Wie kriminelle Clans ticken und zu Geld kommen

Symbolbild: Polizisten stehen bei einer Razzia gegen Clan-Kriminalität in einem Lokal in Essen

Wie kriminelle Clans ticken und zu Geld kommen

Von Frank Menke

NRW geht seit einigen Jahren gezielt gegen kriminelle Clans vor - doch wie sie sich finanzieren und organisieren, wird erst jetzt mit der Festnahme eines Leverkusener Clanchefs deutlich.

Die von NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) propagierte "Politik der 1.000 Nadelstiche" gegen Clankriminalität zeigt offenbar Wirkung. Am Dienstag holten die Ermittlungsbehörden bei einer Groß-Razzia in 15 Städten zum Schlag gegen einen Clan aus, dessen Oberhaupt mit seiner Familie in einer Villa in Leverkusen residierte, zugleich aber Sozialleistungen kassierte.

Um welchen Clan handelt es sich im Leverkusener Fall genau?

Die Ermittler sprechen nur von "Familie E". Laut Medienberichten handelt es sich dabei um den El-Zain-Clan (auch Al-Zein oder Al-Zayn geschrieben), eine aus Südostanatolien stammende und über den Libanon nach Europa gekommene Großfamilie der arabischen Volksgruppe der Mhallami.

Bekanntestes Oberhaupt ist Mahmoud Al-Zein aus Berlin. Er reiste Ende Januar dieses Jahres in die Türkei aus, um seiner drohenden Abschiebung zuvorzukommen. Gegen diese hatte er sich mehr als drei Jahrzehnte mit Unterstützung von Anwälten gewehrt. Unter dem Titel "Der Pate von Berlin. Mein Weg, meine Familie, meine Regeln" veröffentlichte er im vergangenen Jahr seine Memoiren, die für Wirbel sorgten.

Der Abteilungsleiter im Landeskriminalamt für organisierte Kriminalität, Thomas Jungbluth, spricht vom "Leverkusener Zweig dieser Familie". Laut Julius Sterzel von der Staatsanwaltschaft Düsseldorf handelt es sich um ein "familiengeführtes Unternehmen, das arbeitsteilig strukturiert war und das Ziel der Gewinnmaximierung verfolgt hat".

Laut Ermittlungsbehörden gingen auf das Konto der Leverkusener "Unterfamilie" 441 Straftaten allein im Jahr 2019. Dabei sind die Personalien von 227 Tatverdächtigen festgestellt worden. Wie groß solche Familien tatsächlich sind, sei sehr schwer zu bestimmen, da sich Schreibweisen der Namen ändern und viele Mitglieder über gleiche oder ähnliche Namen verfügen, erläutern die Ermittler.

Pressekonferenz des LKA zur Razzia gegen Clan-Kriminalität in NRW WDR aktuell 08.06.2021 49:22 Min. Verfügbar bis 08.06.2022 WDR

Wie betrachten kriminelle Clans den deutschen Staat?

Der Politik- und Islamwissenschaftler Ralph Ghadban beschreibt in seinem Buch "Arabische Clans: Die unterschätzte Gefahr", welches Verhältnis diese Großfamilien zum deutschen Staat haben. Demnach lehnen kriminelle Clans unsere Rechtsordnung ab, verachten den Staat und betrachten unser Gemeinwesen als Beutegesellschaft.

Somit habe sich die ursprüngliche Funktion der Clans, nachdem sie nach Deutschland kamen, grundlegend verändert: "Im Orient dient die Clansolidarität dem Schutz der Gruppe vor allem gegen Zugriffe des Staates, der oft ausbeuterisch auftritt und fast keine Gegenleistung im Bereich der sozialen Fürsorge anbietet. So ist der Einzelne auf die Unterstützung seiner Großfamilie angewiesen."

Welcher kriminellen Mittel bedienen sich die Clans?

Dazu gehören die klassischen Delikte organisierter Kriminalität. Im aktuellen Leverkusener Fall reicht die Bandbreite laut Ermittlern vom Verdacht des Sozialleistungsbetrugs über den der Schutzgelderpressung, der Geldwäsche und Körperverletzung bis hin von Rauschgiftgeschäften. Auch mit Diebstahl und Tötungsdelikten werden Clans in Verbindung gebracht.

Bilden Clans eine Parallelgesellschaft?

Ja, mit eigener Rechtssprechung. "Es gilt nicht das Recht des Staates, sondern der Clanfamilie", sagten die Düsseldorfer Ermittler dazu. Das 46-jährige Oberhaupt der Leverkusener Familie fungiert demnach auch als Friedensrichter, als Schlichter. Das heißt, dass er bei Streitigkeiten innerhalb und außerhalb der weitverzweigten Familie Sanktionen ausspricht, an die sich alle halten müssen. Anders ausgedrückt: Das Wort des Friedensrichters ist Gesetz.

Polizistin Heike Schultz im Interview

WDR Studios NRW 09.06.2021 03:48 Min. Verfügbar bis 16.06.2021 WDR Online


Warum ist es so schwer, in die Clan-Strukturen einzudringen?

Laut Ermittlern ist der enge Zusammenhalt der Familie das entscheidende Kriterium. Innerhalb der Großfamilien bewegt sich im Prinzip niemand, der nicht in irgendeiner Form in einem verwandtschaftlichen Verhältnis zu den anderen Mitgliedern steht. Das macht es für die Ermittlungsbehörden ähnlich wie bei Mafia-Organisationen geradezu unmöglich, in die Clan-Strukturen einzudringen, beispielsweise durch V-Männer.

Clanmitglieder müssten zudem mit drastischen Maßnahmen rechnen, wenn sie sich an die deutschen Behörden wenden würden. Auch externe Personen, die Opfer von Clankriminalität werden, trauen sich kaum, zur Polizei zu gehen. Wie schwierig das ist, zeigte der prominente Fall des Rappers Bushido, als er sich von den Fesseln des Abou-Chaker-Clans befreite.

Stand: 08.06.2021, 19:07

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