Bombenanschläge am Flughafen Kabul: US-Präsident kündigt Vergeltung an

Bombenanschläge am Flughafen Kabul: US-Präsident kündigt Vergeltung an

Bei Selbstmordanschlägen auf den Evakuierungseinsatz in Afghanistan wurden mehrere Soldaten und Zivilisten getötet. Die Bundeswehr hatte kurz zuvor ihren Rettungseinsatz am afghanischen Flughafen in Kabul beeendet.

Nach dem verheerenden Anschlag in der Nähe des Flughafens von Kabul hat US-Präsident Joe Biden den dafür verantwortlichen Terroristen mit Vergeltung gedroht. "Wir werden Euch jagen und Euch dafür bezahlen lassen", sagte Biden am Donnerstag im Weißen Haus. Er kündigte Einsätze des US-Militärs gegen die für den Anschlag verantwortliche Terrormiliz Islamischer Staat (IS) an - und die Fortsetzung der Evakuierungen aus Afghanistan. Die Terroristen könnten die USA nicht dazu bringen, ihre "Mission" zu stoppen.

Abzug aus Afghanistan

WDR 5 Morgenecho - Medienschau 27.08.2021 03:31 Min. Verfügbar bis 27.08.2022 WDR 5


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Viele tote Soldaten und Zivilisten

Am Donnerstag gab es zuvor am Flughafen Kabul zwei Explosionen. Über die Zahl der Opfer und Verletzten gibt es unterschiedliche Angaben. Ein Krankenhaus- und ein Talibanvertreter haben am Freitagmorgen von mindestens 72 toten Zivilisten gesprochen. Nach Angaben eines Vertreter der gestürzten afghanischen Regierung wurden bis zu 60 Menschen bei dem Doppelanschlag getötet. Außerdem starben nach bisherigen US-Angaben mindestens 13 US-Soldaten. Deutsche Soldaten sind von der Explosion vor dem Flughafen nicht betroffen, teilte die Bundeswehr auf Twitter mit. Auch die Bundesregierung hatte am Abend laut Außenminister Heiko Maas (SPD) keine Informationen über deutsche Opfer.

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Anschlag trifft auch Taliban-Mitglieder

Bei den Explosionen sollen mindestens 28 Taliban ums Leben gekommen sein. Wie ein Sprecher der Taliban erklärte, hätten sie damit mehr Einsatzkräfte verloren als die Amerikaner. Terrorismusforscher Peter Neumann betonte in den Tagesthemen, der IS sei ein Feind der Taliban. Al-Qaida habe in der Vergangenheit eine Partnerschaft mit den Taliban gehabt, das treffe auf den IS nicht zu.

Eine Ärztin kümmern sich um einen Verletzten nach den Anschlägen in Kabul

Eine Ärztin kümmern sich um einen Verletzten nach den Anschlägen in Kabul

Zwei Explosionen am Flughafen

Pentagon-Sprecher John Kirby sagte am Donnerstag, bei einem "komplexen Angriff" habe es eine Detonation nahe des Flughafenzugangs Abbey Gate gegeben. Außerdem habe sich "mindestens" eine weitere Explosion am nahe gelegenen Baron Hotel ereignet.

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Hinweise auf Selbstmord-Attentat am Flughafen

Zwei Selbstmordattentäter und Bewaffnete hatten sich laut US-Kreisen vor dem Kabuler Flughafen unter zahlreiche Ausreisewillige gemischt und ein Blutbad angerichtet.

Der gut vernetzte afghanische Journalist Bilal Sarwari schrieb auf Twitter, ein Selbstmordattentäter habe sich vor dem Flughafen in einer großen Menschenmenge in die Luft gesprengt. Mindestens ein weiterer Angreifer habe danach das Feuer eröffnet. Sarwari berief sich auf mehrere Augenzeugen in dem Gebiet.

Der IS erklärte unterdessen, ein Kämpfer eines regionalen IS-Ablegers habe alle Sicherheitsabsperrungen überwunden und sich US-Soldaten auf "nicht mehr als fünf Meter" nähern können. Er habe dann seine Sprengstoffweste detonieren lassen.

Bundeswehr beendet Evakuierungsflüge

Die deutsche Luftwaffe flog am Donnerstag kurz vor dem Anschlag alle Bundeswehrsoldaten, Diplomaten und verbliebenen Polizisten aus dem Krisenstaat aus, wie Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) sagte. Nach Angaben der Ministerin wurden 5.347 Menschen aus mindestens 45 Ländern evakuiert, darunter rund 500 Deutsche und mehr als 4.000 Afghanen.

Weitere Evakuierungsflüge seien nicht mehr möglich. Die etwa 600 bei der Mission eingesetzten Soldaten werden nach ihrer Rückkehr am Freitag gegen 16 Uhr auf dem Militärflughafen im niedersächsischen Wunstorf empfangen. Der Vorsitzende des Deutschen Bundeswehrverbands, André Wüstner, warf der Regierung in den ARD-"Tagesthemen" mit Blick auf den gescheiterten Afghanistan-Einsatz vor, nur "bedingt strategiefähig" zu sein.

Merkel: "Niederträchtiger Anschlag"

"Terror gegen Mitmenschen ist durch nichts zu rechtfertigen und widerspricht allen religiösen Überzeugungen." Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, bewertet den Anschlag am Flughafen von Kabul als "traurige Bestätigung für die lebensgefährliche Situation in Afghanistan". "Terror gegen Mitmenschen ist durch nichts zu rechtfertigen und widerspricht allen religiösen Überzeugungen."

Eine Frau kümmert sich um einen Verletzten nach den Anschlägen in Kabul

Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach von einer "bedrückenden Nachricht". "Dies ist ein absolut niederträchtiger Anschlag", sagte sie. NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg wertete den Vorfall als "entsetzlichen Terrorangriff".

Laschet: Kooperation nur bei Wahrung fundamentaler Rechte

NRW-Ministerpäsident und Unions-Kanzlerkandidat Armin Laschet sagte: "Die künftige Bundesregierung, auch ein künftiger Kanzler, muss den europäischen Konsens herstellen. 27 europäische Staaten müssen mit der gleichen Sprache, der gleichen Methodik, dem gleichen öffentlichen Druck und dem gleichen wirtschaftlichen Druck dem Regime klarmachen, es gibt keine Kooperation, wenn nicht fundamentale Rechte gewahrt werden."

Frankreich will noch mehrere hundert Menschen retten

Ungeachtet der Anschläge will Frankreich seine Evakuierungsflüge nach Möglichkeit fortsetzen. Präsident Emmanuel Macron sagte bei einem Besuch in Dublin, sein Land werde alles versuchen, um noch "mehrere hundert Menschen" aus Afghanistan zu retten.

"Wir haben die Sicherheitslage nicht unter Kontrolle." Emmanuel Macron, Frankreichs Staatspräsident

Macron sagte auch, es warteten noch 20 Busse mit Afghanen und binationalen Staatsangehörigen in der Nähe des Kabuler Militärflughafens, die Frankreich über die Vereinigten Arabischen Emirate ausfliegen wolle. Es gebe aber keine Garantie, dass dies gelinge, "denn wir haben die Sicherheitslage nicht unter Kontrolle". Die Lage in Kabul und am Flughafen sei weiterhin "extrem gefährlich".

Stand: 27.08.2021, 08:14

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