Cannabis legalisieren - das ist dabei wichtig

Cannabis-Legalisierung: Wie machen wir's richtig? 03:37 Min. Verfügbar bis 19.12.2022

Cannabis legalisieren - das ist dabei wichtig

Die Cannabis-Legalisierung kommt - so viel steht fest. Wie das mit dem Anbau, dem Verkauf und dem Kiffen laufen soll, muss die Ampelkoalition noch beschließen. Holland zeigt, wie man es nicht machen sollte.

"Dass ich das noch erleben darf! Ich kann mir also demnächst den Weg nach Roermond sparen, wenn ich Gras brauche", sagt Martina (Name geändert) aus Nettetal am Niederrhein. Die 55-Jährige kifft seit 35 Jahren – jeden Abend ein, zwei "Tütchen".

Bisher hat sie in niederländischen Coffeeshops eingekauft, aber in letzter Zeit habe sich die Qualität verändert. Martina: "Das Gras ist viel zu stark. Ich würde lieber in Deutschland legale, kontrollierte Ware kaufen. Dann dürfte es auch etwas mehr kosten."

Ziel: weniger Kriminalität, mehr Jugendschutz und bessere Qualität

Bis es soweit ist, wird es wohl noch eine Weile dauern, denn die Ampel-Pläne von SPD, Grünen und FDP zu Verkauf, Besitz und Konsum sind noch vage. Das steht im Koalitionsvertrag: "Wir führen die kontrollierte Abgabe von Cannabis an Erwachsene zu Genusszwecken in lizenzierten Geschäften ein".

Dadurch werde die Weitergabe verunreinigter Substanzen verhindert und der Jugendschutz gewährleistet, heißt es. Nach vier Jahren soll überprüft werden, welche Auswirkungen das Gesetz auf die Gesellschaft hat.

Inkonsequente Legalisierung in den Niederlanden

Michael Mertens, Gewerkschaft der Polizei

Michael Mertens von der Gewerkschaft der Polizei in NRW

Dass die Legalisierung von Cannabis problematisch verlaufen kann, zeigt ein Blick zu den niederländischen Nachbarn. Hier seien viele Fehler gemacht worden, von denen die Ampelregierung lernen könne, sagt Michael Mertens, Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei.

"Der Schwarzmarkt blüht in den Niederlanden, die Drogenkriminalität ist gestiegen. Die Drogenmafia ist ganz klar auf dem Vormarsch", so Mertens. Das Problem: Zwar dürfen niederländische Coffeeshops Cannabis verkaufen, aber der Ladeninhaber darf es nicht legal einkaufen; Anbau und Großhandel sind verboten.

Das soll in Deutschland nach Plänen der Grünen anders organisiert werden. Laut ihrem Gesetzentwurf von 2018 soll die gesamte Handelskette reguliert werden: von Anbau und Import, über den Großhandel bis zum Einzelhandel.

Das meiste medizinische Cannabis wird importiert

Ein Stück Cannabis wird gewogen

In Deutschland produziertes Cannabis reicht nicht

Aber woher soll das ganze Gras kommen, kontrolliert und in bester Qualität? Einen Eindruck von den Anbaumengen, die in Deutschland möglich sind, bekommt man, wenn man sich den Markt für medizinisches Cannabis anguckt. Der zeigt: Der Großteil muss importiert werden.

Bis 2025 dürfen in Deutschland laut Ausschreibung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) jährlich maximal 2,6 Tonnen medizinisches Cannabis produziert werden. Etwa 4,5 Mal so so groß ist der Bedarf. Angesichts der wachsenden Bedarfszahlen könnte es laut BfArM theoretisch schon vor 2025 eine neue Ausschreibung geben.

Schätzung: Wir brauchen 400 Tonnen pro Jahr

DEMECAN aus Berlin ist bisher die einzige deutsche Firma, die hierzulande Cannabis anbauen darf - neben zwei Tochteruntenehmen von kanadischen Produzenten. Die derzeitige Produktionskapazität von 1,5 Tonnen Cannabis pro Jahr könne man kurzfristig erweitern, sagt DEMECAN-Geschäftsführer und Mitbegründer Cornelius Maurer: "In sechs bis neun Monaten auf vier Tonnen, mit einem bisschen mehr Vorlaufzeit auch auf zehn Tonnen." Das reicht allerdings nicht:

HHU-Forscher Haucap für Cannabis-Legalisierung

Wirtschaftswissenschaftler Justus Haucap

Eine Studie von Wirtschaftswissenschaftler Justus Haucap von der Universität Düsseldorf prognostiziert einen Bedarf von 400 Tonnen pro Jahr, wenn Cannabis für Genusszwecke freigegeben wird. Dieser Bedarf müsste zunächst aus dem Ausland gedeckt werden. Der Preis dürfe nicht höher als zehn bis 20 Prozent über dem derzeitigen Schwarzmarktpreis liegen, so der Experte. Nur so könnten illegale Strukturen überflüssig werden.

Nebeneffekt: hohe Steuereinnahmen

"Ein guter Nebeneffekt bei der Legalisierung von Cannabis sind Steuereinnahmen", so Haucap. Laut seiner Studie kann der Staat durch eine Cannabis-Steuer, durch Einsparungen bei Polizei und Justiz und durch Abgaben, die Unternehmen und Arbeitnehmer leisten müssen, insgesamt 4,7 Milliarden Euro pro Jahr einnehmen. Das Geld müsse unter anderem in Aufklärungskampagnen fließen.

Noch viele Fragen offen

Cannabis wird in der Apotheke gekauft.

Verkaufen Apotheken bald Cannabis als Genussmittel?

Sollte irgendwann der Gesetzentwurf der Ampelregierung stehen, könnten viele Details interessant werden: zum Beispiel, ob sich die Grenzwerte für Autofahrer ändern. Bisher gilt in Deutschland noch ein Grenzwert von einem Nanogramm THC pro Milliliter Blutserum. Bei THC handelt es sich um den berauschenden Wirkstoff der Cannabis-Pflanze.

Und: Wer übernimmt den Verkauf? Apotheken sind im Gespräch, weil die MitarbeiterInnen beraten und das Alter der Kunden kontrollieren können. Im Gesetzentwurf der Grünen von 2018 ist unspezifisch von "Cannabisfachgeschäften" die Rede.

Unklar ist auch noch, ob man für den Eigenbedarf selbst Pflanzen züchten dürfen wird, und wie viele. Haucap kennt ein Beispiel aus den USA: "In Colorado darf man sechs Pflanzen haben, von denen jedoch nur drei gleichzeitig blühen dürfen."

Stand: 19.12.2021, 06:00

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