Reitturnier CHIO: Wo endet Tierliebe und beginnt Tierquälerei?

Reitturnier CHIO: Wo endet Tierliebe und beginnt Tierquälerei?

Von Lucie Jäckels

Die Weltelite des Pferdereitsports ist wieder zu Gast in Aachen beim CHIO. Seit den Ereignissen bei Olympia steht der Sport verstärkt in der öffentlichen Kritik. Ruhm und Profit auf Kosten der Pferde lautet der Vorwurf.

"Hau richtig drauf", ruft Trainerin Kim Raisner der deutschen Fünfkämpferin Annika Schleu zu. Es ist Anfang August und Schleu kämpft gerade beim Springreiten um ihre Olympia-Goldmedaille.

Annika Schleu auf dem Pferd Saint Boy während dem Modernen Fünfkampf der Frauen bei den Olympischen Spielen in Tokyo

Fünfkämpferin Annika Schleu auf Saint Boy

Ihr Pferd verweigert immer wieder den Sprung, ist sichtlich gestresst, reißt Augen und Maul auf. Die Fünfkämpferin ist überfordert, schlägt auf ihr Pferd ein und treibt es minutenlang weiter an.

Einzelfälle oder ein kaputtes System?

Es ist eine verfahrene Debatte: Sind es nur Einzelfälle, bei denen Reiter:innen mit ihren sportlichen Ambitionen die Gesundheit der Pferde gefährden? Oder gibt es ein System im Reitsport, das Tierquälerei begünstigt?

Die Aussteigerin: Pferde sind moderne Sklaven

Larissa Hartkopf

Larissa Hartkopf (ehemalige Turnierreiterin)

Larissa Hartkopf war selbst viele Jahre Turnierreiterin. Heute reitet sie gar nicht mehr, ist aus der Reitsport-Szene ausgestiegen. Sie sagt, bei ihrer Ausbildung zur Pferdewirtin habe sie zu viel Gewalt an den Pferden miterlebt: "Ich bin der Ansicht, dass Pferde die modernen Sklaven unserer Gesellschaft sind, dass Pferde dem menschlichen Ego dienen müssen, um sportliche Erfolge zu erzielen."

Für Hartkopf ist Turnierreiten ein brutales und profitorientiertes System, bei dem die Mehrheit der Reiter:innen und Trainer:innen mitmache. Aufforderungen, die Pferde zu schlagen wie im Fünfkampf bei Olympia, gehörten im Reitsport zum Alltag: "Das schlimmste findet Zuhause statt. Im Training, wo keiner dabei ist, sagen die Trainer sowas ständig."

Zwischen Pferdeliebe und Tierquälerei

WDR 5 Sport inside – der Podcast: kritisch, konstruktiv, inklusiv 04.09.2021 01:09:31 Std. Verfügbar bis 29.08.2041 WDR 5


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CHIO zuletzt 2018 wegen Rollkur bei Dressur in Kritik

Der CHIO stand zuletzt 2018 in der Kritik, weil einige Dressurreiter:innen ihre Pferde in eine schmerzhafte Kopf-Nacken-Haltung zwangen. Ein WDR-Fernsehteam von Quarks konnte viele Fälle dieser sogenannten Rollkur aufnehmen, bei der der Pferdekopf mit Hilfe der Zügel in Richtung Brust gezogen wird.

Erst seit letztem Jahr ist die Rollkur offiziell eine tierschutzwidrige Methode. 2018 gab es noch einen Shitstorm. Damals wurden Bilder von Pferden mit aufgesperrten Mäulern und sichtbaren Zähnen gepostet.

Turnierleiter für Kontrollen und Dialog mit Tierschützer:innen

Frank Kempermann, CHIO Aachen

Frank Kempermann, CHIO Aachen

Für CHIO-Turnierleiter Frank Kemperman sind tierrechtswidrige Verstöße im Profi-Reitsport Einzelfälle. Er verweist auf durchgängige Kontrollen während des gesamten Turniers: "Es gibt ab und zu mal einen Fall und dann wird auch reagiert. Die Person wird erwischt und bestraft."

Kemperman möchte einen offenen Dialog mit Tierschützer:innen, aber eben keine pauschale Vorverurteilung des Pferdesports als Tierquälerei: "Ich bin der Meinung, dass ein Sportpferd im Großen und Ganzen gut gepflegt wird, es ihm 100 Prozent gut geht und dass die Pferde es auch gerne machen."

Reitlehrerin geht einen anderen Weg: Natural Horsemanship

Mira Semelka mit einem Pferd

Mira Semelka, Reitlehrerin Dorsten

Mira Semelka ist Reitlehrerin in Dorsten. Sie möchte sich selbst und ihre Pferde nicht dem Stress und den Bedingungen des klassischen Turniersports aussetzen: "Das Pferd als Sportgerät an einem bestimmten Zeitpunkt zu einer Leistung zu bringen, das setzt einen unter Druck. Das können die meisten nicht von sich weisen. Das kenne ich auch noch von mir." Früher war Semelka Teil des klassischen Reitsports. Heute geht sie einen anderen Weg. Sie verzichtet zum Beispiel auf Sporen, Hilfszügel und starre Zügelführung.

Appell an die Reitgemeinschaft

Mira Semelka appelliert an die Reitgemeinschaft: "Ich würde mir wünschen, dass sich die Leute sehr viel mehr hinterfragen, sehr viel mehr hinterfragen, was auch die Trainer tun und sich selber einfach viel mehr Wissen aneignen."

Bei einem sind sich Aussteigerin Hartkopf, Turnierleiter Kemperman und Reitlehrerin Semelka einig: Tierliebe, die unbewusst oder aus Leistungsdruck zu Tierquälerei wird – das will keine Reiterin und kein Reiter.

Stand: 14.09.2021, 17:41

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