Exklusiv: Nazi-Affäre belastet AfD-Landesvize in NRW

Exklusiv: Nazi-Affäre belastet AfD-Landesvize in NRW

Von Cosima Gill und Wigbert Löer

Recherchen des WDR belasten den Vize-Chef der AfD in Nordrhein-Westfalen. Mal wollte Matthias Helferich in einem Chat den "demokratischen Freisler" geben, mal schrieb er unter ein Foto von sich selbst: "das freundliche gesicht des ns". NS ist die Abkürzung für Nationalsozialismus.

Vergangenen Montagabend kam der AfD-Landesvorstand Nordrhein-Westfalen per Telefonschalte zu einer Sitzung zusammen. Der Vorsitzende Rüdiger Lucassen hatte den Termin kurzfristig einberufen. Nun berichtete er seinen Kollegen, dass er ein Schriftstück mit Chat-Aussagen seines Stellvertreters Matthias Helferich erhalten habe.

Helferich gilt als Lucassens Vertrauter und als Shootingstar im größten Landesverband der AfD. Auf der AfD-Landesliste für die Bundestagswahl belegt er den aussichtsreichen Platz sieben. Im Herbst soll es für Helferich nach Berlin gehen.

Dokumente gewähren Einblick in Fall Helferich

Vergangenen Freitag gab dann der Bundesvorstand der AfD bekannt, dass er sich am Montag mit Chats von Matthias Helferich befasse. Inhaltliche Angaben dazu will der Pressesprecher des Bundesvorstands nicht machen. Ein Insider spricht von "krassen Aussagen".

Dem WDR liegen nun ein Mitschnitt der AfD-Landesvorstandssitzung und Chat-Aussagen Matthias Helferichs vor. Die Dokumente gewähren Einblick in einen Fall, der zwei Monate vor der Bundestagswahl weder der AfD-Führung noch ihren beiden Spitzenkandidaten Alice Weidel und Tino Chrupalla gefallen dürfte. Der Fall Helferich bringt die Partei in die Bredouille.

AfD-Chef in NRW: Sachverhalte, die den Nationalsozialismus beinhalten

"Hier wird sicherlich (…) schon versucht, Matthias Helferich in vielen Dingen zu beschuldigen", sagte Rüdiger Lucassen bei der Sitzung des Landesvorstands mit Blick auf dessen Aussagen und die dazugehörigen Kommentare. Der Landeschef äußerte sich auch inhaltlich: "Anonym habe ich bekommen ein Schriftstück, in dem, sag ich mal, fünf, sechs, sieben Sachverhalte sind, Themen, die indirekt oder direkt den Nationalsozialismus beinhalten, beschrieben sind."

Fünf bis sieben Sachverhalte, die den Nationalsozialismus betreffen – manche Mitglieder des Landesvorstands wollten da gern mehr wissen. Doch Lucassen weigerte sich, seinen Vorstandskollegen die konkreten Zitate zu nennen. "Das geht zum jetzigen Zeitpunkt nicht", begründete er sein Schweigen. "Das ist eine rufschädigende Äußerung offensichtlich, die Matthias betrifft."

"Das freundliche Gesicht des NS" als Foto-Unterzeile

In den Auszügen eines Facebook-Messenger-Chats von Matthias Helferich, die dem WDR vorliegen, finden sich Äußerungen, die offenbar aus den Jahren 2016 und 2017 stammen und die in der Tat "direkt oder indirekt" den Nationalsozialismus zum Thema haben.

Einmal postet Helferich ein Foto von sich mit AfD-Flyer in der Hand vor einer Kirche. Darunter schreibt er: "das freundliche gesicht des ns". Die Abkürzung NS steht für den Nationalsozialismus. Jahre später, im Mai 2021, als die NRW-AfD ihre Liste für den Bundestag wählte, löschte er offenbar diesen Chateintrag.

Kornblumen: "Geheimes Symbol der Nationalsozialisten"

An einem anderen Tag stellt der AfD-Funktionär ein Foto in den Chat, das neben einer Kerze eine kleine Vase mit einer blauen Kornblume zeigt. "Gemütlich", antwortet sein Chat-Partner – und bekommt dann gleich eine Erklärung von Helferich: "Die kornblumen: geheimes symbol der nationalsozialisten während des verbots in österreich".

Weiter schreibt Helferich: "ich züchte sie im garten", und zeigt ein Kornblumenfoto in einem Beet. Sein Gesprächspartner antwortet, er verbinde mit der Kornblume den Dichter Novalis. "Ich die Erschießung der österreichischen Staatsführung", antwortet Helferich. Nationalsozialisten in Österreich erschossen dort 1934 den Staatspräsidenten Engelbert Dollfuss.

Chat über Freisler-Video

In einem Chat-Auszug bezeichnet Helferich einen Parteifreund als "bullen-tucke" und kündigt an, ihn "im persönlichen Gespräch" zu bedrohen. Über eine andere Person, den sein Chatpartner als verformten Charakter bezeichnet, schreibt Helferich, jetzt erneut mit Blick auf die NS-Zeit: "lebensborn in falsch". Der Verein Lebensborn versuchte während des Nationalsozialismus, die Zahl sogenannter arischer Kinder zu erhöhen. Dabei orientierte er sich streng an der menschenverachtenden Rassenlehre der NSDAP.

Im Nazi-Deutschland zwischen 1933 und 1945 wirkte auch der Richter Roland Freisler. Der Vorsitzende des Volksgerichtshofs verantwortete tausende Todesurteile, unter anderem gegen die Widerstandskämpfer Hans und Sophie Scholl. Matthias Helferich schickt seinem Chatpartner ein Video, das den Nazi-Richter Freisler in Aktion zeigt. Nachdem sein Gesprächspartner ihm etwas geantwortet hat, schreibt Helferich: "ich wollte den 'demokratischen Freisler' beim landeskongress geben".

Bundes-AfD will sich von Causa Helferich ein Bild machen

Die Chat-Auszüge Matthias Helferichs, der damals Mitte/Ende 20 war, lesen sich unzweideutig. Am vergangenen Montag, zum Zeitpunkt der Sitzung des AfD-Landesvorstands, hatten die Bundesparteivorsitzenden Tino Chrupalla und Jörg Meuthen den NRW-Parteichef Rüdiger Lucassen bereits zu einer Stellungnahme aufgefordert. So stellte es Lucassen dar. Die beiden AfD-Bundesvorsitzenden wollen sich nun mit ihren Kollegen im Bundesvorstand ein Bild machen von der Causa Helferich.

Der Fall des Lucassen-Vertrauten wirft die Frage auf, ob die AfD einen Juristen in den Bundestag schicken möchte, der schrieb, er habe einen demokratischen Freisler geben wollen und der unter ein Foto von sich selbst "das freundliche gesicht des ns" schrieb.

Helferich: Recht auf informationelle Selbstbestimmung

Rüdiger Lucassen wollte Fragen des WDR zum Fall Helferich nicht beantworten. Der WDR schickte auch Matthias Helferich Fragen zu den Chat-Auszügen. Helferich antwortete, ging dabei aber nicht konkret auf die Fragen ein. Er bestritt nicht, dass die Chat-Einträge von ihm stammen, wollte das aber auch nicht bestätigen. Er verweist auf eine ablehnende Haltung zu "Neonazi-Parteien". In seiner ersten Stellungnahme äußerte er, "vermeintliche Chatinhalte" unterfielen dem Recht auf informationelle Selbstbestimmung.

Der Fall belastet auch den Landesvorstand (LaVo) der AfD. Dort erhielt Rüdiger Lucassen deftige Kritik für seinen Umgang mit dem Fall Helferich. Lucassen selbst kündigte nach der Sitzung schriftlich eine Art Kontaktsperre an. "Ich werde über den Fortgang in der Causa Helferich in keiner Weise mehr unseren LaVo unterrichten, geschweige denn über mein weiteres Vorgehen in Kenntnis setzen." Lucassen wertete als "Vertrauensbruch", dass einer seiner Kollegen sich in der Causa Helferich womöglich an den Bundesvorsitzenden Jörg Meuthen gewandt habe.

Ein Mitglied des Landesvorstands empörte sich bereits per Mail auf diesen Vorstoß und wandte sich an ein Mitglied des Bundesvorstands. "So eine Vertuschungsaktion ist nicht akzeptabel." Ein anderes Vorstandsmitglied forderte Lucassen schriftlich zum Rücktritt auf.

Stand: 11.07.2021, 18:15

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