Benjamin List: Der Nobelpreisträger, der den Tsunami überlebte

Nobelpreisträger Benjamin List im exklusiven Interview WDR extra 06.10.2021 04:45 Min. Verfügbar bis 06.10.2022 WDR

Benjamin List: Der Nobelpreisträger, der den Tsunami überlebte

Von Frank Menke

Der Mülheimer Chemie-Nobelpreisträger Benjamin List weiß aus traumatischer Erfahrung, dass Erfolg nicht alles im Leben ist. Zur Wissenschaft kam er durch ein Missverständnis, sagte er im exklusiven WDR-Interview.

Als Wissenschaftler zum Anfassen präsentierte sich der Mülheimer Chemie-Nobelpreisträger Benjamin List am Mittwochabend nach seinem großen Coup bei einer Pressekonferenz. Gönnte sich erst einmal ein Schlückchen Champagner, bevor er sagte: "Der ganze Tag war ein einziges Wunder. Eine Riesenüberraschung, mit der ich nicht gerechnet habe."

Chemie-Nobelpreisträger Benjamin Listmit seiner Frau in einem Amsterdamer Café

Benjamin List mit Frau Sabine im Amsterdamer Café

Im Beisein seiner Frau hatte der Direktor am Max-Planck-Institut für Kohlenforschung in Mülheim an der Ruhr am Morgen in einem Amsterdamer Café davon erfahren, dass ihm der mit zehn Millionen Kronen (rund 980.000 Euro) dotierte Nobelpreis am 10. Dezember überreicht wird.

"Ich guckte meine Frau an, wir lächelten uns ironisch an - 'haha, das ist der Anruf.' Als Witz. Aber dann war es wirklich der Anruf." Chemie-Nobelpreisträger Benjamin List

"Die haben auf meinem Handy angerufen", sagte der Wissenschaftler. "Als wir gerade bestellen wollten, sah ich auf dem Display so 'Schweden'. Ich guckte meine Frau an, wir lächelten uns ironisch an - 'haha, das ist der Anruf.' Als Witz. Aber dann war es wirklich der Anruf. Es war echt unglaublich. Ein unglaublicher Moment." Auch für seine Doktoranden, die begeistert via Twitter applaudierten.

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Er habe wirklich nicht damit gerechnet, sonst wäre er ja auch kaum nach Amsterdam gefahren. Seine Frau und er waren für eine Übernachtung da, weil sie sich am Dienstagabend im Concertgebouw die 5. Sinfonie von Gustav Mahler angehört hatten. "Nobelpreisträger Benjamin List. Wenn ich das höre, klingt das immer noch wie ein Traum für mich", sagte er am Abend im exklusiven Interview in der "Aktuellen Stunde".

Ein Molekül entfernt von Magie

Die Forschung zur Entwicklung neuer organischer Katalysatoren, für die er mit seinem Kollegen David MacMillan ausgezeichnet wird, hat unter anderem zur Entwicklung neuer Medikamente geführt, so zu einem HIV-Medikament.

"Das ist irgendwie etwas erzeugen aus dem Nichts." Chemie-Nobelpreisträger Benjamin List
Benjamin List freut sich über den Chemie-Nobelpreis

Riesige Freude bei Lists Empfang in Mülheim

Auf die Frage, wie man an der Theke erklären könne, an was er eigentlich genau forsche, sagte er: "Katalysatoren sind extrem wichtig als Technologie, erwirtschaften ein Drittel des Weltbruttosozialprodukts. Es ist ein Molekül entfernt von Magie. Das ist das, was Katalyse ist. Das ist irgendwie etwas erzeugen aus dem Nichts."

Voller Anerkennung sprach List von seinem "Konkurrenten" MacMillan: "Wir wussten nicht voneinander, dass wir an einem ähnlichen Thema arbeiten. Da sind wir beide aus den Wolken gefallen, weil wir nicht geglaubt haben, dass ein einziger Mensch auf dieser Welt daran arbeitet."

An einen Streich geglaubt

In den ersten Jahren habe eine gewisse Konkurrenz zwischen beiden bestanden, es habe auch mal Reibereien gegeben, "aber immer getragen von Respekt und Wohlwollen". Wie er selbst habe auch MacMillan erst an einen "Prank", an einen Streich geglaubt, als er die Nachricht vom Nobelpreis erhielt.

List ist nicht der Typ zerstreuter Professor, dem das Leben abseits seines Forschungsgebiets fremd ist. Er spielt Tennis, schätzt guten Wein, entspannt sich mit Yoga und kann auch einen Handstand machen.

Trauma in Thailand

Dass er mitten im Leben steht, hat wohl auch mit einem traumatischen Ereignis zu tun. Weihnachten 2004 erlebte er mit seiner Frau und seinen damals fünf und drei Jahre alten Söhnen in Thailand den Tsunami. Sie saßen gerade am Pool, als die Riesenwelle kam. Die Familie wurde auseinandergerissen, der Fünfjährige schwer verletzt. Den jüngeren Sohn fanden sie erst spät am Abend in einem 100 Kilometer entfernten Krankenhaus wieder.

"Was ich vor allem daraus mitgenommen habe, war dieses Gefühl zu wissen, worauf es wirklich ankommt im Leben." Chemie-Nobelpreisträger Benjamin List zum Tsunami 2004

Sie seien damals "unglaublich dankbar und glücklich" gewesen, einfach nur überlebt zu haben, erzählte List im Juni in einem Podcast. "Was ich vor allem daraus mitgenommen habe, war dieses Gefühl zu wissen, worauf es wirklich ankommt im Leben. Und dass es eben nicht so wichtig ist, ob der Kollege A mich jetzt zitiert hat in seiner Arbeit oder welche Preise ich bekomme, sondern es ist eigentlich einfach, dass man gesund ist und dass die Familie da ist und es allen gut geht. Das ist eigentlich so, so, so viel wichtiger."

Als Schüler mit Schwarzpulver experimentiert

List war schon als Schüler ein Forschergeist mit eigenem Chemielabor, in dem er mit Schwarzpulver experimentierte: "Das war eigentlich komplett illegal wahrscheinlich, was ich da gemacht habe und ich bin froh, dass nichts Schwerwiegenderes passiert ist", sagte er in der "Aktuellen Stunde".

In gewisser Weise hatte er das Forscher-Gen wohl im Blut. Sein Ururgroßvater war Jacob Volhard, ein Schüler des Chemie-Pioniers Justus von Liebig. Seine Tante Christiane Nüsslein-Volhard, Entwicklungsbiologin und Max-Planck-Kollegin, erhielt 1995 ebenfalls den Nobelpreis.

Mit den Brüdern im antiautoritären Kindergarten

List wurde 1968 in Frankfurt geboren und wuchs in einer großbürgerlichen Familie auf. Als er drei Jahre alt war, ließen die Eltern sich scheiden. Er und seine beiden Brüder gingen in einen antiautoritären Kindergarten. Dem WDR sagte er, seine Mutter und sein Umfeld hätten ihnen vermittelt, "ihr könnt alles erreichen in eurem Leben": "Ich versuche auch, das meinen Kindern zu vermitteln. Es ist eher das Vertrauen, dass sich in Selbstvertrauen umwandelt, als die Gene."

Seine Leidenschaft für die Chemie sei aus einem Missverständnis entstanden: "Ich dachte mit elf, Chemiker verstehen die Welt. Die verstehen, woraus Materie ist, woraus der Mensch ist, was in der Zukunft passiert, was uns alle antreibt - im Prinzip alle großen Fragen. Ich habe dann aber gemerkt, dass Chemie die Antworten nicht liefert, aber da war ich leider schon angefixt", so List im WDR.

Familie als Katalysator

Benjamin List (r), Chemie-Nobelpreisträger 2021 und Direktor am MPI für Kohlenforschung, steht mit seinem Sohn Paul und seiner Frau Sabine

List mit Frau Sabine und Sohn Paul bei der Pressekonferenz

Eine Schlüsselrolle für seine Arbeit spielt seine Familie. Als er im Mai 1999 heiratete, habe er gedacht, er müsse jetzt irgendetwas Wichtiges entdecken: "Meine Frau hat alles mitbekommen von Tag eins." Für seine Arbeit sei die "Familie auf jeden Fall ein Katalysator" gewesen.

Kurios ist, dass er von seiner Forschung zunächst überhaupt nicht überzeugt war: "Wenn Sie etwas machen, was niemand anderes auf der Welt macht, dann ist es entweder eine richtig dumme Idee oder revolutionär. Ich hatte das Glück, dass es Letzteres war."

Der Wissenschaftler Benjamin List

Benjamin List ist seit 2005 Direktor am Max-Planck-Institut für Kohlenforschung in Mülheim an der Ruhr. Den Chemie-Nobelpreis erhalten er und sein Kollege David MacMillan für das System der Organokatalyse, das die beiden unabhängig voneinander Anfang des Jahrtausends entwickelt hatten. Das Prinzip wird unter anderem für die Erforschung neuer Arzneimittel eingesetzt, kann aber auch in Solarzellen und zur Wasseraufbereitung verwendet werden.

List und MacMillan hätten ein "geniales Werkzeug" entwickelt und damit dazu beigetragen, die Chemie umweltfreundlicher zu machen, heißt es in einer Mitteilung des Nobelpreiskomitees. Laut der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina hätten diese den Vorteil, dass sie ohne teure Metallverbindungen auskämen, die oft gesundheits- und umweltschädlich seien.

Der 53-jährige List gilt als einer der weltweiten Experten auf seinem Gebiet. Er erhielt mehrere Auszeichungen, unter anderem 2016 den Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis, der als wichtigster deutscher Forschungsförderpreis gilt. List gibt auch die wissenschaftliche Zeitschrift" Synlett" heraus, die sich mit synthetischer organischer Chemie beschäftigt.

Stand: 06.10.2021, 21:21

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