Gebärdensprache

Mehr als 30.000 gehörlose Menschen in Deutschland tragen ein Cochlea-Implantat (CI). Mit einer Elektrode, die ins Innenohr eingesetzt wird, ermöglicht das Gerät, dass diese Menschen wieder hören können. Werden die Implantate früh genug eingesetzt, können Kinder sprechen lernen, wie Menschen, die nicht gehörlos geboren wurden.

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Auf den ersten Blick birgt ein Implantat nur Vorteile. Trotzdem haben sich in den sozialen Medien viele Kritiker zu Wort gemeldet, nachdem der WDR in der vergangenen Woche über einen solchen Fall berichtete.

Sie weisen auf mögliche Gefahren der Operation hin. Dazu können unter anderem gehören: Schwindel, Tinnitus, Hirnhautentzündung, Hirnwasseraustritt und Gesichtsnervenschädigung.

Die Ärzte würden die Patienten oder deren Eltern zudem nicht ausreichend über die Risiken aufklären.

Aufklärung vor der Operation

Illustration des eingesetzten Cochlea-Implantats am Ohr.

Die OP zum Einsetzen des Implantats ist auch mit Risiken verbunden

Dem widerspricht Prof. Thomas Klenzner, Leiter des Hörzentrums an der Uniklinik Düsseldorf. "Es gibt ausführliche Aufklärungsgespräche vor einer CI-Versorgung", sagt der Mediziner. Zudem werde "in der hörpädagogischen Aufklärung den interessierten Eltern sowohl ein Weg mit, als auch ein möglicher Weg ohne CI-Versorgung des Kindes sachlich erläutert", so Klenzner.

In diesem Punkt ist Wiebke Lüllmann vom Bundeselternverband gehörloser Kinder anderer Meinung. "Ich denke, dass im Stress des Krankenhaus-Alltags oft der nicht-medizinische Teil zu kurz kommt", sagt sie.

Cochlea Implantat: Hören ist harte Arbeit

zzz_WDR 5 Leonardo - Hintergrund (inaktiv) 17.03.2017 10:41 Min. Verfügbar bis 16.03.2022 WDR 5

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Verlust der Gehörlosenkultur

Ein anderes Argument gegen das Implantat hat der Landesverband der Gehörlosen und Gebärdensprachgemeinschaft NRW. Der Verband befürchtet, dass die Gebärdensprache nach Einsetzen des Implantats vernachlässigt werden könnte.

"Ist die Förderung der CI bei früh hörgeschädigten Menschen, vor allem im Kindesalter, zu einseitig, geht die Gehörlosenkultur verloren", sagt eine Verbandsprecherin. "Viele CI-Träger haben im Erwachsenenalter mit starken Identitätskrisen, physischer Erschöpfung und gesellschaftlicher Isolation zu kämpfen."

Förderung der Gebärdensprache

Auch Lüllmann vom Bundeselternverband hält es für wichtig, dass CI-Träger die Gebärdensprache lernen. "Das Problem ist, dass das oft nicht gefördert wird", sagt sie. Ärzte und Behörden sähen meist nur die medizinische Lösung und unterstützten das Hören und Sprechen mit Hilfe des CI.

"Immer mehr Eltern gehörloser Kinder, auch mit CI, wollen auch die Gebärdensprache lernen", sagt Lüllmann. Doch es gebe kaum Möglichkeiten. "Wenn die Regierung das stärker fördern und sich die Gehörlosenvereine mehr öffnen würden, wäre damit allen geholfen."

Gebärdensprache für Lasse Hier und heute 13.02.2019 12:51 Min. UT Verfügbar bis 13.02.2020 WDR Von Yvonne Reterwerth-Ganns

Stand: 13.04.2019, 06:30

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