Wohnen neben der Chemiefabrik: Warum ist das erlaubt?

Gelände des Chemparks in Dormagen

Wohnen neben der Chemiefabrik: Warum ist das erlaubt?

Im Chempark in Leverkusen hat es am Dienstagmorgen eine schwere Explosion gegeben. Die Rauchwolken zogen direkt über die nahen Wohngebiete. Warum wir in NRW so nah neben der Chemie wohnen.

Dunkle Rauchwolken zogen am Dienstag von Leverkusen aus über das Bergische Land bis nach Dortmund: Im Entsorgungszentrum des Unternehmens Currenta war ein Tanklager mit chlorierten Lösungsmitteln in Brand geraten. Spielplätze in der Nähe wurden jetzt als Vorsichtsmaßnahme geschlossen, Obst und Gemüse aus dem Garten sollen abgewaschen werden.

Eine Rauchwolke steigt über dem Chemiepark auf. Einsatzkräfte der Werkfeuerwehr sind im Einsatz.

Nicht nur in Leverkusen wohnen viele Menschen nah an Chemiefabriken, in ganz NRW gibt es noch acht ähnliche Anlagen. Mehrere davon liegen nah an Wohngebieten, den Chemiepark Knapsack in Hürth etwa trennen nur wenige hundert Meter von Wohngebieten.

Eine Karte von NRW, darin markiert die 8 Standorte der chemischen Industrieanlagen in Marl, Bergkamen, Krefeld, Düsseldorf, Dormagen, Leverkusen, Hürth und Heinsberg.

"Wir haben in NRW einen Schwerpunkt der Industrie, circa ein Drittel der deutschen Chemieunternehmen ist in NRW ansässig," erklärt Hans-Jürgen Mittelstaedt, NRW-Geschäftsführer des Verbands der Chemischen Industrie (VCI).

Viola Wohlgemut von Greenpeace kritisiert, dass die Chemie-Anlagen so dicht an Wohnhäusern stehen: "Müllverbrennungsanlagen, Chemieparks, das alles wird nie sicher sein. Ich frage mich langsam wirklich, warum haben wir Abstandsregeln für Windparks, aber so ein Chemiepark kann direkt an einer Millionenmetropole sein. Das muss sich ändern."

VCI-Geschäftsführer Mittelstaedt hat eine Erklärung dafür, warum viele Chemieparks so nah an Wohnhäusern stehen: "Die Chemieparks sind historisch an den Wasserstraßen gewachsen und um die Standorte herum haben sich dann die Städte entwickelt, denn die Mitarbeiter wollten nah an ihrer Arbeit wohnen." Aber auch andere Faktoren spielen eine Rolle: Der Chemiepark Knapsack in Hürth entstand dort wegen der Nähe zu einem Braunkohlegebiet, das preiswert Energie liefert.

Tatsächlich wurden viele Chemieparks auf dem Gelände früherer Fabriken gebaut, dort standen damals schon Arbeiterhäuser. Heutzutage kann man nicht mehr so nah an Chemieparks bauen, so Chemie-Lobbyist Mittelstaedt: "Unser Umweltrecht wird immer schärfer, die Lärmobergrenzen etwa sind mittlerweile sehr scharf."

Bis zur Explosion mit mehreren Toten in Leverkusen war die Zahl der Chemieunfälle in NRW in den vergangenen Jahren gesunken. 2019 wurden insgesamt fünf Störfälle registriert, verletzt wurde niemand. Tote bei einem Störfall gab es vor der Explosion in Leverkusen zuletzt 2012 im Chemiepark Marl. Damals waren bei einer Explosion in der Kunststoffproduktion zwei Arbeiter ums Leben gekommen.

Stand: 28.07.2021, 18:27

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