Immer mehr Afghanistan-Veteranen suchen psychologischen Beistand

Immer mehr Afghanistan-Veteranen suchen psychologischen Beistand

Nach der Machtübernahme der Taliban verzeichnen Veteranenvertreter der Bundeswehr einen deutlich wachsenden psychologischen Beratungsbedarf ehemaliger Soldaten des Afghanistaneinsatzes.

Für viele sind die ehemaligen afghanischen Bundeswehr-Helfer, die aus Angst vor den Taliban das Land verlassen wollen, eben nicht nur "Ortskräfte" sondern Menschen, mit denen sie eng zusammengearbeitet haben.

Kurzfristig keine therapeutische Behandlung über Bundeswehr

"Das ist ganz schwer aushaltbar, weil man so machtlos ist", sagt Andreas-Eggert mit Blick auf die ehemaligen Helfer der Bundeswehr, die vor dem Kabuler Flufhafen stehen, aber nicht auf das Gelände gelassen werden. Er war selbst sieben Mal in Afghanistan und ist jetzt Regional-Vorstand West des Veteranenverbandes.

Andreas Eggert im Skype-Interview

Andreas Eggert, Veteranenverband

Er bekomme jeden Tag Anrufe von Veteranen, die unter der Situation leiden, weil sie so hilflos sind. Alle seien stark belastet. Über die Bundeswehr eine therapeutische Behandlung zu bekommen, daran sei kurzfristig nicht zu denken. Das sei alles sehr bürokratisiert: "Wir fangen uns momentan alle gegenseitig so ein bisschen auf. Wir telefonieren sehr viel."

Die anderen Nationen holen ihre Helfer raus

"Das bereitet nicht für einen kurzen Zeitraum mal schlaflose Nächte, sondern das wird über Monate die Kameraden wieder zurückwerfen." Je näher der "Tag x", sprich der komplette Abzug aus Kabul, rücke, desto schlechter werde es den Veteranen gehen: "Wir wissen, der Rest der Menschen wird vermutlich verloren sein."

Dass bis dato so wenige Ortskräfte rausgeholt werden, ist für Eggert unverständlich. Er sagt, dass das Mandat erweitert werden müsse, damit die Bundeswehr-Soldaten in Kabul den Flughafen auch verlassen und afghanische Helfer retten können: "Das machen die Franzosen auch vor Ort. Sie holen ihre Menschen dort raus aus der Menge. Warum die Deutschen nicht?"

Eggert rechnet mit 20.000, die gerettet werden müssen

Die deutschen Soldaten vor Ort seien dafür ausgebildet und wollten dies auch. Doch während andere Nationen auch die Ortskräfte in Sicherheit bringen, die sich außerhalb des Flughafens befinden, darf die Bundeswehr dies nicht: "Das kann nicht sein, dass Hilfe geleistet werden kann, aber sie wird nicht geleistet. Nicht in dem Umfang, wie wir sie leisten könnten."

Eggert befürchtet das Schlimmste für Helfer, die noch nicht ausgeflogen sind, wenn sich das Zeitfenster am 31. August schließt und die US-Amerikaner und Deutschen aus Kabul abziehen: "Wir werden ganz viele Menschen dort unten einfach ihrem Schicksal überlassen. Das wird für viele ganz, ganz schrecklich werden." Eggert geht davon aus, dass es sich um die 20.000 Menschen handelt, die Deutschland aus Afghanistan rausholen müsse.

"Afghanische Zivilgesellschaft darf nicht unsichtbar sein"

WDR 5 Morgenecho - Interview 21.08.2021 08:45 Min. Verfügbar bis 21.08.2022 WDR 5


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Stand: 21.08.2021, 16:15

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