Nazi-Affäre der AfD: NRW-Landesvize zitierte "Führer" und prahlte mit Kontakten in Dortmunder Neonazi-Szene

Chat des AfD-Politikers Matthias Helferich, heute Vize-Landesvorsitzender der AfD NRW

Nazi-Affäre der AfD: NRW-Landesvize zitierte "Führer" und prahlte mit Kontakten in Dortmunder Neonazi-Szene

Von Cosima Gill und Wigbert Löer

Der AfD-Politiker Matthias Helferich steht unter Druck, am Montag soll er sich im Bundesvorstand zu Chat-Aussagen äußern. Dem WDR liegt nun eine Erklärung seines damaligen Chat-Partners vor – die Helferich nicht gefallen dürfte.

Es sind Vorwürfe, die auch Parteifreunde aufregen: Der stellvertretende AfD-Landesvorsitzende Matthias Helferich soll 2017 ein Foto von sich selbst im Facebook-Messenger eingestellt und darunter "das freundliche gesicht des ns" geschrieben haben. Die Abkürzung "ns" steht für Nationalsozialismus. Auf WDR-Anfrage bestritt Helferich nicht, dass die Chat-Einträge von ihm stammen, wollte das aber auch nicht bestätigen.

Neue Recherchen des WDR zeigen nun, mit wem Helferich damals kommunizierte. Der Parteifreund heißt Markus Mohr. Das geht aus einem Dokument hervor, das Mohr diese Woche an ein Mitglied des AfD-Bundesvorstands richtete und das dem WDR vorliegt. Die siebenseitige Erklärung kursiert bereits unter hochrangigen AfD-Politikern.

Mohr, 37, trat der AfD bereits 2013 bei und ist einer ihrer erfahrensten Kommunalpolitiker in Nordrhein-Westfalen. Seit 2014 sitzt er im Rat der Stadt Aachen. In der Affäre Helferich ist Mohr eine Art interner Ankläger und zugleich wichtiger Zeuge. In seiner Erklärung an den Bundesvorstand zitiert er einzelne Aussagen, die er Helferich zuschreibt und als Screenshot zeigt – und bezeichnet sie als "gerichtsfest dokumentiert". Er selbst, schreibt Mohr weiter, habe sich die "Gesinnungsäußerungen von Herrn Helferich nie zu eigen gemacht". Eine "Bagatellisierung" der Aussagen "als bloße Witzelei" lehne er ab.

Ein Funktionär sagt, die Causa Helferich könne die AfD "nachhaltig schädigen"

Der Dortmunder AfD-Politiker Matthias Helferich gilt als Shootingstar seiner Partei und belegt Platz sieben der Landeliste für die Bundestagswahl. Er hat sehr gute Chancen, die AfD ab Herbst in Berlin zu vertreten. Als der WDR vor zwei Wochen die Angelegenheit öffentlich machte, reagierte der zweite Vize-Vorsitzende der NRW-AfD, Michael Schild, tags drauf mit einer E-mail an die AfD-Bundesvorsitzenden Tino Chrupalla und Jörg Meuthen. Die Veröffentlichungen in Sachen Helferich hätten das Potential, die AfD in NRW - und damit die AfD insgesamt - "nachhaltig zu schädigen, wenn nicht sogar zu vernichten", schrieb Schild.

An diesem Montag, 26.07.2021, beschäftigt sich nun der Bundesvorstand der AfD mit der Affäre. Helferich soll dann auch selbst Stellung beziehen zu den Aussagen, die ihm von Mohr zugeschrieben werden, etwa dass er im Chat geäußert haben soll: "ich wollte den 'demokratischen Freisler' beim landeskongress geben". Der Richter Roland Freisler verantwortete als Vorsitzender des Volksgerichtshofs in der NS-Zeit tausende Todesurteile. 

Bürgerliches Image nur zum Schein

An einer anderen Stelle des Chats äußerte Mohr – so zeigen es die Screenshots in seiner Erklärung –, Helferich verkörpere ein "bürgerliches Image". Dem widersprach Helferich. "ne, ist ja nur schein", schrieb er. Helferich kündigte an, sein bürgerliches Image zu nutzen, um andere "anzugreifen". Dann nahm er Bezug auf den "Führer". Helferich wörtlich: "markus, der führer schreibt: ‚Jahrelang mussten mir den Frieden predigen, um den Krieg vorzubereiten‘". Als Führer ließ sich Adolf Hitler bezeichnen.

Zu der Feststellung, sein bürgerliches Image sei "nur schein", passt, dass Matthias Helferich in dem Chat laut Screenshots von seinen Kontakten in die rechtsextreme Szene im Dortmund Stadtteil Dorstfeld berichtete. Mit Blick auf ein Internet-Portal der Neonazis dort, das "Dortmunder Echo", äußerte Helferich demnach im Sommer 2017: "sie werden wohl, falls die npd in dortmund nicht antritt, dazu aufrufen mich zu wählen", und schrieb: "kenne die jungs ja aus dorstfeld"

"Die AfD lebt von Köpfen wie dir!", schreibt der Parteinachwuchs über Helferich

Der WDR schickte Helferich Fragen auch zu diesen Äußerungen. Helferich ließ sie unbeantwortet, kündigte aber an, nach der Sitzung des Bundesvorstands für Fragen zur Verfügung zu stehen. 

Zuletzt fand Matthias Helferich, der als enger Vertrauter des Landesvorsitzenden Rüdiger Lucassen gilt, in der NRW-AfD auch Unterstützer. Der Parteinachwuchs "Junge Alternative" bekannte sich zu Helferich und stellte öffentlich fest: "Die AfD lebt von Köpfen wie dir!". An anderer Stelle heißt es, der "kommunikative Gesamtzusammenhang" sei relevant, um damit "Ironie und Ernst, Galgenhumor und grobe Verfehlung voneinander unterscheiden zu können"

Er habe eine interne Klärung ermöglichen wollen, schreibt der frühere Chat-Partner

Der damalige Chat-Partner Markus Mohr ordnet den Gesamtzusammenhang in dem Dokument an den AfD-Bundesvorstanden ein. Helferichs Aussagen bezeichnet er als "auffallend deplatzierte Einsprengsel". Er schildert beispielhaft die Kontexte mehrerer Aussagen mit NS-Bezug und stellt fest, dass die vorgelegten Aussagen aus dem Zusammenhang "nicht satirisch oder humorvoll gedeutet werden können".

Mohr äußert zudem, dass er sich mit der Causa Helferich zuerst in persönlichen Gesprächen an den AfD-Vorsitzenden Chrupalla und das Bundesvorstandsmitglied Joana Cotor gewendet habe, dann auch schriftlich an Jörg Meuthen. Er habe "alles getan, um eine vertrauliche interne Klärung zu ermöglichen". Dem WDR gegenüber wollte er sich zu den Chat-Aussagen Matthias Helferichs nicht äußern.

Stand: 25.07.2021, 11:25

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